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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Titel 3/2022

Klimakrise

Alarmstufe Rot: Was kommt nach 1,5 Grad?

Der letzte IPCC-Klimabericht zeigt: Die Menschheit wird das im Pariser Abkommen vereinbarte Klimaziel aller Wahrscheinlichkeit nach verfehlen. Wenn wir nicht massiv umsteuern, droht uns eine Zukunft voller ökologischer Risiken und globaler Ungerechtigkeit

Grafik: Ed HawkinsAuf unserer Erde wird es heißer. Das zeigen die „Warming Stripes“ des britischen Klima­wissenschaftlers Ed Hawkins. Die Farbe jedes Streifens repräsentiert die weltweite Durchschnittstemperatur eines einzelnen Jahres, von 1850 bis 2021. Je röter, desto wärmer – eine klare Botschaft. Deshalb haben wir sie in dieser fairkehr als Titel­motiv gewählt.

Als der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) 1990 seinen ersten Sachstandsbericht veröffentlichte, stand die Welt bei einer globalen Erwärmung von 0,4 Grad. Inzwischen sind es 1,2 Grad, verglichen mit vorindustriellen Temperaturen. Das ist nicht nur die schnellste Aufheizung, die der Planet jemals erfahren hat; die Vorhersagen der Forscher*innen von damals haben sich auch als beeindruckend präzise erwiesen.

Inzwischen arbeitet eine neue Generation von Klima­wissenschaftler*innen an dem Bericht, der über das letzte halbe Jahr in drei Teilen veröffentlicht wurde. Sie kann auf ungleich größere Datenmengen zurückgreifen: Tiefenbohrungen liefern Wissen über das Klima von vor Hunderttausenden von Jahren; Satelliten orten und quantifizieren Treibhausgas-­Ausstöße weltweit in Echtzeit; und bei sich häufenden Extrem­wetterlagen wie zum Beispiel Hitzewellen lernt die Wissenschaft immer besser zu bestimmen, was „nur“ Wetter und was dem Klimawandel zuzurechnen ist. Gerade bei extremen Hitzephänomenen sind sich die Forscher*innen sicher: Hitze­wellen, etwa in Europa, sind schon heute aufgrund des Klimawandels häufiger, länger und heißer.

Der mit dem im April veröffentlichten dritten Teil abgeschlossene sechste IPCC-Bericht hat deutlich gemacht: Die Weltgemeinschaft wird das im Pariser Abkommen vereinbarte Ziel, die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf 1,5 Grad zu begrenzen, aller Wahrscheinlichkeit nach verfehlen. Denn dazu müsste der Ausstoß von Treibhausgasen 2025 seinen Höchstwert erreichen und danach rapide fallen, die Weltwirtschaft bis 2050 vollständig dekarbonisiert sein. Aber bisher pumpt die Menschheit Jahr für Jahr mehr Klimagase in die Atmosphäre. Dass sich der Anstieg der Emissionen im letzten Jahrzehnt verlangsamt hat, ist nur ein schwacher Hoffnungsschimmer.

Der Befund der Forscher*innen ist ein Schlag in die Magengrube der Menschheit. Denn hätte sie die Warnungen der Klimawissenschaft ernst genommen und sich konsequent aus ihrer Abhängigkeit von fossiler Energie befreit – sie hätte es schaffen können. Dann hätte unser Wohlstand und der Aufstieg aus der bittersten Armut, der sich in den letzten zwanzig Jahren hauptsächlich in Asien ereignet hat, nicht mit den wachsenden ökologischen Risiken bezahlt werden müssen, die alle Fortschritte am Ende wieder zunichte machen könnten. Laut IPCC-Bericht erreichen wir den Meilenstein der Misere ­voraussichtlich schon Anfang des kommenden Jahrzehnts.

Bereits heute erleben wir mehr Extremwetterereignisse als in der Vergangenheit. Und mit jedem zusätzlichen Zehntel Erwärmung wachsen die Risiken für irreversible Schäden am Ökosystem des Planeten – und damit für den Menschen. Das heißt: mehr Extremwetter, stärkere Übersäuerung der Meere, beschleunigtes Artensterben und erhöhte Gefahren für Leib und Leben vor allem für die Ärmsten, die kaum Mittel haben, sich auf veränderte klimatische Bedingungen einzustellen. Selbst wenn wir das 1,5-Grad-Ziel verpassen sollten, lohnt es sich, für jede einzelne Klimaschutzmaßnahme zu kämpfen.

