Reise 5/2007

Schweizer Alpen

Die Wiege der Bartgeier

Im Schweizerischen Nationalpark können Wanderer Tiere beobachten, die in den Alpen 100 Jahre lang ausgestorben waren. Das Schutzgebiet ist das neueste „Fahrtziel Natur“ der Deutschen Bahn und vier großer Umweltverbände

 

Foto: Kirsten Lange
Auf dem Weg nach Margunet sehen Wanderer die Spuren zahlreicher Murgänge, Lawinen aus Schlamm und Geröll, die sich nach Unwettern von den Hängen lösen.

Zufall breitet die Schwingen aus. Drei Meter messen sie. Dann stürzt Zufall auf Blick und auf Samuel zu – und die drei vollführen verwegene Flugfiguren vor blauem Juli-Himmel. „Fantastisch“, murmelt Stefan Triebs, nimmt das Fernrohr vom Auge und reicht es an die sechsjährige Hanna weiter, damit sie die drei Bartgeier beobachten kann. „Vor vier Wochen hat sich das Bartgeierweibchen Zufall noch am Genfersee herumgetrieben“, erklärt der Nationalparkführer seiner Gruppe.
Mit 21 deutschen Touristen, darunter die kleine Hanna und ihr Vater, steigt Triebs an diesem Vormittag zur „Wiege der Bartgeier“ in den Alpen hinauf: durch das Val da Stabelchod nach Margunet – einem Aussichtspunkt im Schweizerischen Nationalpark, 2330 Meter über dem Meer. Der 43-Jährige führt seit 1998 Wanderer auf diesem Weg durch den ältesten Nationalpark der Alpen. Das 170 Quadratkilometer große Gebiet im Osten des Kantons Graubünden, direkt an der italienischen Grenze, steht seit 1914 unter totalem Schutz: Radeln, Skifahren, Zelten, Feuermachen oder den Hund ausführen ist im einzigen Nationalpark der Schweiz verboten. Außerdem dürfen Besucher niemals vom rechten Weg abkommen: Gelb gestrichene Pfähle markieren die Wanderrouten.

Der Lohn für all diesen Verzicht: Tiere und Pflanzen, die viele Touristen bislang nur in Biologiebüchern gesehen haben, sind hier heimisch. Edelweiß, Enzian und gelber Alpenmohn leuchten an den kargen Kalkhängen. Außerdem leben im Nationalpark Tiere, die in den Alpen lange Zeit ausgestorben waren. Der Steinbock verschwand 1650 aus dem Kanton Graubünden, und das letzte Bartgeierpärchen brütete 1885 dort. Heute beobachten Wanderer durch ihre Ferngläser Steinböcke mit einem Meter langen Hörnern, die einander über die Hänge jagen. Und sie erspähen die borstenartigen Federn unter den Schnäbeln der Bartgeier, die den Vögeln ihren Namen geben.
Der Schweizerische Nationalpark ist seit Anfang 2007 eine von 16 Reisezielen im Rahmen von „Fahrtziel Natur“. Mit diesem Projekt wollen die Deutsche Bahn und die Umweltverbände WWF, Nabu, BUND und VCD europäische Naturschutzgebiete bekannter machen und umweltfreundlichen Tourismus fördern. Sie werben für die Anreise mit der Bahn – vor Ort sollen sich die Besucher mit Bussen, Schiffen, Fahrrädern und zu Fuß fortbewegen. „Mit weniger CO2 in den Schweizerischen Nationalpark“ verkündete die Nationalparkverwaltung im Februar dieses Jahres, als das Schutzgebiet als neues „Fahrtziel Natur“ feststand. Hans Lozza, Leiter des Bereichs Kommunikation, ist diese Partnerschaft wichtig. „Obwohl das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln im Kanton Graubünden sehr gut ist, reisen immer noch etwa 80 Prozent der Nationalpark-Besucher mit dem Privatauto an“, sagt Lozza. Er hofft, dass künftig mehr deutsche Touristen mit Bus und Bahn in die Region kommen.

Foto: Hans Lozza
Im Schweizerischen Nationalpark können Besucher Tiere beobachten, die sie sonst nur aus Büchern kennen – beispielsweise Bartgeier (oben) und Murmeltiere.

