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Politik 4/2010

Alltägliche Ölkatastrophen

Große Ölkatastrophen machen weltweit Schlagzeilen. Doch auch der tägliche Förderbetrieb verschmutzt die Meere – jedes Jahr fließen tausende Tonnen Öl in die Nordsee.

Foto: WintershallEin Rohrleitungssystem ersetzt den Öltransport per Tanker durchs Watt. Für den Bau musste der Wattboden in der Nordsee aufgerissen werden.

Die Ölreserven nehmen ab, der Ölpreis steigt – und damit nehmen die Anstrengungen zu, neue Förderstätten aufzutun, inklusive aller Gefahren für die Umwelt. Ölbohrungen rücken in polare Breiten und ins tiefe Meer vor. Dort, so die Hoffnung der Ölmultis, warten noch nennenswerte Funde.

Die Risiken hat die Industrie jedoch nicht im Griff, wie die Ölpest im Golf von Mexiko zeigt. Die Plattform „Deepwater Horizon“ bohrte in einer Meerestiefe von 1500 Metern nach Öl, sie war auf die Erkundung von Tiefseevorkommen spezialisiert. Die Katastrophe relativiert die Euphorie, die noch vor zwei Jahren in den Medien herrschte, als im Atlantik vor Brasilien ein großes Ölvorkommen in einer Wassertiefe von 3000 Metern entdeckt wurde.

Auch lange bestehende Ölfelder werden konsequenter ausgeschöpft. In früheren Jahrzehnten beutete die Industrie ein Erdölfeld höchstens zur Hälfte aus, weil dann der Druck im Untergrund nachließ und das Öl nicht mehr so gut floss. Um eine Lagerstätte länger zu nutzen, wird heute oft Dampf oder Wasser in die Bohrung eingepresst. Doch je länger die Lagerstätten ausgebeutet werden, umso mehr Wasser enthält das geförderte Öl. Und umso größere Mengen ölverseuchtes Produktionswasser werden am Ende in die See geleitet.

Mehr als eine Million Tonnen verschmutztes Wasser im Jahr

Dieses Problem nimmt in der Nordsee und in angrenzenden Meeresgebieten immer größere Ausmaße an, wie Greenpeace und die Oslo-Paris-Kom­mis­sion zum Schutz des Nordost-Atlantiks (OSPAR) melden: Täglich gelangen mehr als eine Million Tonnen verschmutztes Wasser in die Nordsee. Die mit dem Wasser eingeleiteten Ölmengen sind in diesem Jahrhundert auf durchschnittlich mehr als 10.000 Tonnen pro Jahr angestiegen.

In der Nordsee und im angrenzenden Nordost-Atlantik tun derzeit über 700 Öl- und Gasförderanlagen ihren Dienst. Viele Plattformen sind veraltet und gelten als unsicher. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) fordert vom Staat zu kontrollieren, ob die Unternehmen ihre Sicherheitsstandards wirklich einhalten.
Alle zwei Jahre überfliegt ein Greenpeace-Team die Nordsee: Um viele Förderplattformen herum sehen sie Ölteppiche auf dem Wasser treiben. Auch der Meeresgrund ist belastet. „Die Sediment-Proben waren stark verschmutzt und hatten einen chemischen Geruch“, beschreibt der Greenpeace-Mitarbeiter und Biologe Christian Bussau Proben, die Greenpeace nahm, nachdem eine mobile Plattform abgebaut worden war. „In der Nähe der Ölplattformen ist außerdem die biologische Aktivität stark erniedrigt, viele typische Tierarten fehlen vollständig.“

Die Umweltorganisation beklagt, dass die Anrainer-Staaten die hohe Belastung der Nordsee einfach so hinnähmen. Dabei belasten die tägliche Schifffahrt und Ölförderung Nordsee und Weltmeere in der Summe deutlich stärker als einzelne Katastrophen auf Bohrinseln und bei Havarien.

Fremdkörper im Nationalpark

Die größte deutsche Erdöl-Lagerstätte liegt ausgerechnet im empfindlichen Naturschutzgebiet am Rande des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Dort betreiben die RWE Dea und die BASF-Tochter Wintershall seit 1987 unter hohen Sicherheitsvorkehrungen die Bohr- und Förderplattform Mittelplate. Sie erschließen das Ölfeld teils von der Plattform, teils vom Festland aus mit kilometerweit abgelenkten Bohrungen.

Die 70 mal 95 Meter große Bohrinsel steht als dichte Stahl- und Betonwanne direkt auf dem Sandwatt. Vor einigen Jahren musste die Plattform durch Steinschüttungen stabilisiert werden – ein wandernder Priel drohte sie zu unterspülen. Die Ölförderung ist vergleichsweise gut von der Umwelt abgeschottet: Das mit dem Erdöl geförderte Lagerstättenwasser wird abgetrennt und wieder in die Lagerstätte eingepresst. Ölverseuchter Bohrschlamm wird auf dem Festland deponiert. Aus dem nebenbei geförderten Erdgas erzeugen zwei Gasturbinen Strom und Wärme für die Bohrinsel. Allerdings besteht auch eine Stromverbindung mit dem Festland, das Kabel führt direkt durchs Watt – ebenso die Pipeline, bei deren Bau der Wattboden aufgerissen wurde. Sie ersetzt seit einigen Jahren den Transport per Öltanker.

Foto: WintershallDie Ölplattform Mittelplate liegt im Schutzgebiet Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.

