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Reise 4/2022

Barrierefrei reisen

Oben auf

Eines hatte Caroline Mülheims auf ihrer Reise mit Rolli und Bahn nach Skandinavien zuhauf: grandiose Aussichten – von der Oper, von der Skisprungschanze und zum Abschluss von der Fähre.

Zwei junge Frauen, eine davon im Rollstuhl posieren vor einer Landschaftskulisse
Caroline Mülheims und ihre Assistentin Pia genießen den „Ausblick mit Nervenkitzel“ von der Skisprungschanze Holmenkollen in Oslo.

Warum tust du dir das an? Diese Frage wurde mir oft gestellt, wenn ich von meinem Plan erzählt habe. Dem Plan, mit dem Zug nach Stockholm, Oslo und Kopenhagen zu fahren. Mit meinem Rollstuhl.

Die einfache Antwort: Ich habe schon lange davon geträumt, Skandinavien zu sehen. Die komplizierte Antwort: Ich möchte beweisen, dass es geht. Ich möchte zeigen, dass man mit dem Rollstuhl reisen kann. Nachhaltig.

Ich bringe gute Voraussetzungen mit: Ich brauche, außer meinem 200 Kilogramm schweren E-Rollstuhl keinerlei größere Hilfsmittel. Und dennoch ist es kompliziert: Schon im Alltag vieler Menschen mit Behinderung gibt es sehr viel zu organisieren. Wenn man reist, wird das nicht weniger. Es müssen barrierefreie und am besten günstige Hotels gefunden werden. Die müssen angeschrieben werden, ob sie mein kühlschrankpflichtiges Medikament tatsächlich kühlen können. Bahnverbindungen mit möglichst wenig Umstiegen müssen gefunden und beim jeweiligen Betreiber angemeldet werden.

Aber das alles habe ich geschafft. Und so stehe ich am frühen Morgen des 9. Juli am Kölner Hauptbahnhof. Nur be­packt mit zwei Rucksäcken. An meiner Seite: meine treue Seele Pia. Sie ist meine Assistentin. Sie ist nicht nur ein Reise-Profi, sie wird auch meine Arme und Beine sein. Mir helfen bei allem, was ich aufgrund meiner Behinderung nicht sch­affen kann. Das ganze neun Tage lang am Stück, am Tag und in der Nacht.

Es kribbelt in meinen Zehen, so nervös bin ich. Ein Freund meinte letztens zu mir, es sei ein Leichtes, mit einem Rucksack durch Australien zu ziehen. Das größere Abenteuer sei es, mit einem Rollstuhl mit der Bahn zu reisen. Er hat recht. Schon oft hat die DB mir Probleme gemacht: weil der Aufzug kaputt, der Zug überfüllt oder doch kein Rollstuhl­abteil im Zug war. Aber diesmal geht alles gut und ich sitze um 6:12 Uhr im Zug und mache erst einmal die Augen zu. Der Tag wird noch lang und ich bin noch sehr müde.

Mammut-Tour nach Stockholm

Eine Frau im rollstuhl von hinten auf einer Fähre vor grauem Wasser und grauen Wolken
Am Heck der Fähre von Oslo nach Kopenhagen durch die Schärenwelt des Fjords

Insgesamt bin ich an diesem Tag über 15 Stunden mit der Bahn unterwegs. Von Köln nach Hamburg – dort habe ich eine Stunde Umsteigezeit, von Hamburg nach Kopenhagen – 45 Minuten Umsteigezeit, und von Kopenhagen nach Stockholm. Die Fahrt im ICE war noch die angenehmste. Der Zug von Hamburg nach Kopenhagen war leider hoffnungslos überfüllt und der Zug nach Stockholm war nichts für schwache Mägen. Ich bin froh, als ich um 21:41 Uhr wieder festen Boden unter meinen Rädern habe. Nur drei Minuten Verspätung auf der ganzen Fahrt. Alle Hilfeleistungen liefen perfekt. So reibungslos hatte ich es nicht erwartet.

Unser Hotel in Stockholm liegt direkt am Bahnhof, wir sind also relativ zentral und gut angebunden. Kurzerhand machen wir uns zu Fuß auf den Weg und lassen uns durch die Stadt treiben. Der öffentliche Raum ist hier weitgehend barrierefrei gestaltet. Wir steuern auf die Halbinsel Djurgården zu. Auch wenn wir noch nicht so ganz wissen, was wir eigentlich wollen, hier finden wir auf jeden Fall das Richtige.

Wir landen im Freilichtmuseum ­Skansen. Schwedische Gebäude aus verschiedenen Epochen und dementsprechend verkleidete Menschen geben uns einen Einblick in die landestypische Geschichte. Zum Freilichtmuseum gehört aber auch ein Tierpark, in dem „Tiere des Nordens“ gehalten werden. Mein Highlight des Tages: Ich habe einen Elch gesehen, aus drei Meter Entfernung! Ich bin glücklich.

