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Kolumne 5/2022

Wir sind geliefert

Kolumnist Martin Unfried sieht in seiner Maastrichter Nachbarschaft immer mehr Lieferdienste, die Wocheneinkäufe bringen. Gefährden sie den kleinen Supermarkt um die Ecke?

Ein junger Mann liefert Einkäufe mit einer Sackkarre. Im Hintergrund steht ein blauer Lieferwagen.
Foto: yasminhargreavesphotographyDie größte niederländische Supermarktkette liefert komplette Großeinkäufe direkt nach Hause.

Morgens sitze ich am Fenster meines Büros und beobachte die Straßenszene. Ganz schön viel los. Meistens kommt ein gelbes DHL-Auto mit vielen Paketen. Es macht bumm, bumm, bumm. Die Lieferanten (eigentlich immer Männer) drehen ihre Musikanlage so heftig auf, dass ich den niederländischen Rap in vollen Zügen genießen kann. Manchmal muss ich sogar an die Tür, weil wieder jemand nicht zu Hause ist. Das mach ich natürlich gerne und spiele für die Nachbarn Zwischenlager.

Richtig spannend wird es, wenn der kleine Transporter von Albert Heijn heranzuckelt. Das ist bekanntlich der größte niederländische Supermarkt. Ich notiere: Meine Nachbarinnen gehen nicht mehr selbst zum Einkaufen. Ist in Deutschland vielleicht noch nicht so üblich, aber hier werden ständig komplette Großeinkäufe bis an die Haustür geliefert. Keine bekloppten Dienste, die den fehlenden Brokkoli in zehn Minuten bringen. Nein, richtig überlegte Einkäufe. Meine Nachbarn sitzen also auf ihrem Sofa und bestellen mit ihrem iPad: Salat, Bier, Waschmittel, Klopapier für die ganze Woche. Sie gehen virtuell durch die Regale des eigenen Supermarktes und greifen zu – Sonderangebote inklusive. Liefergebühren stören dabei niemanden. Schwierige Frage: Ein Supermarkt, der einem das Zeug nach Hause bringt, ist das nicht super­toller Fortschritt?

 Online-Handel wird ja eigentlich ökologisch sehr kritisch gesehen, aber mir fallen einige Gründe ein, warum diese Lieferung durchaus Vorteile hat. Für gehbehinderte Rentnerinnen, die keine Taschen mehr schleppen können? Sicher eine Erleichterung. Albert Heijn liefert auch Wasser- und Bierkästen. Was ist mit der Autoabhängigkeit vieler Leute in der Stadt? Wenn die Ausredenchampions wieder mal behaupten, dass sie ja „nur wegen der Großeinkäufe“ ein eigenes Auto brauchten, gibt es jetzt ein schönes Gegenargument. Die Liefergebühren sind natürlich viel günstiger als das eigene Auto oder Carsharing. Noch fährt unser Supermarkt-Service mit Diesellastern. Aber wäre es nicht voll öko, ein Lieferservice brächte elektrisch mit einer Fuhre 20 Haushalten den großen Einkauf? Heute fährt jeder mit dem eigenen Auto zum Supermarkt, das ist ja nicht gerade zukunftsfähig.

Gleich fallen mir natürlich auch ein paar Nachteile ein. Noch fietsen wir in NL häufig mit Satteltaschen oder einem Transportrad zum Einkaufen. Das ist natürlich ökologisch viel besser. Ältere Frauen tun das bei uns übrigens auch bis ins hohe Alter und bleiben dementsprechend fit. Das fiele dann wahrscheinlich weg, weil wir selbst Kleinigkeiten irgendwann aus Bequemlichkeit bestellen würden.

Noch betreiben die niederländischen Ketten auch kleine Märkte in der Nachbarschaft, für den Nahkauf. Das ist natürlich besonders gesellig, weil ich doch häufiger ein bekanntes Gesicht beim Einkaufen treffe. André Rieu beispielsweise, den ich mal in unserem kleinen Laden getroffen habe. Na, ja, was heißt getroffen. Er hat mich nicht erkannt oder wollte wohl nicht zu aufdringlich sein. Schon wegen André möchte ich natürlich nicht, dass der kleine Supermarkt um die Ecke hopsgeht. Und übrig blieben dann nur die gigantischen Kisten vor der Stadt. Keine wirklich schöne Vorstellung.

Und wenn die Drohnen kommen und den Joghurt vor der Tür absetzen? Oder das Gemüse direkt auf dem Balkon abladen? Oder wenn dann kleine Roboterlein im Einsatz sind, die das Zeug sogar in den Kühlschrank räumen, die Kästen in den Keller tragen und mir auch noch den Rücken kraulen? Das wäre natürlich schon cool und ich könnte mich voll auf das Schreiben von Roboterkolumnen konzentrieren. Unsere Kühlschränke werden in der Zukunft übrigens bereits wissen, was wir brauchen, und dann selbstständig bei Albert Heijn bestellen, mein Regal im Bad bestellt sofort mein Lieblingsshampoo, wenn es alle ist! Und noch besser: Im Keller weiß mein Bierregal ganz genau, wann es Nachschub organisieren muss. Geliefert sind wir also in jedem Fall.       

Martin Unfried 

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