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Wohnen in Köln

Autofrei leben in Nippes

Die autofreie Siedlung „Stellwerk 60“ im Kölner Stadtteil Nippes ist vor allem bei Familien beliebt, die sich eine sichere Umgebung für ihre Kinder wünschen.

Mehrere Kinder werden auf einem flachen Wagen durch eine Straße geschoben. Sie lachen und strecken die Zunge raus.
Bei Sonnenschein übernehmen die Kinder das Quartier: Ungestört vom Autoverkehr können sie auf den Spielplätzen und auf der Straße ausgelassen spielen.

Vor dem Café Kessel in der Kesselhausstraße 1 in Köln Nippes steht eine dicht gedrängte Menschentraube. Regen prasselt auf bunte Schirme. Rund 40 Personen trotzen dem garstigen Aprilwetter, um an der Exkursion des VCD-Projektes „Bundesweites Netzwerk Wohnen und Mobilität“ in das autofreie Quartier „Stellwerk 60“ teilzunehmen.

Hans-Georg Kleinmann, Vorstandsmitglied des VCD-Regionalverbandes Köln, begrüßt die Teilnehmer*innen und führt ins Thema ein. „Nur ungefähr zehn Prozent der Familien sind hierher gezogen, weil sie autofrei leben wollen“, sagt er. Überwiegend Familien und Paare mit Kinderwunsch hätten sich für das Viertel „Stellwerk 60“ entschieden, damit ihr Nachwuchs in einer kinderfreundlichen Umgebung aufwachsen könne, so Kleinmann weiter.

Wie früher auf dem Dorf

 „Anfangs hat man hier oft Eltern gesehen, die ihren Kindern hinterherliefen, wenn diese ausgebüchst sind. Inzwischen dürfen selbst die Zwei- oder Dreijährigen allein losziehen, um draußen zu spielen und zu toben“, sagt eine Exkursionsteilnehmerin, die selbst im Quartier wohnt. Es sei ein bisschen wie früher auf dem Dorf, erzählt sie. „Die größeren Kinder spielen mit den Kleinen, und weil sich die Nachbar*innen untereinander kennen, geben alle aufeinander acht.“

Kleinmann steht neben einer Infotafel, auf der der Grundriss des Quartiers abgebildet ist, und nennt einige Eckdaten zur Siedlung: Fertiggestellt wurde sie schon 2013. In 430 Haushalten leben rund 1 500 Menschen. Nur 80 der Haushalte dürfen ein Auto besitzen, das ist in den Mietverträgen so geregelt und entspricht dem mit der Stadt vereinbarten Stellplatzschlüssel von 0,2 pro Wohneinheit. Parkplätze und Autostraßen gibt es im Quartier selbst keine. Die Autos können in einer Quartiersgarage am Rande der Siedlung abgestellt werden, die 80 Parkplätze für Anwohner*innen, 15 Carsharing-Stellplätze für Fahrzeuge des Anbieters Cambio und einige Gästeparkplätze bereithält. Das offene Parkhaus aus grauen Stahlträgern wirkt wie ein Fremdkörper in der sonst so freundlichen Siedlung mit ihren pastellfarbenen Ein- und Mehrfamilienhäusern.

Mitte der 1990er Jahre gründeten Bürger*innen den Arbeitskreis „Auto­freie Siedlung Köln e. V.“ mit dem Ziel, eine Siedlung ganz ohne Parkplätze und Kfz-Verkehr zu schaffen. Sie fanden mit dem vier Hektar großen Gelände eines ehemaligen Eisenbahn-Ausbesserungswerkes einen geeigneten Standort, sprachen bei der Stadt vor und fanden schließlich mit der GAG Immobilien AG und dem Versicherungskonzern AXA Investoren, die den Bau finanzierten.

In zwei Gruppen gehen die Teilnehmer*innen der Exkursion durch das natürlich längst voll vermietete Quartier. Unsere Gruppe führt Ralph Herbertz, wie Kleinmann Vorstand im VCD-Köln. Er gehört zu den Initiatoren des Siedlungsprojektes, wohnt jedoch selbst nicht im „Stellwerk 60“. Zur Besichtigung eines der größeren Mehrparteienhäuser öffnet Bewohner Alf Kroll die Tür und führt die Besucher*innen eine Treppe hinunter in die Fahrradtiefgarage. Sofort wird uns klar: Hier wohnen Familien mit Kindern. Auf den Gepäckträgern mehrerer Fahrräder sind Kindersitze montiert. Zwischen den Rädern stehen Bobby-Cars, und etliche Laufräder liegen in den Parkbuchten, die mit weißer Farbe auf den grauen Beton gepinselt sind. Für die kleinsten Wohneinheiten ist Platz für zwei Fahrräder vorgesehen. Je größer die Wohnung ist, desto größer der zugewiesene Parkplatz. Abstellanlagen gibt es nicht.

