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Kolumne 2/2017

Sie fahren oft über die Brücke?

Foto: marcoventuriniautieri/istockphoto.comWer beim Autofahren in Maastricht gefilmt wird, bekommt ein Geschenk.

Wir haben einen Brief von der Stadt bekommen. Das war erst mal sehr nett. Die Aktion „Maastricht bereikbaar“, also „Maast-richt erreichbar“, bot uns Geschenke oder bis zu 240 Euro an. Super, Geschenke nehmen wir immer gern. Und noch besser: Dafür sollten wir nicht etwa etwas tun, sondern wir sollten etwas nicht tun. Wenn wir zur Stoßzeit nicht mehr über die Kennedybrücke fahren würden, die das östliche mit dem westlichen Maasufer verbindet, dann lockten tolle Belohnungen.

Ich wusste bereits, dass die Stadt ein sehr erfolgreiches Programm am Laufen hat. In Zusammenarbeit mit Unternehmen und Universität werden die Leute direkt angesprochen, vom Auto auf ÖPNV, Fahrrad oder Pedelec umzusteigen. Und es gibt sogar einen Anreiz, auf das Auto zu verzichten: finanzielle Unterstützung beim Kauf von Zweirädern. Die Macher des Programms können mit Zahlen untermauern, dass die Staus zu Stoßzeiten in den letzten Jahren tatsächlich reduziert werden konnten. Nun waren wir also dran und unser Auto.

Die Stadt behauptete zu wissen, dass wir häufig über die Kennedybrücke fahren. Das kam uns beim zweiten Hinschauen dann doch ein bisschen unheimlich vor. Tatsächlich haben wir eine Pendlerin in der Familie, die ein paar Mal pro Woche über die Brücke fährt. Aber woher weiß das die Stadt? Kollegen, die ebenfalls den Brief bekamen, gehen davon aus, dass eine automatische Erkennung der Kennzeichen dabei behilflich ist. Das wäre natürlich angenehm, dann kann die Stadtverwaltung mir auch sicher eine Auflistung schicken, wann und in welche Richtung meine Frau immer über die Kennedybrücke düst. Ich könnte das bei einem eventuellen Kreuzverhör mit ihren Angaben vergleichen und im Fall gewisser ehelicher Irritationen gegen sie verwenden. Spaß beiseite. Ich nehme an, diese Art von Kennzeichenerkennung und deren Verwendung wäre in Deutschland nicht legal, wegen Datenschutz und so. Aber der wird in DE sowieso wesentlich ernster genommen als bei uns. Warum, weiß ich auch nicht.

Die Niederländer sind Filmliebhaber. Ich werde ständig gefilmt, wenn ich morgens mit meinem alten Bauer-Fahrrad ins Büro radle. Womit wir bei meinem wirklichen Problem sind. Ich würde mich auch gern von der Stadt schmieren lassen und mit dem Geld ein Pedelec kaufen. Und zwar möchte ich seit langem eine Rakete, die bis 45 km/h beim Radeln unterstützt, also ein superschnelles E-Bike. Leider komme ich nicht in den Genuss der Prämie, da ich ja bereits mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Und leider, leider sind es nur 2,5 Kilometer und mein Weg führt großteils durch eine Tempo-30-Zone. Ich dürfte also gar nicht ins Büro rasen! Überhaupt sind die Anreize überzeugend, nicht mit dem Auto zu pendeln. Es gibt beispielsweise keine Pendlerpauschale für Arbeitnehmer. Unterstützt wird nur der öffentliche Verkehr. In verschiedenen Unternehmen – wie beispielsweise bei meinem Arbeitgeber – müssen Angestellte in der Innenstadt sogar für ihren Parkplatz bezahlen. Es gab schon seit längerem steuerliche Anreize für die Anschaffung eines neuen Fahrrads. Jetzt also kann man sich zusätzlich einen Zuschuss für den Kauf eines Pedelecs auszahlen lassen. Und das wirkt: In der Stadt wimmelt es nur so von elektrisch unterstützten Fietsen. Die Fahrerinnen und Fahrer sind nicht nur ältere Leute, sondern stammen aus allen Altersgruppen. Deshalb werden bei uns in Zukunft nicht Elektroautos den Berufsverkehr verändern, sondern die Pedelecs.

Die Niederländer sind bekanntlich schon immer längere Strecken mit dem Rad in die Schule und zur Arbeit gefahren als die Deutschen. Mit dem Pedelec können das auch mehr als zehn Kilometer sein. Darum muss ich unbedingt raus aufs Land ziehen. Dann könnte ich die Prämie kassieren, mir ein schnelles Pedelec kaufen, jeden Morgen elektrisch ins Büro rasen und werde endlich auch auf der Brücke gefilmt.

Martin Unfried

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fairkehr 3/2017

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