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Reise 5/2022

Wo die Hefe tanzt

Reise zu den belgischen Bieren

Die belgische Bierkultur zählt seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Eine Geschmacksreise durch die Wallonie zeigt: Es gehört sehr viel mehr dazu als nur Hopfen und Malz!

Foto: Espace ChimayIm Biergarten des „Espace Chimay“ präsentiert ein Kellner die ganze Farbenvielfalt der belgischen Biere. Auch viele Mikrobrauereien und Familienbetriebe in der Region bieten Besichtigungen an.

Kein Haus im Hennegau will auffallen: Rote Backsteine, braune Dachziegel, der gleiche bescheidene Vorgarten mit der gleichen grünen Hecke. Die Menschen in der Region im Westen der Wallonie geben nicht gern vor, etwas Besseres zu sein  als ihre Nachbarn.
Umso mehr Vielfalt erlauben sich die Wallonen beim Bier. Das zeigt der Blick auf die Getränkekarte jeder beliebigen Taverne in der ländlichen Region. Was darf´s denn sein? Ein helles „Blanche de Liège“ mit Noten von Koriander und Orange? Ein cremig-malziges, rotbraun im Glas schimmerndes „Westmalle Dubbel“? Oder doch lieber ein naturtrübes „Bush Charactère“ mit seinem nicht ganz ungefährlichen Doppelwumms aus Karamell-Nuss-Aroma und zwölf Prozent Alkohol? Der Kontrast zwischen der Gelassenheit der Dörfer und der Ausgelassenheit der Biere könnte kaum größer sein.
Es sind eben die inneren Werte, die für die Wallonen zählen. Sprich: Hopfen, Malz, Hefe und was sonst noch alles ins Bier gemischt werden darf. Denn dem Einfallsreichtum der Brauereien hier wird nicht wie in Deutschland durch ein Reinheitsgebot der Riegel vorgeschoben. So landen neben Kirschen oder Himbeeren auch regelmäßig Zucker und Gewürze wie Anis und Kardamom im Bier. Die Qualität der Produkte ist trotzdem hoch: Belgische Biere gehören zu den besten der Welt.

Gerstensaft im Rumfass

fairkehr-Autor Tim Albrecht sitzt am Tisch vor einem Holzbrett, auf dem Ochsenbäckchen im Käsemantel angerichtet sind. In der Hand hält er einen traditionellen Trappistenkelch.
Foto: Belina PetriUnter der Glocke eines traditionellen Trappistenkelchs bleiben die Ochsenbäckchen im Käsemantel warm. Den Autor freut‘s!

Das zeigt sich auch in der Brauerei Brune­haut im gleichnamigen, 8 000 Einwohner zählenden Ort nahe der französischen Grenze. Stolz zeigt Salesmanager Baptiste de Huysser auf die vielen Urkunden an der Wand im Eingangsbereich: Dokumente internationaler Auszeichnungen, wie jüngst der „World Beer Award“ für das beste Saisonbier Belgiens. Das 1890 gegründete Traditionsunternehmen hatte in den letzten Jahren vor allem mit Bio-Bieren und glutenfreien Produkten Erfolg. „Wie für viele Betriebe in der exportabhängigen Bierbranche war die Coronapandemie auch für uns wirtschaftlich schwierig“, so de Huysser. Da war es hilfreich, eine Marktnische besetzt zu haben.

Bei Brunehaut wird Nachhaltigkeit großgeschrieben. Dass Gerste und Wasser aus lokalen Quellen verwendet werden, ist für Brauereien zwar nichts Ungewöhnliches; dass drei Viertel des Energiebedarfs aus der eigenen Photovoltaik-Anlage gedeckt wird, aber schon. Auf eine ganz besondere Form des Recyc­lings macht uns unser Gastgeber beim Rundgang durch die Brauerei aufmerksam: In einer Ecke lagern vier große Holzfässer, unprätentiös auf ein paar umgedrehten Holzpaletten aufgebockt. Hier reift der nächste Jahrgang des „Brune Rhume“: Das exklusive Gesöff gehört zu den starken „Tripel“-Bieren und gärt sieben Monate lang in ehemaligen Rumfässern aus Jamaika. Wie sich bei der anschließenden Verkostung bestätigt, nimmt der naturtrübe Gerstensaft das für Bier ungewöhnliche Rumaroma an, an dem sich die Holzplanken der Fässer wohl auf ewig besoffen haben.

Starkbier im Zeichen der Askese

In der Taverne Saint-Géry im belgischen Aubéchies hängen viele bunte Blechschilder. An den Tischen sitzen Menschen und essen und Trinken.
Foto: Tim AlbrechtIn der Taverne Saint-Géry in Aubéchies ist die Vielfalt zu Hause, an den Wänden wie in der Küche: Etwa 100 Biere und Gerichte aus der Region stehen auf der Speisekarte.

Die Reife im Fass ist eher untypisch, sind belgische Biere doch vor allem für ihre Flaschengärung bekannt. Zum Beispiel die sogenannten Trappistenbiere, die nach traditionellen Methoden in Zisterzienserabteien produziert werden. Elf Trappistenbrauereien gibt es weltweit, fünf davon in Belgien. Drei der Bierklöster  (Chimay, Rochefort und Orval) liegen in der Wallonie. Bei den Trappisten handelt es sich um einen streng asketischen Mönchs- bzw. Nonnenorden. Seine Ursprünge reichen ins 17. Jahrhundert zurück. Mit der Brauerei finanzieren die Brüder und Schwestern den Klosterbetrieb. Alle darüber hinaus erwirtschafteten Gewinne kommen nach eigenen Angaben sozialen Zwecken zugute. Die intensiven, komplexen und oft starken Biere gären in der Flasche nach und intensivieren deshalb wie Weine mit der Zeit ihren Charakter. Serviert werden sie in schalenförmigen, dem Abendmahlkelch nachempfundenen Gläsern. Schlägt man sie mit der Gabel an, soll der Klang an Kirchenglocken erinnern.

