Politik 6/2005

FIFA WM 2006 TM

Anstoß für die Umwelt

Im Sommer nächsten Jahres streiten 32 Teams um die Fußballweltmeisterschaft 2006, zu deren 64 Spielen über 3,2 Millionen Zuschauer, ca. 15000 Journalisten, zahlreiche Repräsentanten sowie natürlich die Teams aus der ganzen Welt anreisen. Erstmals soll mit dem Projekt „Green Goal“ auch die Umwelt bei einer solchen Sportgroßveranstaltung eine gewichtige Rolle spielen.

Foto: Photoacse.de

Mit „Green Goal“ verpflichtet sich das Organisationskomitee (OK) der Fußball-WM, erstmals konkret messbare Umweltziele zu erreichen. Schon 2001 beschloss das OK-Präsidium die Erstellung eines Umweltkonzeptes. Das Bundesumweltministerium und die Bundesstiftung Umwelt begleiten das Projekt durch fachliche sowie finanzielle Unterstützung. Hauptverantwortlich für das Konzept des Projekts sind das Berliner Öko-Institut und das OK der FIFA, des internationalen Fußballverbands. Die Maßnahmen von „Green Goal“ sollen die Bereiche Abfall, Mobilität, Energie und Wasser im Sinne der Nachhaltigkeit positiv beeinflussen. „Green Goal steht für das nachhaltige Erbe der FIFA WM 2006“, betont Projektleiter Dr. Hartmut Stahl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Öko-Instituts. Denn schließlich bleiben die für das Erreichen der Umweltziele nötigen Infrastrukturmaßnahmen Deutschland und seinen WM Städten erhalten. Als großes Ziel hat sich „Green Goal“ gesetzt, die WM 2006 als erste klimaneutrale Sportgroßveranstaltung auszurichten.

Eine bessere Abfall-, Wasser- und Energiebilanz können die Veranstalter durch den Einsatz neuester Technik erreichen und indem sie Einspar- und Vermeidungspotenziale möglichst ausschöpfen. Die Organisatoren können alle Bereiche, die sich auf die Stadien oder deren näheres Umfeld beziehen, durch ihre Planungen direkt beeinflussen. Beim Thema Mobilität ist die Aufgabe komplexer. „Wir haben uns vorgenommen, die Besucher dazu zu bringen, so früh wie möglich auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen“, sagt Andreas Maatz, Leiter Verkehr und Transport beim OK, über seine Aufgabe. Denn „Green Goal“ hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Hälfte aller Besucher mit dem öffentlichen Nahverkehr zu den WM-Stadien fährt. Insgesamt soll das Projekt die Klimafolgen des gesamten Verkehrsaufkommens der Weltmeisterschaft, in der Höhe, wie sie ohne Green Goal-Maßnahmen zu erwarten wären, um 20 Prozent reduzieren. Dies wurde als Ziel von „Green Goal“ festgeschrieben.

Kombiticket für die Fans

All das ist nur durch attraktive zielgruppenspezifische Verkehrsangebote und eine gute Information aller Besucher möglich. Erstmals zu einer Fußballweltmeisterschaft wird es ein Kombiticket geben, bei dem die Eintrittskarte ins Stadion für den gesamten Spieltag als Fahrkarte für den ÖPNV – Tarifbereich des gesamten Verkehrsverbundes am Austragungsort gilt. Der Fußballfan soll sich vorab im virtuellen Reisezentrum – auf fifaworldcup.com – über Anreisemöglichkeiten mit Bussen und Bahnen informieren können.

Hinweise zum Kombiticket oder zu Park&Ride-Parkplätzen suchen die WM-Besucher allerdings bislang vergebens. Der im Internet zu findende Routenplaner und eine Fahrplanauskunft reichen sicher nicht aus, um in- und ausländische Besucher zur Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu animieren. Laut Andreas Maatz arbeitet das OK-Team gemeinsam mit dem Bundesverkehrsministerium und andern Beteiligten derzeit an einer Erweiterung des Reisezentrums auf fifaworldcup.com, um auch spezifische Hinweise zur Anreise an jeden Austragungsort zu geben. Ein erster Schritt ist sicher, dass es nun möglich ist, sich einen individuellen Fahrplan mit öffentlichen Verkehrsmitteln erstellen zu lassen, indem der Besucher seine Startadresse und das Stadion in die Maske eingibt. Dieser Service funktioniert zurzeit aber nur mit inländischen Adressen. Ebenso beabsichtige man, so Andreas Maatz, durch eine Infobeilage beim Ticketversand Hinweise zur Nutzung des Kombitickets zu geben. Der Hinweis, dass die Eintrittskarte gleichzeitig als Fahrschein gilt, soll in deutsch und englisch auf dem Ticket aufgedruckt sein.

