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Titel 6/2015

Grün wachsen geht nicht

Mit Genuss-ohne-Reue-Beschwichtigungen kann man Wahlen gewinnen. Die Welt retten wir so aber nicht. Ein Interview mit Wachstumskritiker Niko Paech.

Fotos: RicAguiar/istockphoto.comDie Autohersteller sind gut gerüstet für die Schlacht um die Weltmärkte. Klima- und Umweltprobleme werden zu Kollateralschäden.

fairkehr: Herr Paech, die deutschen Autobauer verkaufen in China so viele Autos wie nie zuvor. Zwar besitzen dort laut Verband der Automobilindustrie (VDA) von 1000 Einwohnern nur 52 ein Auto, doch in der erstarkten Mittelschicht will jeder ein eigenes Auto haben. Wird Ihnen schlecht bei solchen Freudennachrichten aus der deutschen Wirtschaft?

Niko Paech: Dies zeigt, dass unser Wohlstand, der sich aus guten Platzierungen bei den Exportweltmeisterschaften speist, parasitär ist. Es ist kaum zu glauben: Nie zuvor in der Geschichte verfügten wir über derart effektive technische Mittel, um unsere Grund-bedürfnisse vergleichsweise mühelos zu befriedigen und ohne weitere Expansion in den ökologischen Raum gestalten zu können. Doch wir tun das genaue Gegenteil: Je höher der erreichte Wohlstand und das technische Fortschrittsniveau sind, desto mehr plündern und expandieren wir, um unser Versorgungssystem zu stabilisieren. Daraus ergeben sich dann folgerichtig ständig neue Wellen einer ökonomischen Kolonisation. China bietet sich dafür geradezu an.

Die Bundesregierung hat eine Nachhaltigkeitsstrategie ausgerufen, setzt auf grünes Wachstum. Gleichzeitig hofiert sie die Autobauer. Wie passt das zusammen?

Das passt sehr gut zusammen. Sogenanntes grünes Wachstum verkörpert nichts anderes als den populistischen Versuch, lieb-
gewonnene Wohlstandsobjekte und -praktiken gegen ökologisch motivierten Wandel zu immunisieren, indem sie einer grün-
technologischen Optimierung unterzogen werden. Mit derartigen, zumeist noch quasi-wissenschaftlich beglaubigten Genuss-ohne-Reue-Beschwichtigungen kann man nicht nur Säle füllen und Bestseller verkaufen, sondern Wahlen gewinnen.
 
Immerhin arbeiten Daimler, VW und BMW an Elektro- und Hybridautos. Und entwickeln Carsharing-Konzepte. Ist das nichts?

Alles, was ein weiteres Festhalten an der derzeitigen Ausbreitung des motorisierten Individualverkehrs auch nur indirekt rechtfertigt, ist problematisch. Nur eine radikale Senkung der Mobilitätsnachfrage – also nicht nur ein Ausweichen auf vermeintlich ökologische Alternativen – verhilft zu klimafreundlichen Lösungen. Die Mobilitätsnachfrage ist größtenteils dekadent und muss gesenkt werden – und zwar nicht nur der Autoverkehr, sondern auch Flug- und Schiffsreisen. Autos werden auch in Zukunft gebraucht, aber nur in einer weitaus geringeren Stückzahl pro Einwohner als heute in Europa. Wenn es sich bei den wenigen restlichen Autos dann um Elektromobile handeln würde, die durch Carsharing für möglichst viele Nutzer verfügbar sind, wäre nichts dagegen einzuwenden.

Immer weniger Leute wollen sich ein Auto anschaffen, weil sie in der Stadt keines brauchen. 2050 sollen 80 Prozent der Menschen in Städten leben. Wird das Auto – zumindest in Teilen der Welt – überflüssig?

Ihre Beobachtung dürfte wohl nur auf europäische, nordameri-
kanische und japanische Metropolen zutreffen. Mit Ihrer ersten Frage haben Sie ja selbst auf das Phänomen China und den dortigen Auto-Boom hingewiesen. Das gilt für andere Teile Asiens, Afrika und Lateinamerika nicht minder. Außerdem kann ich das Gefasel von der angeblich abnehmenden Statusrelevanz des Autos nicht mehr hören. Hier scheint mir jede Differenzierung zu fehlen. Aus politischer Korrektheit ignorieren wir diejenigen Milieus, in denen das Auto eine umso höhere Bedeutung hat.