Denn auch das macht der letzte IPCC-Bericht deutlich: Fortschritte sind möglich, wenn wir nur wollen. So hat zum Beispiel das Engagement von Umweltschützer*innen und Regierungen das Abholzen von Wäldern in vielen Weltgegenden verlangsamt oder durch Aufforstung sogar umgekehrt, weshalb der Planet heute mehr Waldfläche aufweist als 2010. Die Preise für Solarenergie (-85 %), Windenergie (-55 %) und Lithium-­Ionen-Batterien  für E-Autos (-85 %) sind im letzten Jahrzehnt massiv gefallen – stärker, als selbst die optimistischsten Szenarien im letzten IPCC-Bericht angenommen hatten. Und für die meisten industriellen Prozesse stehen grüne Technologien bereit.

Erstmals widmet der dritte Teil des IPCC-Berichts der Frage ein eigenes Kapitel, welchen Einfluss ein verändertes Konsum­verhalten in den reichen Ländern hätte. Die Klimaeffekte sind größer, als die Forscher*innen vermutet hatten. Von 60 identifizierten Maßnahmen, wie Homeoffice oder fleischarme ­Ernährung, ist das Mobilitätsverhalten dabei das Wichtigste: Die größten CO2-Einsparungen können wir durch ein autofreies­ Leben mit mehr Laufen und Radfahren, mehr ÖV-Nutzung, E-Mobilität und weniger Langstreckenflügen erreichen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass die globale Erwärmung zum Erliegen kommt, sobald die Menschheit den Ausstoß von CO2 stoppt. Wie der amerikanische Klimaforscher Zeke Hausfather im April auf der Online-Plattform „Carbon Brief“ berichtete, hat sich diese These in neueren Studien bestätigt. Allerdings würde das dann erreichte Temperatur­level über Jahrhunderte wohl nicht mehr fallen. Das heißt: Die Menschheit bestimmt jetzt, wie heiß der Planet wird. Je schneller sie das Ziel Netto-Null erreicht, desto mehr Sicherheitsabstand bringt sie zwischen sich und eine gefährliche 3-Grad-Welt, auf die sie im Moment zusteuert. Eine solche wäre zwar voraussichtlich nicht unbewohnbar, aber doch mit massiven und schwer kalkulierbaren Härten für Mensch und Natur verbunden. Der Planet wäre ein anderer. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Temperaturunterschied zur letzten Eiszeit liegt bei etwa 5 Grad Celsius.

Das Ruder reißt die Weltgemeinschaft nur herum, wenn sie sich rasch und konsequent von fossilen Brennstoffen verabschiedet. Sie machen rund zwei Drittel des Treibhausgas-Ausstoßes aus. Aber allein die künftigen Emissionen aus der existierenden Infrastruktur für Öl, Kohle und Gas sprengen das CO2-Restbudget für 1,5 Grad. Rechnet man geplante Neuerschließungen der Fossilindustrie dazu, kommt man auf etwa doppelt so viel Treibhausgase, als wir noch ausstoßen dürften. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ veröffentlichte jüngst eine Liste von 195 investiven Öl- und Gasprojekten der Ölmultis: Laut den Recherchen planen allein die zwölf größten Konzerne, bis 2030 103 Millionen Euro täglich für Erschließung und Abbau neuer Öl- und Gasfelder auszugeben. Offensichtlich sind sie sich ihrer Macht so sicher, dass sie gegen eine Welt wetten, in der wir den Klimawandel aufhalten. Kein Wunder, erfreuen sie sich doch nach wie vor satter staatlicher Subven­tionen. Laut EU-Rechnungshof belaufen sich diese allein in Europa auf 55 Milliarden Euro jährlich – Geld, mit dem der Verbrauch fossiler Brennstoffe täglich befeuert wird.

Tim Albrecht

fairkehr 3/2022