Da mein Rolli die hügelige Halbinsel Djurgården nicht so gut verkraftet hat, gehen wir am frühen Abend ins Hotel zurück, um den Akku zu laden. Später ziehen wir noch einmal los und erkunden die Altstadt. An meine rollifahrenden Brüder und Schwestern: Lasst das lieber!

Die Altstadt strotzt vor Kopfsteinpflaster der schlimmsten Sorte und nicht abgesenkten Bordsteinkanten. Allen anderen kann ich nur empfehlen, im Sommer noch so spät unterwegs zu sein. Dann ist Stockholm nicht so voll und man kann in Ruhe durch die engen Gassen schlendern. Die Stimmung ist atemberaubend!

Durch meine Corona-Erkrankung kurz vor der Reise habe ich von Tag zu Tag unterschiedlich viel Kraft, weswegen ich mir für jede Stadt nur kleine Ziele gesetzt habe. Eines in Stockholm: eine echte Fika. Eine Fika ist eine bewusste Auszeit. Sie kann überall abgehalten werden – solange es Kaffee und Gebäck gibt. Vorzugsweise „kanelbullar“ – Zimtschnecken. Also sitze ich am nächsten Tag im Viertel Mosebacken auf einer Hochterrasse, genieße Zimtschnecken und Kaffee und lasse zwei Stunden lang Blicke und Gedanken schweifen.

Per Taxi nach Norwegen

eine Rollstuhlfahrerin von hinten vor einem See.
Auch im Freilichtmuseum ­Skansen in Stockholm ist das Wasser nicht weit.

Am nächsten Morgen geht es früh aus den Federn. Unser Zug nach Oslo fährt um kurz nach sechs. Ich bin mal wieder nervös. Kurz vor der Abfahrt erreicht mich die schwedische Bahn und erklärt mir, dass mein Zug doch nur bist Kristinehamm fährt. Für die restlichen 260 Kilometer würde es mit einem Reisebus weitergehen. Weil ich das nicht machen kann, habe mir die schwedische Bahn kurzerhand ein Taxi von Kristinehamm nach Oslo organisiert. Ein barrierefreies. In Deutschland ist so was kaum zu finden.

Mit einer Mischung aus Begeisterung und Skepsis stehen wir also am Bahnhof. Die Zugbegleiterinnen packen den doch sehr kleinen Hublift aus, der im Zug selbst verbaut ist. Ich passe mit Ach und Krach drauf. Und dann passiert – nichts. Der Lift funktioniert nicht. Ich komme nicht in den Zug. In meinem Kopf herrscht Chaos, tausend Fragen auf einmal. Die wichtigste: Was jetzt?

Das frage ich eine der beiden Zugbegleiterinnen, während sich die Türen des Zuges schließen und er ohne uns davonrollt. Ihre Antwort: „Keine Sorge. Das ist unser Fehler, nicht Ihrer. Wir buchen Ihnen ein Taxi.“

Etwas ungläubig gehen Pia und ich zurück in die Eingangshalle. Nach zwei Stunden bangem Warten erklärt mir eine Frau am Telefon, dass mein Taxi in 20 Minuten da sei und ich vor dem Bahnhof warten solle. Ich frage ungläubig, wer das denn bezahle und ob das Taxi tatsächlich barrierefrei sei. „Natürlich“ würde die schwedische Bahn das Taxi bezahlen und „natürlich“ sei es rollstuhlgerecht. Ich bin baff und kann es kaum glauben. Doch da kommt auch schon ein großer schwarzer Transporter mit einer Rampe im Kofferraum. Und Per steigt aus.

Per, ein netter älterer Schwede aus Enköpping, spricht fließend Deutsch. Seine Eltern kamen ursprünglich aus Österreich und er besuchte als Kind die deutsche Schule in Schweden. Später arbeitete er für eine deutsche Firma, die Kunststoffe vertrieb. Jedenfalls so lange, bis er nach 30 Jahren einen neuen Chef bekam – einen, der dem Chefsein nicht gewachsen war. Per hatte keinen Spaß mehr an der Arbeit. Er kündigte einen Tag vor Weihnachten. Eigentlich hatte er genug verdient, um in Rente zu gehen. Aber er wollte etwas tun, wollte Menschen kennenlernen. So kommt es, dass Per, Pia und ich nun sechseinhalb Stunden auf schwedischen Autobahnen und Landstraßen unterwegs sind, von Stockholm nach Oslo. Vorbei an einer Landschaft wie aus den Filmen von Pippi Langstrumpf.

