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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Kolumne 3/2022

Klima, Kunst und ein Radroman

Kolumnist Martin Unfried hält ein flammendes Plädoyer für die Kunstform des Klimaprotestsongs.

 

Gehäkelte Korallenriffe als Protest gegen ihre Zerstörung: Die Wollkünstlerinnen Christine und Margaret Wertheim zeigen die bedrohte Schönheit der Ozeane.

Ich war noch sehr klein, als John Lennon und Yoko Ono „Give Peace a Chance!“ schmetterten – das war 1969. Das war damals anscheinend ein wichtiges Zeichen gegen den Vietnam-Krieg. 1976 ver­öffentlichte Bob Dylan „Hurricane“ – nicht der letzte Song gegen Rassismus in den USA. In Deutschland erzählte  „Na und?“ von Udo Lindenberg von einer Liebesbeziehung zu einem Mann, was 1978 sehr, sehr neu war. Bekanntermaßen hatten die fantastischen Kinks bereits im Jahr 1970 das Thema Transsexualität im Hit „Lola“ verarbeitet: „… she walks like a woman and talks like a man.“ Merke: Die Kinks waren ihrer Zeit Jahrzehnte voraus.

Auch im Kampf gegen Atomkraftwerke haben Musiker eine Rolle gespielt: „Oohoho Tschernobyl, das letzte Signal vor dem Overkill, heh, heh, stoppt die AKW's“. Der Reim tat in der Tat ein bisschen weh. Doch Wolf Maahn hatte in den Tagen nach der Katastrophe 1986 zumindest zum Mitsingen animiert. Ich habe später nach dem AKW-Störfall in Schweden (Forsmark, 2006) den Song „Watt'n Knall bei Vattenfall“ geschrieben. Der wurde leider kein internationaler Hit, wahrscheinlich weil das Genre „Karnevalsschlager mit Anti-AKW-Message“ damals noch zu avantgardistisch war. Später in den Nuller-Jahren schrieb ich Songs gegen die Klimakatastrophe: „Steinewerfen am Bauzaun der Nachfrage“ als flammendes Plädoyer ins Sachen Lifestyle und Konsum. Leider wieder mit mäßigem Erfolg. Nicht mal Freunde und Familie fanden das Genre „Klimaprotestsong“ richtig zündend. Ach, das ignorante Publikum war damals nicht so weit.

Die Pop- und Rockwelt brauchte sehr, sehr lange, um das Klima zu entdecken. Es passierte erst kürzlich: Im Jahr 2019, als die Fridays-for-Future-Bewegung richtig groß wurde, ver­öffentlich­te die Band „1975“ ein Stück mit der Stimme von Greta Thunberg: ihr Aufruf zur Rettung des Klimas, unterlegt mit einem Beat. Musikalisch ansprechender ist „All the Good Girls go to Hell“. Darin haucht Billie Eilish: „Hills burn in California… Don't say I didn't warn you“. Deutlicher dichtete die britische Indie-Band Bastille  in „Doom Days“: „We fucked this house up like the planet, we were running riot, crazy that some people still deny it.“

Ansonsten war die Erd­erhitzung lange Zeit nicht interessant genug für große künstlerische Leistungen. Es gibt bis heute wenig Romane, Bilder oder sonstige Kunstergüsse zur sich anbahnenden Katastrophe. Das lag und liegt sicher nicht an der Gefährdungslage oder am Mangel an Warnungen aus der Wissenschaft. Irgendwie ist das Thema für Kunstschaffende nicht sexy genug. Ich halte diese artistische Ignoranz für eines der größten Rätsel der Menschheit. Wobei Ausnahmen ganz gewiss die Regel bestätigen: Seit 2005 haben Christine und Margaret Wertheim Korallenriffe gehäkelt und große Installationen komponiert; diese waren bis Ende Juni zu sehen in Baden-Baden. Die Wertheim Sisters sind nämlich berührt von der Zerstörung des Great Barrier Reef in ihrer Heimat Queensland in Australien. Sie werben für emotionale Klimaintelligenz.

Und der Kampf gegen die Herrschaft des klimaschädlichen Automobils? Lange Zeit in der Literatur kein Thema. Erst jetzt habe ich den ersten großen Radroman gelesen. Vor dem Hintergrund der epochalen Verkehrswende hat Bernd Müllender ihn geschrieben und er heißt „Die Zahl 38.185: Ein Fahrrad-Roman aus der Autostadt Aachen“. Handelt von Liebe, Fahrradwegen, Autoliebhabern und Leidenschaft im Kampf um die fahrradgerechte Stadt. Klasse! Das sage ich nicht nur, weil ich vor kurzem mit Bernd in Gulpen ein Gulpener getrunken habe. Sondern, weil er seinen Protagonisten von Aachen nach Maastricht reisen lässt, um dort seinen Freund Kees van Zwaben zu treffen. Dieser Speed-Pedelec- und gelegentliche Autofahrer wird als Präsident des „Maastrichter Clubs der langsam fahrenden Männer“ eingeführt. „Unverschämt“, dachte ich beim Lesen: „Das bin ja ich!“ Und dann ganz plötzlich empfand ich es doch als große Klimakunst.     

Martin Unfried

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fairkehr 3/2022