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Titel 5/2011

Urbane Seilbahnen

Foto: Marcus GlogerIn Koblenz verbindet die Kabinenbahn die beiden Standorte der Bundesgartenschau am Deutschen Eck und der Festung Ehrenbreitstein rechts und links des Rheins.

Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim plädiert dafür, Seilbahnen in den öffentlichen Verkehr unserer Städte zu ­integrieren.

Urbane Seilbahnen finden in der deutschen verkehrspolitischen Debatte noch wenig Aufmerksamkeit. Dabei laufen in verschiedenen nordafrikanischen und südamerikanischen Metropolen schon lange mit Erfolg Seilbahnen als normaler Bestandteil des städtischen öffentlichen Verkehrs.

In Deutschland könnte jetzt die sehr erfolgreiche Koblenzer Seilbahn den Durchbruch bringen. Die Kabinenbahn verbidet die beiden Standorte der dort stattfindenden Bundesgartenschau und bringt derzeit 3800 Fahrgäste pro Stunde und Richtung vom Deutschen Eck über den Rhein hinauf zur Festung Ehrenbreitstein. Wegen des besonderen Reiseerlebnisses fährt die Bahn langsamer als sonst üblich, bei Normaltempo betrüge ihre Leistungsfähigkeit 10000 Fahrgäste je Stunde. Die Kabinen sind so ausgelegt, dass problemlos Rollstühle und Fahrräder mitgenommen werden können.

Preiswert, schnell realisierbar, innovativ

Solche Hochleistungsseilbahnen taugen sehr gut zur Bewältigung akuter Probleme im Stadtverkehr. Sie bieten ein preiswertes, schnell realisierbares, innovatives Teilsystem eines erfolgreichen öffentlichen Verkehrs. Man kann sie gut zur Verlängerung von Schienenstrecken einsetzen oder zur Überbrückung städtebaulicher Hindernisse, seien es steile Hänge, Flüsse, Industrieareale, Bahntrassen oder Autobahnen. Seilbahnen können stark besuchte Freizeitparks, Messegelände, Shoppingcenter, Flughäfen, Hochschulareale, Forschungszentren oder Kliniken, die keinen Schienenanschluss haben, gut mit dem nächsten Bahnhof verbinden. Sie sind trotz ihres gemächlichen Fahrtempos von etwa
22 Stundenkilometern relativ schnell, weil sie über Staus und Kreuzungen hinwegschweben und Umwege abkürzen können.

Die Investitionen in die Trasse sind deutlich geringer als bei Straßenbahnen und natürlich erst recht verglichen mit U-Bahnen. Ihr Bau braucht wenig Platz und Masse: Die Infrastruktur beschränkt sich auf Masten, Seile und Haltestellen. Die Bauzeit kann sehr kurz sein. In Koblenz betrug sie nur 14 Monate. Die Betriebskosten sind vergleichsweise gering, weil der Energieverbrauch niedrig ist und der Personalbedarf bescheiden. Seilbahnen können im vollautomatischen Betrieb laufen, sie haben eine zentrale Steuerung, und nur wenige Servicemitarbeiter sind nötig für den Ablauf an den Stationen.

Stadtplaner und Entwickler können Seilbahnen städtebaulich sehr gut integrieren, weil alle Teile individuell entworfen werden. Moderne Seilbahntechnik ermöglicht auf der Strecke Zwischenhaltestellen. Unterwegs sind an Masten Richtungswechsel möglich und auch Kurvenfahrten können bewältigt werden. Damit lassen sich Seilbahnen flexibel in den Stadtraum integrieren. Urbane Seilbahnen können als „Bahnen besonderer Bauart“ wie normale Schienenprojekte gefördert werden, wenn sie in das ÖPNV-Netz und den Tarif integriert sind.

Foto: Marcus GlogerÖffentlicher Transport mit Erlebnischarakter: Noch bis Ende Oktober können Besucher die Seilbahn in Koblenz Probe fahren. Im kommenden Frühjahr soll sie in den Regelbetrieb gehen.

An Grenzen stoßen urbane Seilbahnen im Aktionsradius. Er liegt meist unter fünf Kilometer. Bei sehr en­gen Straßen und in historischen Altstädten können Gestaltungsgründe ge­gen ihren Einsatz sprechen. Und noch stoßen sie vor allem an mentale Grenzen, weil sich viele Planer und Politiker urbane Seilbahnen mangels Erfahrung nicht vorstellen können.

Die Bundesgartenschau Koblenz bietet ein schönes Anschauungsbeispiel, das noch bis Ende Oktober 2011 im Rahmen eines Besuchs Probe gefahren werden kann. Ab dem Frühjahr 2012 fährt die Seilbahn im Regelbetrieb und ist dann die schnellste Verbindung von den Koblenzer Höhenstadtteilen in die Innenstadt.

Heiner Monheim

Der Autor ist emeritierter Professor für Raumentwicklung an der Universität Trier und Mitinhaber von raumkom, Institut für Raumentwicklung und Kommunikation in Trier.

Das Buch

Heiner Monheim hat zusammen mit Christian Muschwitz, Matthias Philippi und Wolfram Auer das Planungshandbuch „Urbane Seilbahnen“ veröffentlicht. Es zeigt die vielfältigen Anwendungsoptionen und Problemlösungspotenziale für Seilbahnen in der Stadt und berichtet über die durchweg ­positiven internationalen Erfahrungen. KSV Verlag, Köln 2010, 124 Seiten, 39 Euro.

fairkehr 4/2018