Bier- und Wanderfans können sich auf eine Pilgerreise zu den wallonischen Trappistenklöstern begeben. Dazu lädt der 290 Kilometer lange Fernwanderweg ein, der die drei Abteien verbindet (siehe Infobox). Tief in die Geschichte der mönchischen Brauereikultur kann man im „Espace Chimay“ eintauchen. In dem  kleinen, aber feinen Museum erfährt man alles über den Brauvorgang. Eine besondere Rolle spielt dabei der 180 Jahre alte Hefestamm aus Chimay, der auch in den meisten anderen Trappistenbieren verwendet wird. Im museumseigenen Restaurant mit Biergarten kann man den eigenen Gaumen testen und versuchen, die Apfel- und Birnennoten herauszuschmecken, für die die Trappistenhefe bekannt ist.

Süchtig machend wie Fritten

Ein Mann hält einen silbernen Metallstab in das Bier in einem messingfarbenen Braukessel.
Foto: WBT/Emmanuel MathezIhren Hauptumsatz macht die belgische Bierindustrie mit Pils. Charakteristischer sind aber die würzigen obergärigen Biere, bei denen die Hefe auf der Oberfläche „tanzt“ – im Glas ebenso wie im Braukessel.

Im Museums-Shop findet man neben den dunklen, mit Champagnerkorken versehenen 0,75-Liter-Flaschen des Chimay „Rouge“, „Bleue“ oder „Dorée“ auch eine große Auswahl von Käsesorten. Denn zur belgischen Bierkultur gehören auch die regionalen Speisen. Die hiesige Küche nutzt die Vielfalt der Biere: nicht nur zur Zubereitung von Braten, Suppen und Eintöpfen, sondern auch für Desserts. Ein Schokoladen-Soufflé mit Schwarzbier oder ein Kirschbiersorbet mit Johannisbeeren gefällig?

In der Kneipe werden zum Bier gerne Käsewürfel mit Selleriesalz und Senf gereicht. Viele Brauereien in Belgien stellen ihren eigenen Käse her, weshalb zum Beispiel „Orval“ sowohl als Bier- als auch als Käsesorte bekannt ist. Die richtige Kombination von Bier und Milchprodukt kann genau so süchtig machen wie belgische Fritten, Waffeln oder Schokolade. Ein Herve-Weichkäse aus der Region Lüttich mit seiner salzigen Rinde zu einem herben belgischen „Blonde“ ist so eine Kombination, die unbedingt nach Zugabe verlangt.

Brot, Käse und Wurst liegen auf einem Holzbrett.
Foto: Tim AlbrechtZum Bier werden regionale Spezialitäten wie Brühwurst, Paté oder Herve-Käse gereicht. Auch der Senf darf nie fehlen!

Das historisch von Landwirtschaft und Bergbau geprägte Leben in der Wallonie spiegelt sich in einer deftigen Küche wider. Urgemütlich kann man diese in der Taverne Saint-Géry im zwischen Mons und Tournai gelegenen Dorf Aubéchies erleben. Betreiber Christophe Elius hat auf einem 300 Jahre alten Hof einen besonderen Ort geschaffen: Die Wände der Kneipe sind mit bunten Reklameschildern aus den 50er- und 60er-Jahren übersät. Von der Decke hängen Milchkannen, Suppengeschirr und Töpfe. Auf der Speisekarte: Schweinshaxen, Ochsenbäckchen und Andouille-Wurst aus Innereien. Natürlich darf auch hier die Bierkomponente nicht fehlen: Zum Fleischgericht stehen unter anderem eine Honigbier- und eine Kirschbiersauce zur Auswahl.

Beim gemeinschaftlichen Schlemmen in der belebten Taverne wird klar: Wenn die Menschen sich hier Luxus und Genuss gönnen, dann beim Essen und Trinken. Neben den kulinarischen Attraktionen gibt es jedoch noch einen anderen Grund dafür, warum hier in letzter Zeit oft volles Haus ist. In einer beliebten Show des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der Wallonie wurde Aubiéches zum schönsten Dorf der Region gewählt. Wirt Christophe, der hier mit seiner Schwägerin kocht und dessen Frau Sophie die Kunden freundlich bedient, bereitet das Unbehagen: „Es ist ja schön für das Dorf, dass es diese Auszeichnung erhalten hat“, sagt er, und dann schaut er etwas nachdenklich. „Aber für das Restaurant haben wir seitdem so viele  Reservierungen, dass wir mit dem Kochen kaum nachkommen.“ Oder ist es nur die wallonische Bescheidenheit, die ihn den Erfolg herunterspielen lässt? Ins Bild würde es passen.

Tim Albrecht 

Trappisten-Wanderweg

Der Fernwanderweg zwischen den drei Trappisten-Abteien Orval, Rochefort und Chimay setzt sich aus zwei Strecken zusammen: Der west-östlich verlaufende Teil von Chimay nach Rochefort ist 174 Kilometer lang; die nord-südliche verlaufende Route von Rochefort nach Orval ist mit 116 Kilometern etwas kürzer. Die Routen laufen entlang des europäischen GR-Fernwanderwegenetzes. Geplant ist, die Trappistenroute auch für Radreisende durchgängig befahrbar zu machen.

Weitere Informationen unter www.visitwallonia.de

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