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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Editorial 2/2022

Ukraine-Krieg

Runter vom Gas

Vor der Flucht aus Kiew hatte  Anzhelika ihrer vierjährigen Tochter die Kontaktdaten der Familie mit rotem  Edding auf den Unterarm geschrieben. Sie zeigt mir die Bilder auf dem Handy und berichtet von ihrer Angst, unterwegs von der kleinen Nika getrennt oder von russischen Soldaten getötet zu werden.
Putins brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine geht uns alle an. Wir sehen ihn live und in Farbe, die Bilder sind grausam und werden jeden Tag unfassbarer. Russische Truppen hinterlassen verbrannte Erde, zerstörte Orte, geschändete Menschen. Dieser Krieg führt uns vor Augen, wie verwundbar unser Leben ist und wie sehr in der Welt alles mit allem zusammenhängt.

Wir sind extrem abhängig von russischen Rohstoffen. Jeden Tag überweist Deutschland 200 Millionen Euro allein für Öl und Gas und stabilisiert damit Putins vernichtendes Regime. Was haben wir neben durchgreifenden Sank­tionen in der Hand, um den Wahnsinn zu stoppen? Ernst zu nehmende Menschen aus Wissenschaft und Politik fordern ein komplettes Embargo für russisches Öl und Gas; ein Einfuhrverbot für Kohle bereitet die EU gerade vor.

Was mir fehlt, sind echte Aufrufe der Politik zum Energiesparen. Die Men­schen in Deutschland haben die Wahrheit verdient. Noch wehren die FDP-Minister sich vehement – aber das Tempolimit wäre ein Anfang und würde Milliarden Liter Öl im Jahr einsparen. Es wirkt direkt, erfordert kein neues Gesetz – nicht mal neue Verkehrsschilder. Vielleicht braucht das Land sogar auto­freie Sonntage, um auch diejenigen zu erreichen, die nicht täglich Nachrichten lesen oder spätabends Talkshows schauen. Doch statt „Runter vom Gas“ kommen Energiesteuersenkungen mit der Gießkanne. Sie sind das falsche Signal und nur ein kurzfristiges Trostpflaster.

Wir brauchen neue politische Rahmenbedingungen und Politiker*innen, die den Mut haben, die Menschen auf Veränderungen vorzubereiten. Wann, wenn nicht jetzt, sollten alle verstehen, dass wir tagein, tagaus Ressourcen verbrauchen, die wir gar nicht haben. Dass unser Lebensstil die Klimakatastrophe vorantreibt, gehört zur Wahrheit dazu.

Ein Umdenken findet bisher nicht statt – das zeigt mir ein Blick aus dem Fenster. In meiner Straße in einem Gründerzeitviertel mitten in Bonn ist alles zugeparkt und kein Platz mehr zum Laufen oder Spielen. Die Autos sind mit den Jahren monströs groß geworden. Subventionsgeförderte Hybrid-SUVs
blockieren die Bürgersteige, und es fallen die Hemmungen, geländegängige Jeeps oder den ehemals fürs britische Militär gebauten Land Rover Defender in die schöne Straße zu stellen.

Anzhelika und ihre Tochter haben vor­übergehend in unserem Haus Zuflucht gefunden. Die Handynummern auf Nikas Körper sind schon verblasst. Die Erinnerungen an die Bomben noch nicht. Auf ihren ersten Wegen aus dem Haus kommen die beiden an dem Straßenpanzer vorbei, mit dem die Nachbarin ihre Kinder seit ein paar Wochen zur Kita fährt. Die Gleichzeitig­keit der Ereignisse kann einen fertigmachen.

Ich schreibe diesen Text am ersten Tag der Karwoche – Sie werden ihn erst nach Ostern lesen. Viel kann bis dahin passieren. Es wäre mal wieder Zeit für ein Wunder – vor allem für Frieden.

Uta Linnert

fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"