Steckdosen-Hopping in Oslo

Eine Rollstuhlfahrerin vor bunten Häusern
Sightseeing: Die Autorin besucht den bunten Nyhavn in Kopenhagen.

In Oslo zieht es uns als Erstes zum Hafen. Hier, direkt vor dem Hauptbahnhof, steht die Oper Oslos auf einer künstlichen Insel. Modern, gläsern, elfenbeinfarben – wie aufgeschichtete Eisschollen steht sie als ein neues Markenzeichen Oslos im Hafen und lädt Besucher auf ihr Dach ein. Wegen verschiedener Steigungen ist es für mich nicht einfach, aber ich schaffe es. Von oben kann man halb Oslo bewundern und den Fjord mit den Schären­.

Am nächsten Morgen ist unser Ziel die nahe gelegene Festung Akershus, von der man einen fantastischen Blick auf die andere Seite Oslos und besonders auf die Skisprungschanze Holmenkollen hat. Von dort oben wiederum ist die Aussicht noch atemberaubender. Also nehmen wir den Bus zur zentralen Metrostation und dann mit der M1 weiter. Hinauf zum Holmenkollen!

Schon die Fahrt dorthin bietet außergewöhnliche Ausblicke. Wir freuen uns auf das, was noch kommt. Meinem schwächelnden Akku allerdings gefällt der kurze, aber steile Fußmarsch gar nicht. Oben angekommen, suche ich daher im Café die erstbeste Steckdose. Danach geht es mit dem Aufzug die Sprungschanze hoch bis zu dem Punkt, wo die Skispringer starten. Wer den Nervenkitzel möchte: Im Sommer ist von diesem Punkt bis zum Fuß der Schanze eine Seilbahn gespannt. Pia und ich genießen lieber die Aussicht. Ganz Oslo und den halben Fjord können wir von hier oben sehen. Gigantisch!

Mit unserer Rückreise beginnt der Teil, auf den ich mich fast am meisten gefreut habe: die Fjordfahrt. Vom Hafen Oslos bis zur Mündung des Fjords in die Nordsee dauert die Fahrt drei Stunden. Diese Stunden sind ein echtes Highlight meiner Reise. Von Oslo wegführend, wird der Fjord langsam, aber stetig immer breiter. Man kann ganz in Ruhe am Heck des Schiffes sitzen und die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen, dabei ein gutes Getränk genießen und nette Schiffsbekanntschaften schließen. Was will man mehr?

Die Nacht, die wir gefühlt direkt neben dem Schiffsmotor verbracht haben, ist deutlich weniger angenehm. Am frühen Morgen landen wir im Norden von Kopenhagen an. Zu Fuß schlagen wir uns bis zu unserem Hotel durch, vorbei am Palast und der kleinen Meerjungfrau. Wir verschlafen den Nachmittag und gehen am Abend in das Tivoli.

Der Vergnügungspark ist abends wunderschön beleuchtet und deshalb auch eine Attraktion, wenn man wie ich nicht achterbahntauglich ist. Die vielen Lichter, die sich im See spiegeln, sind unvergleichlich.

Den nächsten Morgen lassen wir es entspannt angehen und holen uns ein 24-Stunden-Ticket für den ÖPNV. Die U-Bahnen in Kopenhagen sind sehr modern und perfekt barrierefrei. Aus Deutschland bin ich solche Standards nicht gewöhnt. Zuerst besuchen wir Christiania – eine alternative Siedlung ehemaliger Wohnungsbesetzer*innen, ein Überbleibsel der Hippiebewegung. Doch wir flüchten bald aus der heute ziemlich überfüllten Innenstadt und fahren mit der Bahn an den Strand des Öresund. Hätten wir vorher gewusst, wie voll die Stadt heute sein würde, hätten wir den Zug nach Malmö genommen. In einer halben Stunde fährt man von einem Bahnhof zum anderen, von Dänemark nach Schweden. Dafür ist es jetzt aber schon zu spät.

Als wir abends zurück in der Innenstadt Kopenhagens sind, will ich noch einmal los – den Palast ohne Menschen sehen. Das gelingt mir auch. Leider ist mein Rolli so leer, dass ich auf dem Rückweg auf einer riesigen Kreuzung liegen bleibe und von einem Bus angehupt werde. Pia war so müde, dass sie nicht mitgekommen ist, und jetzt stehe ich da und halte den Verkehr auf. Da kommt eine Familie auf mich zu. Sie schiebt meinen Rolli bis ins Hotelzimmer. Zum Glück nur 500 Meter. Die Familie, die ursprünglich von den Faröer Inseln kommt, hatte einige Zeit in Dänemark gelebt und besucht gerade in Kopenhagen ihre Familie. Wen man so alles trifft auf so einer Reise.

Caroline Mülheims

fairkehr 4/2022