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Eine Frau fährt ein Fahrrad mit verlängertem Gepäckträger, auf dem ein Mädchen sitzt und jubelt.
Tern
Ein roter Zug fährt durch eine grüne Wiese an einem Berghang
Iso Tuor
Ein junger Mann aktiviert mit seinem Smartphone einen E-Scooter. Im Hintergrund ist eine Straßenbahn zu sehen.
Mystockimages/istock

Apps für die Mobilitätswende

Umsteigen leicht gemacht

Alle Mobilitätsangebote aus einer Hand, unkompliziert und komfortabel, für individuellste Wege: Das verspricht das Konzept Mobility as a Service.

Ein junger Mann aktiviert mit seinem Smartphone einen E-Scooter. Im Hintergrund ist eine Straßenbahn zu sehen.
Mystockimages/istockAus der Straßenbahn aussteigen und rauf auf den E-Scooter: Das geht dank Mobility as a Service mit einer einzigen App. Sie zeigt das passende Verkehrsmittel für jeden Weg.

Stellen Sie sich vor, es ist ein ganz normaler Montagmorgen. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit, wie immer mit dem Bus. Leider sind Sie ein bisschen spät dran und entscheiden darum, den letzten Kilometer von der Bushaltestelle ins Büro nicht zu Fuß zu gehen, sondern mit dem E-Scooter zu fahren. Mittags holen Sie Ihre Kinder von der Schule ab, und weil die Sonne scheint, schwingen Sie sich auf ein Leihrad, das neben Ihrem Büro an einer Station auf seinen Einsatz wartet. Die Kinder müssen zum Augenarzt in den Nachbarort. Eigentlich wollten Sie den Zug nehmen, doch der fällt aus, also buchen Sie kurzerhand ein Carsharing-Auto. Die Kindersitze haben Sie gleich mitreserviert. So kommen Sie doch noch rechtzeitig zu Ihrem Termin, und abends können Sie das Auto in der Nähe Ihrer Wohnung wieder abgeben. Mit einem Blick in Ihre Mobilitäts-App kontrollieren Sie, ob alle Fahrten des Tages korrekt gebucht und abgerechnet wurden.

Moment mal, alle Fahrten auf einen Blick in einer App? Und das bei so vielen unterschiedlichen Verkehrsmitteln? Das verspricht das Konzept der „Mobility as a Service“, kurz: MaaS, das nach und nach auch in Deutschland ankommt. Die Idee ist denkbar einfach: Anstatt für jeden Mobilitätsanbieter eine eigene App auf dem Smartphone installieren zu müssen, bündelt eine Anwendung alle Mobilitätsangebote. So können die Nutzer*innen komfortabel Wegeketten von A nach B planen, denn die App zeigt automatisch den geeignetsten Verkehrsmittel-Mix an. In manchen Programmen kann man dabei zwischen verschiedenen Varianten wählen, je nachdem, welche Route die schnellste, die kürzeste, die kostengünstigste oder auch die umweltfreundlichste ist.

Ein weiterer Vorteil für die Nutzer*innen solcher MaaS-Apps: Die Anmeldung bei den vielen unterschiedlichen Mobilitätsanbietern entfällt, und auch die Abrechnung erfolgt für alle Anbieter in einem. Im Vergleich zum aktuell vorherrschenden App- und Anbieter-Durcheinander sind MaaS-Anwendungen dank ihres multimodalen Ansatzes also deutlich nutzerfreundlicher. Außerdem unterstützen sie die Verkehrswende, denn wer flexibel und komfortabel verschiedenste Mobilitätsformen nach seinen Bedürfnissen kombinieren kann, lässt öfter mal das eigene Auto stehen oder schafft es vielleicht sogar ganz ab.

Portraitfoto einer Frau mit sehr kurzen dunklen Haaren
AS Foto/Andreas ScheffelSylvia Lier ist seit Oktober 2022 Mitglied im VCD-Bundesvorstand. Die Multimodalitätsexpertin ist Geschäftsleiterin der TAF mobile GmbH.

Woran es hapert

Doch natürlich ist die Umsetzung von Mobility as a Service in der Realität nicht so einfach wie in der Theorie. „Das Herzstück ist ein gutes ÖPNV-Angebot“, sagt Sylvia Lier, Mitglied im VCD-Bundesvorstand und Geschäftsleitung bei der TAF mobile GmbH.  „Wo ein starker öffentlicher Nahverkehr durch Shared-Mobility-Angebote ergänzt wird, kann MaaS funktionieren.“ Dafür brauche es aber auch ein Umdenken in den Kommunen und bei den Verkehrsbetrieben, so Lier. „Der ÖPNV muss sich mehr als Gesamtanbieter, als Dirigent des Mobilitätsangebots verstehen. Wir müssen weg von dem Denken, dass ein Kunde, der vom Bus auf ein Leihrad wechselt, ein verlorener Kunde ist. Der Bus hat hier keinen Kunden verloren, sondern der Umweltverbund einen Kunden gewonnen, und zwar einen, der zuvor möglicherweise meistens Auto gefahren ist. Darum geht es: die Autofahrer*innen mit attraktiven Angeboten zum Wechsel zu motivieren.“

Ein weiteres Hindernis ist die Bereitstellung der Daten, die für ein funktionierendes MaaS-Angebot benötigt werden. Erst seit Juli 2022 sind alle ÖPNV-Unternehmen verpflichtet, ihre Daten, zum Beispiel zu Haltestellen, verfügbaren Fahrzeugen oder der Pünktlichkeit, zu veröffentlichen. Für Anbieter von E-Scooter- oder Leihrad-Sharing gilt diese Verpflichtung noch nicht. „Dass Mobilitätsdaten für alle kostenlos zugänglich als OpenData bereitgestellt werden, ist für die Verkehrswende essenziell. Hier muss die Politik am Ball bleiben“, fordert Bastian Kettner, VCD-Sprecher für Bahn, ÖPNV und Multimodalität.

