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Kolumne 2/2022

Artikel 147 GG: Die Fläche des Autos ist unantastbar

Parkplätze sind normalerweise für Autos da. fairkehr-Kolumnist Martin Unfried würden aber noch ein paar andere Dinge einfallen, die man auf einem Parkplatz so an- bzw. abstellen könnte.

Die Silhouette eines gelben Autos steht vor einem Parkplatz, dahinter sind Fahrradbügel aufgestellt.
Man muss es nur wollen: Auf einem Autoparkplatz könnten neun Fahrräder stehen – wie hier in Tel Aviv.

In der gemeinen deutschen Stadt stehen gewöhnlich zu viele Automobile rum. In den öden Straßenschluchten mobiles Blech, soweit das Auge reicht. Ich sage gefühlt nur: Stuttgart! Und doch ist, wenn man es nachrechnet, Hannover der Blech-Champion. Ich habe gelesen, dass rund ein Fünftel der gesamten Verkehrsfläche dort von parkenden Autos mehr oder weniger gewaltfrei besetzt wird. In Wolfsburg gibt es übrigens mehr Autos als Menschen (und Wölfe). „Platz da!“ schreit das Automobil. Und für Fahrrad, Fußverkehr, Grün­flächen gilt: Bescheidenheit ist eine Zier!

Bekanntlich freuen wir Velonauten uns über jeden Radweg-Krümel, der uns hingeworfen wird. Man stelle sich vor (Gedankenexperiment!), in einer normalen kurzen städtischen Straße würden auf der Fläche eines Autoparkplatzes jeweils neun Fahrräder stehen. Das wären auf 10 Parkplätzen 90 Fahrräder. Ich wiederhole: neunzig. Und es gäbe deshalb keinen Platz mehr für das Abstellen eines Kraftfahrzeuges. Nicht einen. Was würde der Anwohner Rudolf Diesel zu seiner Frau Berta Benz sagen, die gerade mit ihrem neuen E-Klasse T-Modell vorfahren? „Berta,  das ist ungerecht!“ würde Rudolf fluchen. Zur Info: Das neue E-Klasse T-Modell aus dem Jahre 2022 ist kein SUV, sondern ein normaler Kombi. Er ist  4,95 Meter lang und mit ausgefahrenen Spiegeln 2,06 Meter breit. Das sind etwas mehr als 10 Quadratmeter Fläche. Es gibt viele Kinderzimmer, die nicht größer sind.

Gleiches gilt für Tiny Houses. Nehmen wir mal an, Leute, die keine Wohnung finden, würden anstatt eines Autos einfach ein kleines mobiles Haus an den Straßenrand stellen, natürlich für den Preis des Anwohnerparkscheins. Das wäre geschenkt. In Karlsruhe wurden die Tarife gerade für Anwohner von 30 Euro auf wahnsinnige 180 Euro im Jahr erhöht. Das wären als Stellplatzmiete fürs Tiny House rund 15 Euro im Monat! Ein Schnäppchen. Noch besser: in vielen anderen Städten ist der Wohnraum für Autos immer noch umsonst. Dort beanspruchen manche Haushalte sogar zwei Flächen am Straßenrand. Warum eigentlich nicht ein etwas größeres Tiny House auf zwei Stellflächen? Warum keine ausgelagerten Kinderzimmer  aufstellen (Flötenunterricht!), Holzterrassen oder Gewächshäuser auf Rädern?

Warum klingt das absurd und nach John Lennons  „Imagine“? Weil es eben ein internalisiertes und breit akzeptiertes Menschrecht auf Parken gibt! Und keines für Parks, günstiges Wohnen, Tomatenzucht oder Fahrradboxen. Dafür braucht es nicht mal einen offiziellen Grundgesetzartikel 147: „Die Fläche des Autos ist unantastbar.“ Diese Autoplatz-Anspruchsnormalität ist viel tiefer verankert. Autosuggestion. Denn wie viele kurze, mit Autos vollgestellte  Straßen gibt es, wo nicht mal Platz bleibt für ein mickriges Fahrrad, geschweige denn neun?  Eben. Deshalb braucht es schon fantasievolle Aktionen, um diese Normalvorstellungen zu brechen. Ich denke,  das Abstellen von Tiny Houses wäre ein „spielerischer Akt“ bürgerschaftlichen Engagements. Vielleicht haben ja einige Städte in ihrer Verordnung vergessen, das Parken von kleinen Häusern ausdrücklich zu verbieten. Vielleicht hilft ja ein Auspuff am Haus! Und womöglich interessiert sich das Bundesverfassungsgericht für die Frage, warum eigentlich für mobile Kinderzimmer keine Anwohner- Parkscheine gekauft werden können, für den Familien-Bully dagegen schon.

In jedem Fall sollten wir so schnell wie möglich bei der Stadtverwaltung einen Anwohnerparkausweis für unsere neun Fahrräder besorgen. Aufpassen: Erst beim Landratsamt die Kennzeichen beantragen, sonst kann man das Formular nicht ausfüllen. Ist Ihnen übrigens schon aufgefallen, dass sich in der deutschen Sprache Parken und Park sehr nahe stehen? Nur zwei Buchstaben entscheiden über Himmel, Hölle, Leben, Tod, Sein oder Nichtsein.

Martin Unfried 

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fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"