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Editorial 5/2022

Klima-Proteste

Highway to Hell

fairkehr-Chefredakteurin Uta Linnert kommentiert die deutsche Verkehrspolitik und die radikalen Klima-Proteste der Letzten Generation.

UN-Generalsekretär António Guterres­ und die Mitglieder der Gruppe Letzte Generation sprechen die gleiche Sprache. „Wir sind auf der Autobahn zur Klimahölle – mit dem Fuß auf dem Gaspedal“, sagte Guterres in seiner Rede vor den Staats- und Regierungschef*innen der Welt auf der gerade zu Ende gegangenen Klimakonferenz in Ägypten. Mit drastischen Worten lenkte der oberste Repräsentant der Vereinten Nationen den Blick auf von der Klimakrise ausgelöste Dürren, Überschwemmungen, Unwetter und steigende Meeres­spiegel. Für seinen Appell wählte Guterres ein Bild aus dem Straßenverkehr.

Den Straßenverkehr haben sich auch die Aktivist*innen der Letzten Generation als Schauplatz für ihre Klima-Proteste ausgesucht. Weil sie wie Guterres befürchten, dass wir den Kampf ums Überleben auf der Erde verlieren könnten, setzen sie sich auf viel befahrene Straßen und blockieren den Verkehr. Manche kleben sich am Asphalt fest, als menschliche Barrikaden. Sie fordern mehr Klimaschutz – und zwar sofort.

Denn schaffen wir es nicht, wie 2015 in Paris völkerrechtlich vereinbart, den weltweiten Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, werden wesentliche Teile der besiedel­ten Erdoberfläche über kurz oder lang unbewohnbar werden. Eine drei oder vier Grad wärmere Welt bedeutet: Katas­trophen, kollabierende Ökosysteme, überflutete Küsten und untergehende Städte. Das löst Verteilungskämpfe aus, womöglich Kriege, in jedem Fall nie gekannte Flucht und Migration.

Gesellschaft und Politik sind in Aufruhr und reagieren hysterisch. Doch nicht wegen der von der Wissenschaft ausgerollten Klima­apokalypse. Auch nicht wegen eines Betonmischers, der in Berlin eine Radfahrerin umfuhr und unter sich begrub. Größter Aufreger sind die Klebeaktionen der Klimabewegung. Der ehemalige CSU-Verkehrsminister Dobrindt sieht in ihnen eine neue RAF und fordert Gewahrsam und Haftstrafen. Die Bild-Zeitung fragt, ob es okay ist, wenn Autofahrer Blockierer kurzerhand ohrfeigen. ZDF-Talkmaster Lanz begegnet einer ernsthaft argumentierenden Aktivistin mit Überheblichkeit und unglaublichem Zynismus: Die Menschheit könne sich doch an den Klimawandel anpassen – oder sich in den Dolomiten in Sicherheit bringen.

Man kann die Art und Weise der Protest­aktionen ablehnen, aber diese Wut ist falsch. Vermutlich ist sie deshalb so groß, weil es die meisten insgeheim wissen, aber nicht wahrhaben wollen: Wir stecken fest und brauchen neue Wege in die Zukunft, mit weniger Autos und mehr Platz für Menschen. Die Politik sollte Alarm schlagen wegen der vielen überfahrenen Radfahrer*innen.Denn warum gehört der Tod unterm Lkw zur Normalität und wird als privates Schicksal hingenommen? Wo bleibt die öffentliche Empörung?

Dass Klimablockaden auch ohne Klebstoff funktionieren, haben die Verkehrsminister aller Generationen hingegen gezeigt – bis heute: Der überdimensionierte Autobahnbau geht weiter,  es fließt mehr Geld in Autosubventionen als in die Sanierung der Bahn – und ein Tempolimit ist tabu.

Wie immer gibt es am Ende des Textes auch noch eine gute Nachricht: Bald ist Weihnachten! Kommen Sie unfallfrei ins neue Jahr und bleiben Sie zuversichtlich.

fairkehr 5/2022