Die meisten MaaS-Apps sind bisher auf bestimmte Regionen beschränkt, was auch mit der Einheitlichkeit der verfügbaren Daten zusammenhängt. „Langfristig brauchen wir eine Schnittstelle im Hintergrund, die auf alle Mobilitätsinformationen europaweit zugreifen kann. Über diese Drehscheibe wird es dann möglich, auch überregionale Wegeketten zu planen und zu buchen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg“, so VCD-Sprecher Kettner.

Um die Mobilitätsdaten der deutschen Verkehrsunternehmen zu bündeln, hat das Bundesverkehrsministerium im vergangenen Sommer die Mobilithek eingeführt. Über diese Datenplattform können Verkehrsinformationen aller Art öffentlich zugänglich geteilt werden. Neben dem ÖPNV zum Beispiel auch zu freien Parkplätzen oder E-Auto-Ladestationen. Das FDP-geführte Ministerium ist auch für den Bereich Digitales zuständig und setzt aktuell mehrere Projekte um, die die Digitalisierung im Verkehr voranbringen sollen. Ein Schritt in die richtige Richtung, findet Multimodalitäts-Expertin Lier. Trotzdem bleibt sie skeptisch: „Ich sehe den politischen Willen nicht, die für Mobility as a Service notwendigen Grundlagen voranzubringen. Denn dafür brauchen wir vor allem einen starken ÖPNV und darüber hinaus ein Leitbild für Mobilität, in dem die Menschen auch ohne eigenes Auto gut und klimagerecht mobil sein können. Der vom VCD vorgestellte Entwurf für das Bundesmobilitätsgesetz kann dafür als Basis dienen.“

Sylvia Lier ist sich sicher: „Es gibt genug Autofahrer in Deutschland, die bereit wären, auf den Umweltverbund umzusteigen. Aber es muss bequem und komfortabel sein. Dafür brauchen wir ein gut ausgebautes Angebot in der Stadt und auf dem Land, und wir brauchen ‚Mobility as a Service‘-Lösungen, die die vielen Angebote verbinden und zugänglich machen. Diese Chance müssen wir jetzt ergreifen.“

Katharina Baum

Überregionale MaaS-Apps

Whim: Der MaaS-Pionier aus Finnland ist inzwischen auch für die Schweiz und einzelne europäische Städte verfügbar.    

Free Now: gibt es in vielen deutschen Städten, insgesamt über 150 Städte in Europa. Beinhaltet diverse Sharing-Anbieter (Fahrrad, E-Scooter, Carsharing) und Taxi-Dienste, aber nicht den ÖPNV. Eigner der App sind BMW und Mercedes.     

Citymapper: Verfügbar in mehreren deutschen Regionen sowie in großen Städten europa- und weltweit. Bildet Echtzeitdaten für den ÖPNV ab und zeigt verschiedene Routen-Optionen, in manchen Städten inkl. Informationen zur Barrierefreiheit.

MaaS-Apps in Deutschland

In einigen deutschen Städten bieten die Verkehrsverbünde bereits Mobility as a Service in einer App an. Auch, wenn die Apps alle unterschiedlich heißen und unterschiedliche Verkehrsträger integrieren: Mit allen kann man Wege planen, ÖPNV-Tickets kaufen und Sharing-Angebote einsehen und buchen. Eine Auswahl.

Jelbi, Berlin

Gelbes Logo der Berliner MaaS-App Jelbi

70 000 Fahrzeuge und den ÖPNV mit einer einzigen Registrierung nutzen: Das geht in Berlin mit der Jelbi-App. E-Scooter, E-Mopeds, Leihfahrräder, Lastenräder, Carsharing und Taxen können über Jelbi gebucht werden.

hvv switch, Hamburg

Rotes Logo der Hamburger MaaS-App hvv Switch

350 000 Menschen haben die hvv switch-App auf ihren Smartphones installiert. Buchen können sie damit neben E-Scootern, Carsharing und ÖPNV auch die On-Demand-Shuttles des Anbieters Moia.

BONNmobil, Bonn

Rot-weißes Logo der Bonner MaaS-App BonnMobil

Die Bonner Mobilitätsapp bietet nicht nur die üblichen ÖPNV- und Sharing-Angebote, sondern zeigt auch die Auslastung von Fahrradboxen und Parkhäusern, Standorte von E-Ladesäulen und vergleicht verschiedene Routen nicht nur hinsichtlich der benötigten Zeit, sondern auch nach CO₂-Emissionen.

LeipzigMove, Leipzig

Logo der Leipziger MaaS-App Leipzig Move

Auch die Leipziger MaaS-App verknüpft Bus, Bahn, Carsharing, Leihräder, E-Scooter und den örtlichen Taxidienst. Nutzer*innen bekommen automatisch jeden Monat zehn Freifahrten beim Leihrad-Anbieter nextbike. Wer für eine kleine Gebühr ein Move+-Abo abschließt, profitiert außerdem von 50 Prozent Rabatt beim Kauf von ÖPNV-Tickets.

movA, Aachen

Logo der Aachener MaaS-App MovA

Wer in Aachen unterwegs ist, kann über die movA-App ein multimodales Verkehrsangebot inklusive ÖPNV, Leihrädern, Carsharing, E-Scootern und Taxen nutzen. Aachener Unternehmen können movA in ihr Flottenmanagement integrieren und darüber ihren Mitarbeitenden verfügbar machen.