Steinböcke entführt

Stefan Triebs feuert seine Wandergruppe an: Bis Margunet fehlen noch 200 Höhenmeter. Den dichten Nadelwald haben die fünf Frauen und 16 Männer leichtfüßig hinter sich gelassen, jetzt kraxeln sie über loses Geröll, an einem rauschenden Bachentlang . „Während der Schneeschmelze ist das ein reißender Strom!“, ruft Triebs über seine Schulter. „Dann ist das Gelände unpassierbar!“

Wenn es taut, donnern Schnee- und Schlammlawinen ungehindert die Berghänge hinunter. Die Natur im Nationalpark bleibt vollkommen sich selbst überlassen, der Mensch greift nicht ein. Im Winter müssen Wanderer draußen bleiben: Sobald auf den Wegen Schnee liegt, herrscht im Schutzgebiet Winterruhe. Erst ab Ende Mai dürfen Besucher wieder in die tiefer liegenden und sonnigen Gegenden, die höheren Gebiete sind bis Ende Juni gesperrt.

Hanna bleibt plötzlich stehen und zieht aufgeregt an der Hand ihres Vaters. „Guck mal!“, flüstert sie und zeigt auf einen Erdhügel direkt am Weg. Dort thront regungslos ein Murmeltier und starrt die Touristen an. Es lässt sich von allen Seiten fotografieren und wendet den Blick nicht von den Menschen, als wolle es sie hypnotisieren. „Wer beobachtet hier wen?“, sinniert Stefan Triebs.

Wissenswertes über Murmeltiere und Bartgeier erfahren die Besucher nicht nur vom Nationalparkführer: 45 Infotafeln für Kinder und Erwachsene säumen den Wanderweg zur Wiege der Bartgeier. In fünf Sprachen erklären sie die Tier- und Pflanzenwelt im Nationalpark. Ein willkommener Grund stehenzubleiben, zu verschnaufen und sich währenddessen schlauzulesen.

Foto: Hans Lozza

 

Endlich – die Felsenplattform! Die Besucher aus der rheinischen und norddeutschen Tiefebene erholen sich vom steilen Aufstieg. Hannas Vater hebt die Sechsjährige von seinen Schultern. Die letzten 50 Höhenmeter hat sie dann doch nicht mehr aus eigener Kraft geschafft.

Als das schwere Atmen der Wanderer nachlässt, hören sie – nichts. Stille herrscht auf Margunet. Kein Straßenlärm, keine Bahngeräusche dringen bis nach hier oben. Nur der Wind singt leise in den Ohren. Er treibt eine Dohle vor sich her, die sich auf dem Felsen niederlässt, näher an die Touristen heranhüpft, den Kopf schräg legt und die Menschengruppe herausfordernd aus schwarzen Knopfaugen ansieht. Von Margunet aus überblicken die Wanderer den halben Nationalpark. 17 schweizerische und italienische Gipfel erheben sich rund um den Aussichtspunkt.

„Hier in der Gegend wurde 1991 das erste Bartgeierpärchen ausgewildert“, erklärt Stefan Triebs. Der Steinbock kehrte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in die Schweiz zurück – unfreiwillig. Schmugglern war es gelungen, dem italienischen König drei der letzten Exemplare zu stehlen und ins Nachbarland zu transportieren. Aus den dreien wurde in den kommenden Jahren eine Steinbock-Großfamilie. Nationalparkmitarbeiter banden im Frühjahr 1920 sechs Tiere aus der Zucht kopfüber an Stöcken fest, schulterten sie, trugen sie die Berge hinauf und setzten sie im Nationalpark aus. Heute klettern 450 Steinböcke über die steilen Hänge.

Hanna will die Bartgeier noch einmal durchs Fernrohr sehen. Zwei von ihnen ziehen 100 Meter unterhalb von Margunet vor ihrem Horst in einer Felswand weiter ihre Kreise. Stefan Triebs erkennt Samuel und Blick. Zufall ist verschwunden – fort nach Italien, Österreich oder zurück an den Genfersee.

Kirsten Lange

www.nationalpark.ch
www.fahrtziel-natur.de
Tourismusverbände und Ferienregionen um den Schweizerischen Nationalpark: www.nationalparkregion.ch
www.graubuenden.ch

   
 

Anreise

Tagsüber: Anreise nach Landquart mit dem EC aus Bremen via Münster, Dortmund, Köln, Mannheim und Freiburg; mit dem ICE ab Berlin, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart oder mit dem EC ab München. Von Landquart aus mit der Rhätischen Bahn nach Zernez im Kanton Graubünden, von dort aus mit dem PostAuto in den Nationalpark.

Nachts: Mit dem Nachtzug nach Bozen (Südtirol), von dort mit der Vinschgerbahn nach Mals. Ab Mals mit dem PostAuto in den Schweizerischen Nationalpark.

• Deutsche Bahn: www.bahn.de, www.nachtzug.de
• Rhätische Bahn: www.rhb.ch
• PostAuto: www.postbus.ch/graubuenden
• Vinschgerbahn:
www.vinschgauerbahn.it

 

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