Am Ende des lang gezogenen Ganges mit den Parkbuchten führt eine große Metalltür zu einer Rampe raus ins Freie. Die Wege in der Siedlung teilen sich die Menschen, egal ob sie mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. „Ich überlege nicht lange, ob ich das Fahrrad für meine Wege nehme, weil ich es über die Rampe ganz einfach rausschieben kann“, sagt Alf Kroll. „Mein Auto habe ich längst abgeschafft. Und wenn ich doch mal eins brauche, leihe ich mir ein Carsharing-Auto aus“, sagt Kroll. Das sei aber zuletzt vor zwei Jahren der Fall gewesen.

Ein Mann hält einen pinken Regenschirm über seinen Kopf und zeigt auf ein weißes Schild. Er steht auf einem grauen Bürgersteig neben einer grünen Hecke.
Hans-Georg Kleinmann vom VCD Köln erklärt den Exkursionsteilnehmer*innen den Aufbau des Quartiers „Stellwerk 60“.

Sehr gute Anbindung

Das „Stellwerk 60“ ist sehr gut an den Kölner ÖPNV angebunden. An drei Bahnhaltestellen, die die Anwohner*innen schnell zu Fuß erreichen können, fahren drei U-Bahn- und zwei S-Bahn-Linien. Die schnellste Verbindung ist in fünf Minuten am Hauptbahnhof, mitten in der Kölner Innenstadt. Mehrere Buslinien führen am Quartier entlang. Cambio hat insgesamt 25 Carsharing-Autos an zwei Stationen in der Quartiersgarage und am Eingang Kempener Straße aufgestellt. Lieferdienste, die das „Stellwerk 60“ anfahren, parken ihre Transporter vor dem Quartier und bringen Pakete und Bestellungen per Sackkarre bis an die Haustür. Außerdem sehr praktisch: Der „DB Speisewagen“ – ein kleiner Tante-Emma-Laden im Quartier, der viele Waren des täglichen Bedarfs zum Kauf anbietet. 

Weiter geht die Führung durch den Kölner Aprilregen. Auf den von Buchenhecken gesäumten Wegen begegnen der Exkursionsgruppe heute nur wenige Radfahrer*innen und Fußgänger*innen. Auch die Spielplätze mit ihren großen Sandkästen und hölzernen Klettergerüsten sind bei dem unfreundlichen Wetter verwaist. Die Mehrfamilienhäuser mit ihren großen Balkonen sind u-förmig drumherum gruppiert. Vor den Einfamilienhäusern an kleinen Plätzen stehen Sitzbänke unter Bäumchen. „Wir haben hier eine gute Mischung aus Miet- und Eigentumswohnungen“, erzählt Herbertz. Einige Wohnungen seien barrierefrei für Menschen mit Behinderungen, auch an günstige, geförderte Sozialwohnungen habe man beim Bau gedacht. 

Die Mobilitätsstation des Quartiers ist in einem Raum einer ehemaligen Erdgeschosswohnung untergebracht. Dort können Mitglieder des Vereins „Nachbarn60“ kostenlos Fahrräder, Fahrrad­anhänger und Einkaufswagen ausleihen, die aus der Konkursmasse einer Baumarktkette stammen. Die Kinder holen sich hier die Schlüssel zu Tretautos ab, die in der Siedlung verteilt stehen. So lernen sie schon früh, wie Sharing geht. An der rechten Wand des Raumes stapeln sich Bierzeltgarnituren bis unter die Decke. „Sie sind im Sommer fast durchgehend für Feiern verliehen“, berichtet eine Bewohnerin. Im Verein „Nachbarn60“ sind etwa 300 Haushalte aus dem „Stellwerk 60“ und der näheren Umgebung Mitglied. Er stärkt das Gemeinschaftsgefühl in der Siedlung.

Eine andere Bewohnerin berichtet, dass für manche Familien in der Siedlung, die mehrere Kinder bekommen hätten, ihre Wohnungen zu klein geworden seien. Größere Wohnung oder ein Haus im Quartier könnten sie aber oft nicht ergattern. Sie wisse von einer Familie, die mit drei Kindern auf beengtem Raum lebe, weil sie nicht wegziehen möchte. Die Menschen hier schätzten das Gemeinschaftsgefühl der Siedlung und wollten ihre Kinder in der sicheren Umgebung großziehen, sagt sie. 

Das Beispiel des „Stellwerks 60“ zeigt: Deutschland kann mehr solcher auto­freien Quartiere gebrauchen. Die Menschen suchen nach solchen Wohnorten, leben gerne dort und nachhaltiger als anderswo. Kommunen und Investor*innen müssen Mut beweisen und weitere autofreie Siedlungsprojekte umsetzen. Das Risiko erscheint gering.

Benjamin Kühne

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fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"