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Kolumne 1/2017

Früher starb man früher

Foto: tzahiV/istockphoto.comTempo 30 vermeidet keine Terrortoten – aber viele Verkehrstote.

Viele in Deutschland – insbesondere Ältere – sind anscheinend der Meinung, so schlimm wie heute sei es noch nie gewesen mit Terroranschlägen, Trumpismus, dem Euro, Russland, den Flüchtlingen, Syrien und der Autobahnmaut. Die Welt meiner Eltern sah so aus: Atomgefahr, Stellvertreterkriege, Diktaturen selbst noch in Europa, Hunger und Armut in der Welt, stinkende Euro-0-Autos, keine Radwege und keine Hydraulikbremsen. Von wegen alles besser. Früher starb man früher. Heute können die Alten eindeutig länger über den Zustand der Welt klagen. Noch Anfang der 70er Jahre wurde man in Deutschland im Schnitt kaum über 70, heute über 80 Jahre alt. Der medizinische Fortschritt hat viel bewirkt. Und interessanterweise auch die vermiedenen Unglücke bei der Arbeit und auf der Straße.

Gerade den Senioren ist nicht mehr präsent, wie höllengefährlich das Leben in den goldenen siebziger Jahren in Deutschland war, als Opa seinen Käfer gegen den Opel Ascona eintauschte. Damals war keineswegs die RAF das größte Risiko. Ich habe nachgeschaut: Allein in Westdeutschland starben im „schwarzen Jahr“ 1970 im Verkehr 21332 Menschen. Damals war eigentlich jeder Tag ein „Horrortag“ mit mehr als 50 Verkehrstoten. Eine unglaubliche Zahl. Heute sind es in ganz Deutschland rund 3500. Zwar gibt es mehr Autos und mehr Unfälle, aber viel weniger Menschen sterben wegen der Mischung aus besserer Infrastruktur, Gurtpflicht, Airbags und Bremsassistenz.

Weniger Tote sind natürlich immer noch viel zu viele, nämlich 9,5 Opfer am Tag. Und leider geht der Trend in den letzten Jahren nicht mehr eindeutig nach unten. Warum nicht? Da ist es hilfreich, das Risiko Verkehr mit dem Risiko Terrorismus zu vergleichen. Natürlich ist das Risiko, bei einem Anschlag zu sterben, im Vergleich zum Verkehrsrisiko vernachlässigbar. Dennoch sind viele bereit, gewaltige politische Einschränkungen in Kauf zu nehmen, um das Risiko zu minimieren. In Frankreich ist das immer noch ein Ausnahmezustand mit der Aushebelung essenzieller Bürgerrechte. Auch in Deutschland würden die diskutierten verstärkten Grenzkontrollen, Videoüberwachungen und Identitätskontrollen in Bussen und Bahnen zu erheblichen Einschränkungen bei Grundrechten und Freizügigkeit führen. Dennoch wird vieles davon verwirklicht werden.

So bitter und zynisch Vergleiche sind: Anders als die Vermeidung von Terrortoten ist die Vermeidung der Verkehrstoten kein wahlkampfentscheidendes Thema. Die AfD beispielsweise kann durchaus mit mehr Toten leben. Die Forderung nach weniger Tempo 30 km/h in der Stadt lässt das – ganz ohne Polemik – vermuten. Was zu mehr oder weniger Toten führt, ist im Verkehr – anders als bei der Terrorismusbekämpfung – sehr gut erforscht. Die Autoindustrie könnte ihre Autos anpassen, die Verkehrsplaner die Infrastruktur und der Gesetzgeber könnte neue Regeln einführen. Warum nicht eine grundsätzliche Begrenzung der Regelgeschwindigkeit auf einspurigen Bundes- und Landstraßen auf 80 km/h wie in Norwegen? Warum im städtischen Raum nicht 30 km/h als Regelgeschwindigkeit? Warum nicht Geschwindigkeitskontrollen und Bußgelder wie in Großbritannien, das in Europa führend ist bei der Vermeidung von Verkehrstoten? Der Bundestag könnte das in wenigen Wochen beschließen. Das wäre zwar eine Einschränkung für Autofahrer, die gern schnell fahren. Aber wie viele Menschenleben wäre das der Gesellschaft wert?

Fortschritt ist möglich: Lesen Sie gegen den allgemeinen Blues das Buch „Progress“ des Schweden Johan Norberg. Da steht drin, wie gut sich die Welt durch Demokratisierung, Globalisierung und Technologie in den letzten 100 Jahren entwickelt hat. Sie werden es kaum glauben.

Martin Unfried

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fairkehr 2/2017

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