fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

Weiherstraße 38 | 53111 Bonn | Telefon (0228) 9 85 85-85 | www.fairkehr-magazin.de

Titel 3/2017

Digitale Nachbarschaftshilfe

Die Mitfahrplattform Fairfahrt erleichtert es den Menschen im hessischen Örtchen Romrod, ihre Wege ohne eigenes Auto und unabhängig vom Busfahrplan zu erledigen.

Foto: privatDie Mitfahrplattform Fairfahrt erleichtert es den Menschen im hessischen Örtchen Romrod, ihre Wege ohne eigenes Auto und unabhängig vom Busfahrplan zu erledigen.

Im 2 800-Einwohner-Städtchen Romrod im dünn besiedelten hessischen Vogelsbergkreis gibt es mit Fairfahrt eine lokale Mitfahrplattform für Wege zwischen den Stadtteilen. Das Konzept stammt von vier jungen Männern: Jonathan Waschkewitz (28) und Andreas Stein (27) aus Romrod, Mike Weber (28) aus dem Nachbarort Grebenau und Frederic Madesta (23), einem Hamburger Arbeitskollegen von Waschkewitz. Sie haben auch die Fairfahrt-Internetseite und die App selbst programmiert. „Das war für uns Learning by Doing. Wir sind alle keine Programmierer und haben vorher noch nie eine App entwickelt“, erzählt Jonathan Waschkewitz, der als Medizinphysiker arbeitet.

Von der Idee bis zum Start von Fairfahrt Mitte Mai 2017 hat es etwa anderthalb Jahre gedauert. Im April 2016 hat die Gruppe das Projekt Romrods Bürgermeisterin Birgit Richtberg vorgestellt und um Unterstützung gebeten. Seither fördert die Stadt Fairfahrt und hat unter anderem die fünf Stationen bezahlt. Auch der Vogelsbergkreis bezuschusst das Projekt. Waschkewitz, Madesta, Stein und Weber haben die Firma Netfair Solutions gegründet, damit Stadt und Landkreis ihnen die Fördergelder zukommen lassen dürfen.

Foto: privatEinloggen per Chipkarte: Bitte die reisewilligen Mitfahrer an der Haltestelle einsammeln

„Die Mitfahrer brauchen kein Geld an die Fahrer zu zahlen. Wir setzen auf die intakte Gemeinschaft in kleinen Orten wie Romrod. Viele Menschen kennen sich und unterstützen sich gern gegenseitig. Daher ist auch die Hemmschwelle, jemanden im eigenen Auto mitzunehmen, gering“, erklärt Waschkewitz. Das Prinzip von Fairfahrt ist einfach: Wer mitfahren will, registriert sich über die Webseite und bekommt eine Chipkarte zugeschickt. Es gibt fünf Stationen in Romrod, an denen sich Mitfahrer abholen lassen können. Dort steht ein Automat, an dem der Fahrgast die Karte auflegt, um sich einzuloggen. Dann gibt er seinen Zielort ein – beispielsweise den Rewe-Supermarkt – und wartet, bis er abgeholt wird. Fahrer müssen sich nicht registrieren, sie brauchen nur die App. Haben sie diese installiert, bekommen sie eine Push-Benachrichtigung auf ihr Smartphone, die ihnen zeigt, an welchen Stationen jemand wartet und wohin er will. Fahren sie sowieso in die gleiche Richtung, können sie den Anhalter 2.0 ohne große Umwege an sein Ziel bringen. Zudem leuchtet an den Stationen eine Lampe, die Vorbeifahrenden signalisiert, dass jemand mitgenommen werden möchte.

Virtuelle Fahrpläne

Wer eine Mitfahrgelegenheit gefunden hat, loggt sich bei der Station aus, um anderen Fahrern mitzuteilen, dass sein Abhol-Wunsch sich erledigt hat. Neben der Station am Supermarkt – einem zentralen Ort in Romrod – gibt es eine weitere Station in jedem Ortsteil. Fahrer können ihre zukünftigen Routen – beispielsweise den täglichen Weg zur Arbeit – über die App in einen virtuellen Fahrplan eintragen. Diesen können potenzielle Mitfahrer an den Stationen oder mit der App abrufen. So können sie ohne längere Wartezeit mitfahren oder sich regelmäßig mitnehmen lassen.

„Mit Fairfahrt wollen wir die Mobilität in Romrod verbessern, die Gemeinschaft im Ort stärken und etwas für die Umwelt tun. Denn jede Autofahrt, die das Projekt vermeidet, spart CO2 ein“, sagt Jonathan Waschkewitz. Geld verdienen die vier mit Fairfahrt nicht. „Wir gehen alle nach wie vor unseren Berufen nach. Das Projekt hat für uns Modellcharakter. Wenn andere ländliche Kommunen auf uns zukämen, um unsere Idee zu kaufen, wäre das für uns ein Erfolg“, so Waschkewitz.

Benjamin Kühne

fairfahrt.de

fairkehr 4/2019