Da die Mittelplate nahe bei Brut- und Mausergebieten vieler Vogelarten liegt, beobachten Umweltschützer die Aktivitäten der Ölindustrie sehr kritisch. Dass eine Bohrinsel im Wattenmeer überhaupt möglich ist, liegt daran, dass sie schon viel länger existiert als der Nationalpark. Aus dem Weltnaturerbe ist die Mittelplate ausgenommen. Heute würde ihr Bau vermutlich nicht mehr genehmigt. Allerdings haben das Landesbergbauamt und die Kieler Landesregierung die Fördergenehmigung für die Mittelplate bis zum Jahr 2041 verlängert. Die Betreiber der Mittelplate vermuten im näheren Umfeld weitere kleine Ölfelder und bereiten Erkundungen vor. Probebohrungen im Gebiet des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer haben sie jedoch noch nicht beantragt. Falls die Betreiber auf lohnende Funde stoßen sollten, wäre es möglich, die Felder vom Festland oder von der jetzigen Ölbohrinsel aus zu erschließen.

Der NABU kritisiert die Förderverlängerung scharf. „Eine derart unsensible Entscheidung in einer Phase, in der die Ursachen der Katstrophe in den USA noch nicht abschließend aufgeklärt sind und auch in der Nordsee eine latente Gefahr durch Ölunfälle herrscht, ist überhaupt nicht nachzuvollziehen“, so NABU-Wattenmeer­experte Dominic Cimiotti.

Die Bundesregierung erklärte Ende Juni auf eine Anfrage der Grünen, dass viele Haftungsfragen für Ölunfälle in der Nord- und Ostsee ungeklärt sind. Offenbar ist die Haftung bisher nur für Schiffe geregelt, nicht jedoch für feste Plattformen. Auch eine Deckungsvorsorge für den Schadensfall – also ein Fonds, aus dem Kompensationen gezahlt werden können – ist nicht vorgeschrieben.

Über die Weltmeere schippern zu­dem immer noch Ein-Hüllen-Tanker. Erst ab 2015 dürfen ausschließlich Öltanker mit doppelwandiger Außenhülle auf hoher See fahren. Sie bieten eine höhere Sicherheit vor auslaufendem Öl – wenn die Doppelhülle konsequent gewartet und vor Korrosion geschützt wird.

Radioaktive Ölförderung

Ein ganz anderes Umweltproblem, das der Westdeutsche Rundfunk im vergangenen Winter aufdeckte, ist der radioaktive Abfall der Öl- und Gasindustrie: Bei der Förderung gelangen große Mengen des Alphastrahlers Radium 226 aus dem Erdinneren an die Oberfläche. Radium reagiert mit Wasser zu schwer löslichen Salzen, die sich zum Teil in Schlämmen und in den Förderrohren ablagern – ähnlich wie bei verkalkten Wasserrohren. In der schottischen Küstenstadt Aberdeen werden die radioaktiven Ablagerungen in der Nordsee verklappt. Das Meer spült sie teilweise zurück an die Küste, der Strand müsste eigentlich gesperrt werden. Offshore-Förderplattformen leiten das strahlende Material direkt ins Meer und tragen so wesentlich zur radioaktiven Belastung der Nordsee bei.

Arbeiter reinigen die Förderrohre häufig ohne angemessene Schutzausrüstung, deutsche Entsorgungsbetriebe bereiteten die Schlämme lange ohne Aufsicht der Strahlenschutzbehörden auf. Der Hinweis der Industrie, es handele sich um natürliche Radioaktivität, hilft bei der Bewertung der Risiken nicht weiter. Für die menschlichen Zellen macht die Ursache einer Strahlenbelastung keinen Unterschied – es kommt darauf an, wie stark die Strahlung ist und wie lange ihr jemand ausgesetzt ist. Nimmt der Körper Radium 226 auf, kann es Knochenkrebs auslösen. Friedrich Steinhäusler, Professor für Strahlenbiologie an der Universität Salzburg, sagte im WDR-Interview: „Ein Kernkraftwerk darf in der Größenordnung zwei Becquerel pro Liter Radium 226 im Abwasser haben. Wir haben Lagunen aus der Öl- und Gasindustrie, die das Zehnfache und Hundertfache dieses Wertes haben, ohne dafür eine gerichtliche Genehmigung zu benötigen.“

Zerstörung durch Ölsande

Aufgrund des hohen Ölpreises ist es rentabel geworden, Ölsande abzubauen. In den vergangenen Jahren hat die kanadische Provinz Alberta deshalb einen Öl-Boom erlebt. Die Sande enthalten allerdings nur rund zehn Prozent Bitumen, das erst mit viel Energieaufwand extrahiert und zu Rohöl aufbereitet werden muss, um tauglich für die Raffinerie zu sein. Die Bilanz: knapp eine halbe Milliarde Barrel Öl pro Jahr – und große Mengen an Giftmüll und verschmutztem Wasser. Der aufwändige Prozess verbraucht pro Barrel Öl drei bis sechs Barrel Flusswasser. Der Tagebau zerstört weite Landschaften: Erst werden Wälder gerodet und Feuchtgebiete trockengelegt, dann räumen Bagger den Untergrund ab. Das Frohlocken der Industrie über die Ölsand-Reserven in Alberta klingt wie eine Drohung, denn das Gebiet ist doppelt so groß wie Bayern.

Auch anderswo in der Welt hat die Ölindustrie Verwüstungen hinterlassen: Im Nigerdelta hat Shell die aufgegebenen Bohrköpfe und Pipelines seit Jahren nicht mehr gewartet. Lecks verseuchen die Gewässer, Mangrovenwälder sind zer­stört, Fischfang ist nicht mehr möglich. Jedes Jahr verseucht hier so viel Öl die Umwelt wie im Jahr 1989 beim Unglück des Tankers Exxon Valdez vor
Alaska.

Irene Gronegger

fairkehr 4/2018