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Uta Linnert
apeyron/istockphoto.com

Kolumne 3/2023

Land in Sicht

Kolumnist Martin Unfried schreibt über die Verkehrswende auf dem Land - schließlich haben dort alle Platz für Garagen mit Solarstrom!

Ein Mann, eine Frau und ein Kleinkind gucken aus einer Dachluke, umgeben von Solarzellen.
Grammer Solar / R. EttlPhotovoltaik auf dem eigenen Dach macht unabhängig von Esso und Co. – und gibt der nächsten Generation Hoffnung, dass Klimaschutz auch die Verkehrswende auf den Weg bringt.

Diese Kolumne wird aufmerksam gelesen von blitzgescheiten Mathematikgenies. Denen fiel auf, dass bei meiner letzten, äußert komplizierten Spezialrechnung zur Spritsubvention eine Null fehlte. Mea culpa und ich werde jetzt einfach mal behaupten, ich wollte testen, ob gegen Ende des Heftes überhaupt noch jemand wach ist.

Meine Grundthese hat das allerdings nicht erschüttert: Wer als Regierung Tankrabatte finanziert, wird spritschluckende VW T-Rocs und andere Autos ernten, die unsere Kinder sowohl zum Flötenunterricht als auch in die Klimahölle fahren. Letzte Woche habe ich in meiner ländlichen schwäbischen Zweitheimat den dortigen Neuwagen-Horror inspiziert. In jeder Dreifachgarage lauern Tiguane, Pumas und Cupras, also Benzinkutschen, bei denen nur die Tiernamen putzig sind.

ÖPNV? Selbst meinen überaus umweltfreundlichen Bekannten (Solardach, gute Dämmung, Pellets, Biolebensmittel), die in Goldshöfe, Eggenrot oder Westhausen leben, muss ich nicht mit dem Spruch kommen, man könne doch ganz gut ohne Auto leben. Smiley! Bei der Erwähnung von Bus und Bahn wird schallend gelacht. Im Moment ist die Verlässlichkeit der Bahnstrecke Stuttgart – Nürnberg wieder mal unter null. Und niemand sitzt mit einem 49-Euro-Ticket in Bussen, die nicht fahren und dort auch in Zukunft wirtschaftlich ähnlich rentabel sind wie Flugtaxis.

Um es akademisch auszudrücken: In Ramsenstrut und Matzengehren ist der motorisierte Individualverkehr eine lebensweltliche Präferenz und internalisierte Normalitätsvorstellung. Soll heißen: Das eigene Auto wird hier als unersetzlich gesehen, ohne das ein  „normales Leben“ nicht möglich ist. Also kommt es umso mehr darauf an, womit die Ramsenstruter nach Matzengehren kacheln.

Leider wird in den Medien ein falsches Narrativ gepflegt: Verkehrswende bedeute Radwegeausbau, Car-Sharing, günstiger ÖPNV und Lade­infrastruktur für Elektro­autos. Das sei prima in der Stadt. Auf dem Land aber seien die bedauernswerten Eingeborenen sozial abgehängt, wenn das Autofahren teurer und verteufelt werde. Das ist völliger Mumpitz. Die Landbevölkerung ist der wahre Profiteur der Energie- und Verkehrswende. Tommi macht es bereits vor: den eigenen Photovoltaik-Strom vom Dach in das eigene E-Bike und effiziente Elektroauto fließen lassen. Wenn die Sonne scheint, wird geladen. Anders, als viele denken, ist die erneuerbare Elektromobilität nämlich nix für Städter ohne Dach und Stellplatz. Die können sowieso die U-Bahn nehmen.

Meine Freunde im ländlichen Eigenheim haben ein Dach für eine große PV-Anlage und die Garage zum Laden mit eigenem Strom. Die müssen eben nicht auf eine freie Ladesäule in der Nachbarschaft warten! Schon bald werden mehr ländliche Sparfüchse erkennen, was für eine Revolution das ist, nach hundert Jahren Abhängigkeit von Shell und BP den Sprit selbst zu machen! Auch darum sind E-Fuels und Wasserstoff eine Lachnummer, denn damit würden die Konzerne wieder die Macht übernehmen. Die Energiewende wird also gerade auf dem Land die Elektrifizierung des Verkehrs verstärken: Der PV-Boom führt zum Kauf von Elektrofahrzeugen aller Art, und dieser wiederum zum Kauf von mehr Photovoltaik-Modulen als eigene Tankstellen. E-Bikes, E-Roller, E-Motorräder und hoffentlich künftig effizientere elektrische Kleinwagen. Land in Sicht, und dann braucht auch niemand mehr auf den Zug nach Nirgendwo zu warten.

Martin Unfried

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fairkehr 3/2023