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Service 1/2017

Mit Kind und Kiste

Familien können gut ohne Auto mobil sein – wenn sie den passenden Fahrradfuhrpark besitzen.

Foto: Sebastian HoffFamilie Budimir aus Hannover braucht ihr Auto nur im Urlaub.

Einmal hatte Dragan Budimir eine ganze Geburtstagsgesellschaft geladen: Vor ihm saßen acht Kinder in der Kiste des Lastenrades und hatten großen Spaß. Das „Backfiets“ ist für den 40-jährigen Familienvater inzwischen zum Allzweckmittel geworden: „Damit bringe ich unsere Jüngste morgens in den Kindergarten, erledige Einkäufe und fahre zur Arbeit“, sagt Budimir. Auf dem Weg zu Baustellen transportiert der Innenarchitekt Werkzeuge und Material.

Ein Auto besitzt die fünfköpfige Familie zwar ebenfalls. Der VW-Bus wird aber vor allem für Urlaube genutzt, im Alltag steigen die Budimirs aufs Fahrrad. Der 13-jährige Anton und die zehnjährige Karlotta bewegen sich damit in Hannover vollkommen selbstständig, radeln zum Sport, zur Schule oder zu Freunden. Ihre fünfjährige Schwester Madita wird entweder im Lastenrad befördert oder auf dem eigenen Fahrrad begleitet.

Auch Familie Plesse, die ein paar Stadtteile entfernt lebt, ist überwiegend mit dem Fahrrad mobil. Eltern und alle vier Kinder besitzen jeweils mehrere Räder, hinzu kommt ein Fahrradanhänger. Weil die Kupplung an beide Elternräder passt, kann Vater Maik morgens den jüngsten Spross zur Kita bringen und den Anhänger dort abstellen. Mutter Sandra holt ihn nachmittags wieder ab.

Schneller als mit dem Auto

Als die Kinder jünger waren, lenkte Sandra Plesse eine Art Familienkutsche: Im Kindersitz auf ihrem Gepäckträger saß ein Kind, zwei hockten im Hänger und die älteste Tochter fuhr mit dem eigenen Rad nebenher. „Das war eigentlich nie ein Problem, weil wir meist kurze Wege hatten. Mit dem Auto zu fahren war keine Alternative: Bis ich einen Parkplatz gefunden und alles verstaut hätte, wären wir mit den Rädern schon längst da gewesen“, berichtet sie. Während viele ihrer Bekannten aufs Auto umstiegen, sobald sie mehrere Kinder hatten, blieb Sandra Plesse dem Radfahren treu: „Dadurch zeigen wir anderen Familien: Es geht auch ohne Auto.“

Anika Meenken, Projektleiterin der VCD-Kampagne „FahrRad!“, erlebt es sehr oft, dass Eltern ein Auto anschaffen, wenn Nachwuchs kommt. „Da besteht aber sicherlich ein Unterschied zwischen Stadt und Land“, erläutert sie. „Wenn es im Ort keine Schule oder Kita mehr gibt, sind die Wege in ländlichen Regionen oft weit. In Städten wie Berlin bewegt man sich hingegen meist in seinem Kiez, dafür genügt das Fahrrad.“ Allerdings begegnet ihr auch hier häufig das Vorurteil, dass Kinder im Auto sicherer unterwegs seien. Die Unfallstatistik beweise jedoch das Gegenteil, betont Meenken. Wer seine Kinder mit dem Auto fahre, gefährde zudem andere Verkehrsteilnehmer. An vielen Schulen und Kitas sei das morgens ein Problem.

Marion Laube, im VCD-Vorstand Expertin für Fuß- und Radverkehr, plädiert dafür, dass Kinder früh selbstständig mobil werden: „Die meisten Kinder schätzen es, wenn sie allein unterwegs sein dürfen.“ Bis sie dazu in der Lage sind, müssen sie aber erst einmal Sicherheit auf dem Rad und im Straßenverkehr erlangen. Kinder sollten möglichst jeden Tag üben. Mit dem Laufrad beispielsweise trainieren sie, das Gleichgewicht zu halten, auf andere zu achten und rechtzeitig an Straßenkreuzungen zu halten. „Laufräder sind frühestens ab zwei Jahren geeignet, das hängt aber vom jeweiligen Kind ab“, erklärt die VCD-Projektleiterin Anika Meenken. Ab drei Jahren sind Roller eine gute Alternative. Stützräder fürs Fahrrad seien zum Üben ungeeignet, so Meenken. Das Kind entwickelt kein Gleichgewichtsgefühl und schätzt das Kurvenverhalten falsch ein. Lediglich für körperlich beeinträchtigte Kinder können Stützräder sinnvoll sein.

