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Bundeskanzler Olaf Scholz, Robert Habeck und Christian Lindner stehen auf einer Bühne und halten Exemplare des Koalitionsvertrages hoch.
Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Ein Regionalzug fährt über eine Backsteinbrücke.
Foto: Deutsche Bahn AG
Foto: Hamza Bounaim/Unsplash

Kolumne 1/2023

Nachhaltigkeit heißt Resilienz

Kolumnist Martin Unfired berichtet: Nachhaltigkeit ist out, Resilienz ist in! Schließlich können wir uns inzwischen nur noch auf die unvermeidliche Katastrophe vorbereiten.

Ein Mann schläft neben einem Bach im Sonnenlicht
Foto: Hamza Bounaim/UnsplashImmer vorbereitet sein auf die unvermeidliche Katastrophe

„Verschwende deine Jugend“ war ein Song der Düsseldorfer Band DAF. Es ging dabei um das suboptimale Lebensgefühl der Generation Punk. Um es pastoral zu formulieren: Werden wir uns nicht alle am Ende unserer Tage fragen, ob wir die schönsten Jahre unseres Lebens zum Fenster rausgeschmissen haben?

Ich beispielsweise: In den glorreichen Neunziger- und Nullerjahren war ich auf der Suche nach dem heiligen Gral der Sustainability, der nachhaltigen Entwicklung. Das war schön und naiv. Das nachhaltige Deutschland, die nachhaltigen Niederlande, sie lagen zum Greifen nah! Es gab die tollsten Visionen, spannendsten Konferenzen und fantastischsten Transformationsstudien. Daran musste ich denken, als ich in Venlo beim Start eines neuen deutsch-niederländischen Projektes sein durfte, an dem ich beteiligt bin. Endlich mal wieder Nachhaltigkeit im Titel: „Euregional Sustainability Center – ESC“.

Ich musste gleich zweimal lachen. Mir fiel plötzlich auf, dass ESC ja eigentlich für Eurovision Song Contest steht. Da muss also in der Nachhaltigkeit noch Musik drin sein! Noch lustiger war: Alle anderen waren mit dem Auto da, und das im Fahrradland Niederlande. Die Freund*innen der Nachhaltigkeit verbrannten jede Menge fossile Kraftstoffe, um für die Nachhaltigkeit zu kämpfen. Dafür gab es – sagen wir wie vor 30 Jahren – gute Gründe. Das Konferenzgebäude war wirklich schlecht mit dem ÖPNV zu erreichen. Ich musste mich vom Bahnhof Venlo-Blerick 25 Minuten mit meinem Faltrad durch einen Schneesturm kämpfen. Und dazu kam, dass an diesem Tag der Regionalverkehr durch einen Bahnstreik bei Arriva plattgelegt war. Ich hatte statt einer Stunde zwei Stunden gebraucht.  Arriva ist übrigens ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn.

Ich möchte jetzt keinesfalls in den Chor derjenigen einstimmen, die für alles, was in ihrem Leben schiefläuft (Freundin macht Schluss, Wasserhahn tropft) der Deutschen Bahn die Schuld geben. Aber der Nachhaltigkeit fehlte an diesem Tag irgendwie die Resilienz. Resilienz?

Die Resilienz ist nämlich der natürliche Nachfolger der Sustainability. Ganze Forschungsbereiche beschäftigen sich plötzlich mit der Frage, wie Gesellschaften, Wirtschaft, Ökosysteme oder der Finanzbereich irgendwie resilienter werden könnten. Und ich muss zugeben, das passt auch besser in die Zeit. Während die nachhaltige Entwicklung noch auf die Gestaltung des Neuen ausgerichtet war, geht es bei der Resilienz um das Vorbereitetsein auf die unvermeidliche Katastrophe.

Kleines Beispiel: Die deutsche Strategie, sich abhängig zu machen vom russischen Gas, war nicht wirklich im Sinne des Resilienzerfinders. Oder Nordrhein-Westfalen: Die Abhängigkeit von einem Unternehmen, dessen Geschäftsmodell Klimakatastrophe heißt, ist eher wenig resilient. Auch die heutige Eigentumsverteilung in Deutschland: Wenn die Hälfte der deutschen Haushalte keine Ersparnisse hat, sind höhere Strompreise der Resilienz-Wahnsinn. Ich habe immer noch keine 30 Liter Trinkwasser im Keller, obwohl das im Fall eines mehrtägigen Blackouts meine Durchhaltefähigkeit zu Hause erheblich erhöhen könnte.

In der Psychologie bedeutet Resilienz übrigens „psychische Widerstandsfähigkeit“. Da sind wir wieder bei der Deutschen Bahn. Wo wir früher im Sinne der Nachhaltigkeit von einem fantastischen ICE-Netz träumten, geht es heute mehr um das Umgehen mit dem Unvermeidlichen. Letzte Woche am Bahnsteig: Ach, der ICE von Brüssel nach Frankfurt ist gestrichen? Resilienz bedeutet: einfach Termine auch mal vergessen können, die eigene Meditationstechnik verfeinern und lange Unterhosen an. Das entspannt immer. Ganz ohne Häme: Bei der Bewältigung der sieben harten Jahre (mindestens!), die euch in Deutschland wegen der Infrastrukturverwahrlosung bevorstehen, kann Resilienz helfen. Bei Bahnreisen ab jetzt immer genug Wasser dabeihaben (5 Liter) und einen Outdoor-Schlafsack (–15 Grad). Noch besser: in jeder Stadt schon mal ein Sofa bei Bekannten vorbuchen.         

Martin Unfried

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