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Familien 4/2022

Mobilitätslehre an Hochschulen

Studienziel: Gutes Leben

Im ganzen Land fehlen Fachkräfte für die Mobilitätswende. Aber kann man nachhaltige Mobilität überhaupt studieren? Darüber hat fairkehr mit Prof. Dr. André Bruns von der Hochschule RheinMain in Wiesbaden gesprochen.

Portraitfoto von einem Mann mit Brille
Prof. Dr. André Bruns leitet den Studiengang Mobilitätsmanagement an der Hochschule RheinMain. Als studierter Raum- und Umweltplaner forscht er zu integrierten Konzepten nachhaltiger Mobilität.

fairkehr: Professor Bruns, Sie haben 2015/2016 den Studiengang Mobilitätsmanagement an der Hochschule RheinMain mitaufgebaut. Warum brauchte es diesen neuen Studiengang?

André Bruns: Ich habe in den Neunzigern studiert. Da dachte man, man wüsste, wie man nachhaltige Mobilitätslösungen schaffen kann, aber in der Praxis ist sehr wenig passiert. Uns wurde klar: Wir brauchen eine neue Generation von Planer*innen und Fachpersonen, die in der Ausbildung ein anderes Narrativ erfahren, wie man nachhaltige Mobilität denkt. Im Rahmen des Hochschulpakts Hessen konnten wir den neuen Bachelor-Studiengang aufbauen. Und dank der vom Verkehrsministerium geförderten Radverkehrsprofessur konnten wir jetzt auch noch den passenden Masterstudiengang entwickeln, er startet diesen Oktober.

Was unterscheidet den Studiengang vom klassischen Verkehrs- oder Bauingenieur-Studium?

Unsere Studiengänge sind im klassischen Ingenieurbereich verhaftet, aber explizit interdisziplinär ausgerichtet. Unser Ziel ist es, sozialwissenschaftlich aufgeklärte Ingenieur*innen auszubilden. Darum finden Sie in unserem Kollegium verschiedenste Qualifikationen: Neben Verkehrs- und Raumplanern haben wir unter anderem einen Soziologen im Team. Unsere Student*innen lernen nicht nur, eine Straße oder einen Radweg zu bauen, sondern sie lernen, die grundlegenden Fragen zu stellen.

Welche Fragen sind das?

Die grundlegendste Frage ist: welche Mobilitätsbedürfnisse habe ich eigentlich? Und welche Art von Verkehr kann und will ich mir leisten? Das ist bei uns das erste Kompetenzfeld: Zu verstehen, wie Mobilität entsteht, wie man Mobilitätsbedürfnisse analysieren und daraus geeignete Maßnahmen ableiten kann.

Die Gestaltung der Angebote ist der zweite Kompetenzbereich. Und der dritte Kompetenzbereich, der uns auszeichnet, ist das Thema Mobilitätsmanagement. Denn es reicht ja nicht, gute Angebote zu schaffen, sondern ich muss die Menschen auch motivieren, ihr Verhalten zu ändern. Dieses Thema des Behaviour Change spielt bei uns im Studium eine große Rolle und differenziert uns von den klassischen Bauingenieur-Studiengängen.

Wir bieten auch Module zum Thema Kommunikation an, denn das Thema ist in diesen Berufen essenziell. Und Kommunikation für Bürger*innen ist nicht gleich Kommunikation für Politiker*innen. Darauf wollen wir die Studierenden vorbereiten.

Haben Sie Rückmeldungen von Studierenden, ob sich diese Fähigkeiten in der späteren Berufspraxis auszahlen?

Generell bekommen wir viele positive Rückmeldungen. Von Absolvent*innen, die in Kommunen arbeiten, hören wir, dass ihnen die argumentativen Grundlagen aus dem Studium eine Hilfe sind. Sie können nicht nur darüber reden, wie ein guter Radweg aussieht, sondern auch erklären, warum ein Radweg die richtige Lösung ist. Außerdem fühlen sich unsere Absolvent*innen gut vorbereitet, sich nicht nur mit den Kolleg*innen aus dem Tiefbauamt zu unterhalten, sondern auch mit Personen aus anderen Disziplinen und Ämtern.

Aus dem kommunalen Kontext hören wir aber auch immer wieder die Rückmeldung, dass Stellen gar nicht für diese Interdisziplinarität ausgelegt sind, sodass die Absolvent*innen am Ende doch „nur“ Verkehrsthemen bearbeiten. Oder dass sie mit der Umsetzung nicht vorankommen, weil Ortspolitiker*innen Vorhaben blockieren.