Anika Meenken übte mit ihren Kindern anfangs an Orten mit wenig Verkehr, zum Beispiel auf breiten Fußwegen. Mit etwa drei Jahren stiegen ihre Kinder aufs Fahrrad um – begleitet von den Eltern. So lernten sie Entfernungen und Geschwindigkeiten besser einzuschätzen und Verkehrsregeln zu beachten. „Das braucht Zeit und Geduld. Eltern sollten viel mit den Kindern sprechen und ihnen viel erklären. Je mehr das Kind kann und sich zutraut, desto länger können die Eltern die sprichwörtliche Leine lassen“, erklärt Anika Meenken. Ihrer Einschätzung nach können Kinder ab etwa acht Jahren allein zur Schule radeln, abhängig von ihren Fähigkeiten und dem Schulweg.

Kinder, die viel Fahrrad fahren oder zu Fuß unterwegs sind, nehmen ihren Lebensraum direkter wahr und können sich leichter orientieren. Da sie heutzutage viel Zeit am Computer, vor dem Fernseher oder am Schreibtisch verbringen, tut ihnen diese Bewegung gut. Anika Meenken verweist in dem Zusammenhang auf eine dänische Studie aus dem Jahr 2012, wonach Kinder, die selbstständig zur Schule radeln oder laufen, sich im Unterricht länger konzentrieren können.

Fahrradmobilität ausprobieren

Wenn die Budimirs mit dem „Backfiets“ unterwegs sind, können sie sich während der Fahrt mit ihren Kindern unterhalten. „Papa kann auch immer gucken, was wir machen“, erzählt die zehnjährige Karlotta. Ihr drei Jahre älterer Bruder freute sich früher über die Aufmerksamkeit, die der Familie im Straßenverkehr zuteilwurde: „Das war lustig, viele Leute haben einen angeguckt.“ Das Lastenrad wird von anderen Verkehrsteilnehmern gut wahrgenommen. Ein Nachteil sei jedoch, dass viele Fahrradabstellplätze in der Stadt dafür zu kurz seien, sagt Dragan Budimir. Auch mit dem Fahrradanhänger gibt es mitunter Probleme. „Die Infrastruktur ist dafür oft nicht ausgelegt. Radwege müssten breiter und komfortabler sein“, kritisiert Marion Laube aus dem VCD-Vorstand. Sie wählt deshalb in Berlin häufig Nebenstraßen, wenn sie mit ihrem Kind im Anhänger unterwegs ist. Manche Routenplaner schlagen passende Strecken vor.

Vom Anhänger über Trailersysteme bis hin zum Lastenrad – auf dem Markt sind inzwischen viele Modelle (siehe Übersicht auf den folgenden Seiten). „Wer vor einem Kauf steht, sollte sich immer zuerst fragen: Was will ich mit dem Produkt?“, sagt VCD-Projektleiterin Anika Meenken. Sie empfiehlt, das eigene Rad zum Fahrradhändler mitzunehmen, um zu klären, welche Variante infrage kommt und wofür das Rad zugelassen ist. Außerdem sollten Probefahrten gemacht werden. Anhänger und Lastenräder haben zum Beispiel einen vergleichsweise großen Wendekreis und einen langen Bremsweg.

Wer weitere Strecken zurücklegen möchte, kann sich ein Pedelec zulegen. Viele Lastenradmodelle gibt es auch mit Elektromotoren. Eine Alternative zur teuren Anschaffung ist die Ausleihe: In einigen Städten gibt es bereits Sharing-Modelle. Wichtig: Bevor Familien entscheiden, ob Kindertransport mit Lastenrad, Anhänger oder Kindersitz für sie eine Option ist, sollten sie Probe fahren. Gedankenspiele reichen für die Entscheidung nicht aus. „Der erste Reflex, wenn Kinder da sind, ist zwar oft, dass es mit dem Auto einfacher ist“, sagt Anika Meenken. „Aber spätestens, wenn sich mit dem Fahrrad Routinen entwickeln, schätzen viele Familien die Vorteile.“

Sebastian Hoff

iStockphoto.com/draco77

Alles, was Recht ist

  • Kinder dürfen bis zum Alter von sieben Jahren (Ausnahme: Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen) im Kindersitz oder im Anhänger transportiert werden. Wer den Anhänger zieht, muss mindestens 16 sein.
  • Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen mit ihrem Fahrrad auf dem Gehweg fahren, bis zum Alter von zehn Jahren dürfen sie diesen nutzen.
  • Seit Anfang dieses Jahres dürfen Kinder auf dem Gehweg von ihren Eltern mit dem Fahrrad begleitet werden.
  • Eine Helmpflicht besteht auch für Kinder nicht, das Tragen wird aber generell empfohlen.
  • Um eigenständig zur Schule oder zur Kita zu fahren, benötigen Kinder rein rechtlich keine Fahrradprüfung und kein Mindestalter.
  • Eine DIN-Norm „Lasten- und Transporträder“ mit Standards für sicheren Kindertransport soll Ende 2017 erscheinen, für Kindersitze und -anhänger gibt es sie bereits.

fairkehr 6/2017

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