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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Kolumne 1/2022

Money for Männer mit Garage

fairkehr-Kolumnist Martin Unfried widmet sich in dieser Kolumne dem fröhlichen Fördergelder-Verteilen.

Ein blonder Mann mit beigem Anzug und weißem Hemd lehnt mit schmierigem Grinsen an einem weißen Sportwagen.
Reiche Garagenmänner aufgepasst: Wer ein E-Auto für über 65 000 Euro kauft, bekommt keinen staatlichen Zuschuss.

In der Wissenschaft ist ja immer noch umstritten, ob im Klimaschutz Ge- und Verbote eine größere Rolle spielen sollen oder eher finanzielle Anreize. Ich bin bekanntlich für die Verbreitung der Elektromobilität mit Lichtgeschwindigkeit. Mein Vorschlag: ein Tempolimit von 95 km/h auf der Autobahn für Autos mit Verbrennungsmotoren. Elektroautos dagegen Tempo 195 km/h. Das wäre ein klares Zeichen des Gesetzgebers mit einer emotionalen Botschaft. Der Staat hätte sich einige Milliarden an Förderung sparen können. Nun gut. Dafür fehlt auch der neuen Koalition die Fantasie. Und Geld verschenken ist mit Blick auf die Zufriedenheit des Elektorats wahrscheinlich effektiver. Dabei stellen sich allerdings immer Fragen nach dem „Wie viel?“ und „Warum gerade die?“, wenn Leute vom Staat beschenkt werden.

365 Tage im Jahr eine öffentliche Fläche von 12 Quadratmetern mit Blech vollstellen, das ist in vielen Städten gratis oder fast geschenkt. Aber nur wenn darauf ein Auto steht. Stellen Sie sich vor, ich würde einen Parkplatz vor meinem Haus das ganze Jahr mit zehn Fahrrädern belegen. Ordnungsamt! Anderes Beispiel: Den Auflader meines E-Bikes hat nicht der Staat bezahlt. Das war anders bei der Wallbox-Förderung von Bekannten, die erst jetzt ausgelaufen ist. Überraschung: Die 900 Euro vom Staat deckten bei kluger Planung die ganze Investition der elektrischen Ladestation. Das habe ich nicht verstanden. Nehmen wir mal an, ich möchte eine Probebahncard 100 kaufen, die gibt es nämlich im Moment für 999 Euro. Damit möchte ich mal drei Monate elektrisch kreuz und quer durch Deutschland gleisen. Dann wäre ich doch so was von happy, wenn der Staat 500 Euro zuschießen würde. Aber die Karte komplett geschenkt? Natürlich gönne ich dem Franz und dem Chrissi die 900 Euro. Die laden jetzt lustig ihre Elektrokisten, und die anderen müssen zur Tanke. Problem: Ich kenne nur Männer, die bei der KfW den Antrag gestellt haben. Und zwar Männer mit Garage. Zweites Problem: Garagenbesitzer gehören meistens nicht zu den Ärmsten der Armen. Warum also so viel für diese Zielgruppe? Zusammen rund eine Milliarde für Garagenmänner? Es sollte bei staatlicher Förderung sowas wie einen Gendertest geben. Stellen Sie sich vor, der Staat würde eine Milliarde in die Förderung von Thermomixen stecken. Nicht dass Männer mit Garage keine Thermomixe brauchen, aber ich vermute das Geschrei vieler Machos wäre groß.

Noch etwas psychologisch Interessantes, was wiederum für Gratis-Geld spricht: Die Wallbox-Förderung haben sich auch viele Oberschlauberger (ja, Männer!) auszahlen lassen, die noch gar kein Elektroauto haben. Motto: Nix verkommen lassen! Die haben also noch einen Verbrenner in der Garage stehen und daneben ein schickes Teil von – sagen wir – Pulsar. Für den Laien: Bei einem Verbrenner kann man gar kein Typ-2- Kabel anschließen! Wie halten die das nervlich aus. Jeden Tag der verliebte Blick auf die Box und dann direkt auf das Grauen des Tankdeckels? Ich vermute, auch da wird ein geschenkter Gaul helfen. Denn immer noch winken bis zu 6 000 Euro vom Staat und bis zu 3 000 Euro vom Hersteller beim elektrischen Neuwagen. Und hier eine gute Nachricht: Diese Förderung ist sozial ausgewogener, weil man für teurere Autos weniger bis gar keine Prämie bekommt. Beim günstigsten Elektroauto Dacia Spring kriegen die weniger Begüterten fast 50 Prozent vom Kaufpreis geschenkt! Bei einem Tesla Model 3 sind es etwa 15 Prozent und für eine S-Klasse gibt es nichts. Das ist soziale Marktwirtschaft. Arme Reiche. Sie hätten sich sicher auch über einen Zuschuss für Luxus zu den 100 000 Euro gefreut, die sie auf den Tisch legen. Dann wäre der Aufpreis für die Nussbaum-Zierelemente mit drin gewesen. Ach Hauptsache, die Förderung wirkt. Von 2,6 Millionen Neuwagen waren im letzten Jahr 355 555 rein elektrisch und nochmals so viel Hybride mit Stecker. Zum Vergleich: 2019 waren es noch 60 000 rein Elektrische. Geld und elektrische Autos stinken eben nicht.

Martin Unfried 

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fairkehr 1/2022

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