Gerade der internationale Verkehr stellt wohl den größten Anteil des anfallenden Verkehrs und damit auch die größte Herausforderung dar. Auch völlig ortsunkundige italienische oder mexikanische Fußballfans müssen vor ihrer Reise die Informationen erhalten, dass sie, zumindest nach ihrer Landung in Deutschland, problemlos mit Bus oder Bahn weiterreisen können. Das OK hat vor, den europäischen Schienenverkehr stärker in die Planungen zu integrieren. Außerdem will man Langstreckenbusse wie sie innerhalb Europas verkehren, beispielsweise von Berlin nach Moskau, mit in die Überlegungen einbeziehen. Wenn „Green Goal“ erreichen will, dass ein italienischer Fan mit Bus und Bahn anreist, muss dies für ihn genauso einfach sein, als ob er einen Flug von Mailand nach Hamburg buchen möchte.

Erste Schritte hat auch die Deutsche Bahn AG, die eine entscheidende Rolle bei der Erreichung der Mobilitätsziele spielt, Richtung „Green Goal“ getan. Insgesamt 6000 akkreditierte Journalisten dürfen für die Zeit der WM kostenlos die Züge der Deutschen Bahn nutzen. Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft soll Bahn fahren: Jeder Spieler hat seit Kurzem seine eigene BahnCard 100 im Portemonnaie. Oliver Bierhoff nahm stellvertretend die BahnCard entgegen, mit der die Nationalelf bis September 2006 kostenlos in allen Zügen der Deutschen Bahn fahren kann. Erste Erfahrungen mit dem Zugfahren hatte die Mannschaft im Juni beim Confederations-Cup gemacht. „Wir waren pünktlich, schnell und komfortabel unterwegs. Dieses Erlebnis wollen wir gerne wiederholen und daneben einen aktiven Beitrag für ‘Green Goal’ leisten“, sagte Oliver Bierhoff im Rahmen der Übergabe. Einfache Fußballfans müssen sich noch gedulden, denn bisher suchen sie spezielle WM-Angebote der Deutschen Bahn noch vergebens.

Zukunftsweisende Projekte

Trotz aller geplanten Maßnahmen werden nach Schätzungen des Berliner Öko-Instituts etwa 100000 Tonnen an Treibhausgasemissionen anfallen. Verantwortlich dafür ist in erster Linie der durch die Fußball-WM ausgelöste nationale und internationale Verkehr. Auch die Energie für Heizung, Beleuchtung oder Gastronomie verursacht weitere Emissionen. Um sie auszugleichen, haben die Veranstalter versprochen, CO2-Minderungsprojekte durchzuführen. Diese sollen den Ansprüchen des Kyoto-Protokolls und der „Gold Standards“, dem anspruchsvollen Qualitätsstandard der weltweiten Umweltverbände, gerecht werden. Ein erstes Projekt wurde in Indien auf den Weg gebracht. Hierbei arbeitet das Öko-Institut mit einer Baseler Energieagentur und einer Frauenorganisation in Indien zusammen. Dieses Projekt „Familiy Clean Energy Packages“, das der DFB mit 500000 Euro unterstützt, soll rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen der WM kompensieren. In Kleinstanlagen, von lokalen Firmen gebaut, soll Kuhdung zu regenerativem Biogas vergoren werden. Dieses Gas können die Frauen dann zum Kochen verwenden und müssen nicht länger Holz oder Kerosin verfeuern. Zusätzlich können die Familien mit dem Geld ihre Hütten in Stand setzen und Kühe kaufen, die für Biogasnachschub sorgen und nebenbei den Milchbedarf der Familien decken. Im Zusammenhang mit diesem indischen Projekt ist es der FIFA gelungen, den Direktor des Umweltschutzprogrammes der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, als Botschafter für „Green Goal“ zu gewinnen.

Es werden noch einige Anstrengungen nötig sein, die Ziele und die nachhaltigen Wirkungen des Projektes Green Goal zu erreichen. Zukunftsweisend ist aber vielleicht etwas ganz anderes: Wird es gelingen, mit Hilfe der Fußball-WM weltweit eine breite Öffentlichkeit nachhaltig für das Thema Umweltschutz zu sensibilisieren? Ob das gelingt, hängt entscheidend von der Kommunikation des Themas vor und vor allem während dieses internationalen Fußballfestes ab. Wenn die FIFA diese Chance nutzt, hätte sie mit Green Goal wohl ein besonders schönes Tor erzielt, an das man sich dann noch lange erinnern wird.

Sebastian Schürmann

 

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