E-Bikes werden immer beliebter. Vor allem in hügeligen Orten wie in der Autostadt Stuttgart können die Bewohner so aufs Rad umsteigen. Was halten Sie von E-Bikes?

E-Bikes sind nur dann gut, wenn damit effektiv Autos ersetzt werden. Sie haben für sich betrachtet viele Nachteile, weil sie der ohnehin schon desaströsen Elektrifizierung und Technisierung der Gesellschaft Vorschub leisten und eine ehemals von Menschen beherrschbare Technik in Hightech verwandeln, die aus autonomen Nutzern nun serviceabhängige Deppen macht.

Foto: privatNiko Paech ist Deutschlands führender Wachstumskritiker. Der studierte Volkswirt ist seit 2010 Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Im Schnitt braucht ein Autofahrer in der Stadt sechsmal so viel Platz wie einFußgänger, den Parkplatz nicht eingerechnet. In den 60ern wurden autofreundliche Städte geplant. Wie sieht für Sie die Stadt im Jahr 2050 aus?

Auf jeden Fall nahezu vollständig autofrei und gekennzeichnet vom rigorosen Rückbau derzeitiger Verkehrsinfrastrukturen. Ein Problem, das wir dadurch aber nicht lösen können, ist der zunehmend globalisierte Aktionsradius der Menschen, die die modernen Metropolen bevölkern.

Wünschen Sie sich mehr Eyjafjallajökulls, mehr Vulkanausbrüche, um den Flugverkehr zu reduzieren?

Nein, so ein Ausbruch ist überhaupt kein Spaß. Besser wäre ein kräftiger Anstieg der Kerosinpreise, sodass uns auf diese Weise das Fliegen abgewöhnt wird.

Unsere Produkte haben oft eine Weltreise hinter sich, bis sie zu uns kommen. Eine Jeans angeblich eine Strecke von eineinhalb Erdumrundungen, in Flugzeugen, Lkw und Zügen. Ist die individuelle Mobilität der Menschen im Vergleich dazu nicht geringfügig?

Nein, denn eine Jeans reist nur einmal, sehr langsam und nicht sonderlich komfortabel, nämlich oft in Frachtschiffen. Sie muss unterwegs auch nicht rundherum mit jedem beliebigen Komfort versorgt werden. Allerdings könnten wir das Transportaufkommen für eine faire und ökologische Jeans aus Asien einfach halbieren: Indem wir die Jeans doppelt so lange tragen.

Der VCD setzt sich sowohl für die Verlagerung des Verkehrs vom Auto auf die Schiene, den ÖPNV und das Fahrrad ein als auch für die Vermeidung von unnötigem Verkehr. Ist das zielführend?

Aber klar, absolut. Jedoch müssen wir bei unnötigem Verkehr besonderes Augenmerk auf Flugreisen legen. Zu den unnötigen Verkehren per Flugreise, deren Reduktion auf ein maßvolles Niveau immense ökologische Entlastungseffekte ermöglicht, zählen Urlaube, Klassenfahrten, Bildungs- und Kulturreisen und ähnliche Auswüchse.

Und wie halten Sie es mit der Mobilität?

Schauen Sie: Wie viele Menschenleben bräuchte ich, um per Wanderung, Fahrrad, Eisenbahn, Bus und ganz selten mal per Schiff alle Besonderheiten und Schönheiten Europas zu erleben? Vermutlich fünf oder vielleicht sogar zehn. Schon deshalb ist es eine selbstgerechte und wenig aufgeklärte Ausrede, wenn ausgerechnet sich für modern haltende Zeitgenossen auf eine neuerdings notwendig gewordene „Weltwärts“-Orientierung verweisen.

Sie vertreten eine extreme Postwachstums-Position, verschrecken mit Ihrer Forderung nach Genügsamkeit viele. Geht es nicht auch softer?

Nein.

Isabella Hafner

 

In „Befreiung vom Überfluss“ entlarvt Niko Paech „grünes“ Wachstum als Mythos. Er fordert, industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken. oekom verlag, 144 Seiten, 14,95 Euro

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