Nur die halbe Welt

Chefredakteur Michael Adler Michael Adler

Die grösste Industrieschau der Welt - so wird die alle Jahre wiederkehrende Hannovermesse bezeichnet. Im Millenniumsjahr musste eine Steigerung her: Hannover bekam die Expo 2000 - die allergrößte Industrieschau der Welt. Dabei ließ das Motto "Mensch, Natur, Technik" zum Beginn eines neuen Jahrtausends eine komplettere Sicht unserer Welt erwarten. Erstmalig sollten auch die "Grenzen des Wachstums" in das Weltausstellungskonzept einfließen. Immerhin - 28 Jahre nach der gleichnamigen Veröffentlichung des Club of Rome.

So wie die Expo jetzt in rätselhaften Anzeigen präsentiert wird, ist davon allerdings wenig übriggeblieben. Eine wächserne Normschöne - vermutlich computeranimiert - räkelt sich beispielsweise unter der Frage "Werden wir ewig leben?". In der gleichen Anzeige werden auch noch die Fragen "Wird das Internet lebendig werden?" und "Werden die Wüsten blühen?" unters Volk geworfen. "Eine neue Welt entsteht" lautet die Quintessenz der Werbung. Wo? Auf der Expo natürlich. Wann? Zwischen 1. Juni und 31. Oktober 2000.

Die Zweifel wachsen, ob diese schöne, neue Expo-Welt wirklich so neu werden wird. Zuviele Vertreter des Alten, Herkömmlichen bestimmen die Richtung. Da ist einerseits Ex-Treuhandchefin und jetzt Expo-Chefin Birgit Breuel, die nicht so recht innovative Aufbruchstimmung verkörpern will.

Auch die weitere Herrenriege des Aufsichtsrates der Expo-Gesellschaft liest sich wie ein "Who is Who" der deutschen Großindustrie: Daimler, Thyssen, ABB, Preussag, VW.

Wäre doch wenigstens SAP oder noch besser SAG, die Solarstrom AG darunter, man würde schon mehr Neues ahnen. Oder, stellen wir uns vor, Bioland wäre dabei als Vertreter einer neuen, für Mensch und Natur nachhaltigen Landwirtschaft, amnesty international würde ein Forum bestreiten zum Thema "Wirtschaft und Menschenrechte", Greenpeace hätte ähnlich wie in Sydney bei den Olympischen Spielen auf die ökologische Konsequenz der Veranstaltung selbst geachtet und mit Shell zusammen das Forum "Energiegewinnung der Zukunft" gestaltet.

Der VCD hätte in dieser anderen Expo ein Konzept entwickelt, in dem Mensch und Natur neben der Technik wieder ihren Platz beanspruchen. Stadtbahnen nach Karlsruher oder Zürcher Vorbild, die weltweit 50 bis 80 Prozent des Großstadtverkehrs aufnehmen können, Car-Sharing Autos, die in großer Zahl Millionen von Privat-Pkw ersetzen können, das Fahrrad als Kurzstreckenverkehrsmittel technisch optimiert und mit Bus, Bahn und Teilauto vernetzt, wären darin vorgekommen.

Die real existierende "Allianz für Mobilität" auf der Expo besteht aus Lufthansa, BMW, Siemens, Thyssen, VW, TUI und Mercedes Benz und redet auch von Vernetzung. Gemeint ist allerdings die zwischen dem Phantom Transrapid, Airbus und BMW-Roadster. Da wird die 80 Meter lange Multimediashow der Mobilität viel moderne Technik, aber wenig Neues zeigen. Eine weitere Chance ist teuer vertan.

Michael Adler

 
 
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