Die Kommunen beklagen einen eklatanten Fachkräftemangel. Wie können Hochschulen dem entgegenwirken?

Die Frage ist ja: Wie kommen junge Menschen überhaupt dazu, so einen Studiengang zu studieren? Es gibt ein großes Angebot an Studiengängen. Gerade im Bereich Nachhaltigkeit gibt es viele tolle Angebote, und dass man die Mobilitätswende studieren kann, ist vielen überhaupt nicht bewusst.

Es gibt Initiativen wie zum Beispiel „Plane deine Stadt“ in Nordrhein-Westfalen. Das ist eine Plattform, auf der planerische Berufe beworben werden. Das Projekt ist sehr gut gemacht und gibt spannende Einblicke nicht nur in das Studium, sondern auch in den Berufsalltag. Davon brauchen wir mehr in Deutschland, und dafür setzen wir uns in unserem Studienfeld auch ein.

Ist Ihr Studiengang einzigartig in Deutschland?

Wir sind Teil des Studienfelds nachhaltige Mobilität. Neben uns sind dort noch die Hochschulen Karlsruhe, Erfurt und Salzgitter vertreten. Vier weitere Hochschulen sind gerade dabei, beizutreten. Das Ziel ist, dass sich auch an anderen Standorten bisher eher verkehrsbezogene Studiengänge in Richtung nachhaltige Mobilität öffnen. Das heißt nicht, dass es dann überall den gleichen Studiengang gibt, aber wir haben ein Kerncurriculum entwickelt, das die Ausbildung zumindest etwas vereinheitlicht. Unser gemeinsames Ziel ist es, mehr Absolvent*innen hervorzubringen. Denn wir sehen ja, dass in der Praxis überall Fachpersonal fehlt, und daran die Mobilitätswende krankt.

2020 hat die Hochschule RheinMain eine der sieben Stiftungsprofessuren Radverkehr des Bundesverkehrsministeriums erhalten, die bei Ihnen im Fachbereich angesiedelt ist. Bekommen Sie dadurch mehr Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit?

Ja, definitiv. Wir haben das bewusst genutzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch das Bundesverkehrsministerium und das Land Hessen unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit. Ich denke schon, dass das einige junge Menschen dazu bewogen hat, bei uns zu studieren.

Wenn Sie eine Nachricht an die jungen Abiturient*innen da draußen senden könnten: Warum sollten sie sich für Mobilitätsmanagement entscheiden?

Weil es eine wunderbare Möglichkeit ist, die Vorstellung eines nachhaltigen, guten Lebens mitzuprägen und mitzugestalten. Mobilität ist eines der Kernthemen für nachhaltige Transformation und die Frage, wie ein gutes Miteinander leben in unserem Land eigentlich aussieht. Denn ohne Mobilität, das hat man in der Pandemie gemerkt, ist unsere Gesellschaft nichts, da funktionieren die gesellschaftlichen Prozesse nicht. Und das nachhaltig zu gestalten, mit ungefähr 80 Millionen Expert*innen, die alle selbst mobil sind, ist eine superspannende Aufgabe. Mit Blick auf die Zukunft sicher einer der lohnendsten Bereiche. Und es ist natürlich schön, Dinge eher grundlegend zu analysieren und zu wissen. Aber das Tolle bei uns im Ingenieurwesen ist, dass man konkret an der Gestaltung der Zukunft arbeitet. Das finde ich persönlich eine sehr bereichernde und sehr befriedigende Tätigkeit. Man macht sich immer Gedanken, wie man die Dinge zum Positiven verändern kann. Allen, denen an einer sinnstiftenden Aufgabe gelegen ist, sei ein Ingenieurberuf und insbesondere unser Studiengang ans Herz gelegt.

Interview: Katharina Baum

DIY: Verkehrswende selber machen

Seit 2021 unterstützt der VCD Studierende und Auszubildende dabei, eine gerechte und klimafreundliche Mobilität an Hoch- und Berufsschulen voranzubringen. Im Projekt „DIY: Verkehrswende selber machen“ können sich Studierende und Auszubildende mit ihren Mobilitätsprojekten für eine Förderung bewerben.

Das DIY-Team organisiert Veranstaltungen und Schulungen, berät und betreut die Studierenden und unterstützt bei der Vernetzung mit anderen Akteuren. Eine Übersicht über bisher geförderte Projekte und weitere Informationen zur Mobilität an Hochschulen (u. A. auch eine Beschreibung des Studiengangs Mobilitätsmanagement an der HS RheinMain) gibt die in zweiter Auflage neu erschienene Broschüre „Nachhaltige Mobilität an Hochschulen“.

fairkehr 4/2022