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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Lieferdrohnen

Das unbekannte Flugobjekt

Als Amazon 2013 die Entwicklung von Drohnen für Versandzustellungen ankündigte, war der Hype groß. Doch das Geschäft mit den fliegenden Robotern entwickelt sich zum Nischenmarkt.

Foto: Ivan Bajic/istockphoto.comWenig geeignet für deutsche Mittelstädte: Flugroboter, die Päckchen abwerfen.

In der 80 000-Einwohner-Stadt Galway in Irland bringen sie Indisches Curry. In den Vorstädten der australischen Metropole Brisbane frisch gebrühten Kaffee. Und in den ländlichen Regionen Ghanas Impfstoffe gegen Corona. Weltweit sind in den letzten Jahren Pilotprojekte angelaufen, in denen Lieferdienste mit Drohnen abgewickelt werden. Der Kunde bestellt die gewünschte Ware per App auf dem Handy oder Laptop. Wenige Minuten später schwebt ein mit vielen kleinen Propellern ausgestatteter Mini-Flugroboter über dem Vorgarten, öffnet eine Luke am Unterboden und seilt die Ware in einer Tüte oder Box auf den Boden ab.

Hinter den Projekten stehen meist Logistik-, Tech- oder Warenhandelsgiganten wie Amazon, Google, DHL oder Walmart. Aber auch Start-up-Unternehmen wie „Wingcopter“ aus Hessen drängen auf den Markt. Die große Disruption des Liefermarktes ist bisher jedoch ausgeblieben. Dabei waren die Erwartungen groß: „In ein paar Jahren wird uns der Anblick einer Lieferdrohne genauso normal erscheinen wie der eines Transporters“, so Matt Sweeny, Gründer und Geschäftsführer des Drohnen-Start-ups „Flirtey“ aus Nevada in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung „Bloomberg“. Das war 2016. Seine Vorhersage hat sich nicht erfüllt. Die Lieferdrohne ist für die breite Öffentlichkeit bisher ein unbekanntes Flugobjekt geblieben.

Kein Fernseher per Drohne

Die Gründe sind vielfältig. Der Luftraum ist eine von Staaten stark regulierte Zone. Amazon gelang es erst 2020, die Zulassung für kommerzielle Drohnenflüge in den USA zu bekommen. Die Konkurrenten UPS und Alphabet (ehemals Google) waren ein Jahr schneller. In der EU sind die Flüge bisher nur mit Ausnahmegenehmigungen möglich. Ein Gesetz, dass die Flugsicherheit für Flüge außer Sicht umfassend regelt, will die EU erst 2025 erlassen.

Selbst dort, wo Genehmigungen vorliegen, haben die Geschäftsmodelle bisher nicht funktioniert. Ab 2016 trieb Amazon sein „Prime Air“-Projekt in Zusammenarbeit mit der britischen Regierung in England voran. 2019 sollten die ersten kommerziellen Lieferungen in britischen Städten starten. Bis heute ist keine dieser Drohnen in die Luft gegangen. Stattdessen wurde dieses Jahr bekannt, dass der Konzern das Projekt in England offenbar abwickelt. Auch DHL hat seinen „Paketcopter“ eingestellt.

Entgegen den ursprünglichen Verlautbarungen der Liefergiganten können Drohnen in Städten ihre Vorteile nicht ausspielen. Während ein einzelner Transporter Hunderte Pakete mit einer Fahrt ausliefern kann, ist die Kapazität der Flugroboter begrenzt. Die meisten Modelle können nur Pakete bis zu drei Kilogramm ausliefern. Der Wingcopter 128, eines der vielversprechendsten Modelle am Markt, trägt drei Pakete mit einer Gesamtlast von sechs Kilogramm. „In unseren Breiten die letzte Meile mit Drohnen zu bedienen, macht keinen Sinn“, so der Drohnenexperte Kay Wackwitz gegenüber dem „Tagesspiegel“. Mitteleuropa verfüge über eine gute In­frastruktur und gute Logistikketten. Man könne mit Drohnen nicht mehr viel Zeit sparen. Und den neuen Fernseher kann die Drohne sowieso nicht liefern.

Foto: iLexx/istockphoto.comNicht auszudenken, wenn über unseren Köpfen auch noch surrende Flugroboter unterwegs wären: In Deutschland und Europa haben sie bisher keine generelle Erlaubnis.

Dazu kommt: Die Lieferung an private Endkunden per Flugroboter ist zu teuer. Deshalb konzentriert sich die Branche zunehmend auf Nischenmärkte: Für den Transport extrem zeitkritischer Ladung, wie zum Beispiel Transplantationsorgane oder Blutkonserven, kann ein Dienstleister deutlich höhere Preise verlangen als für die Pizza zum Abendessen. Das Gleiche gilt für dringend benötigte Ersatzteile in der Industrie.

Flugroboter-Feuerwerke

Auch was Energieverbrauch und Emissionen angeht, erfüllen Drohnen bisher nicht die Erwartungen. Die Branche verkauft ihr Produkte gern als grüne Alternative zum städtischen Lieferverkehr. Aber in dicht besiedelten Räumen verbrauchen sie deutlich mehr Energie als die Transporter auf der Straße. Einer Studie der Martin-Luther-Universität in Halle zufolge liegt der Verbrauch fünfmal höher als bei einem Diesel-, und sogar zehnmal höher als bei einem E-Transporter. Ein anderes Bild zeigt sich in ländlichen Räumen: Hier könnten Drohnen der Studie zufolge auch ökologisch sinnvoll sein.

Ein weiterer Faktor, den die Liefergiganten offenbar unterschätzt haben, ist die Akzeptanz in der Bevölkerung. Drohnen sind zwar viel leiser als Flugzeuge oder Helikopter. Trotzdem stellt das Sirren der Rotoren eine Lärmbelastung dar. Würden täglich Hunderte von Lieferdrohnen durch unsere Städte fliegen, würde das das Wohlbefinden von Menschen und Tieren stören. In Australien haben sich bereits Bürgerinitiativen gebildet, die gegen Drohnenflüge in ihrer Nachbarschaft kämpfen.

Lieferdrohnen werden im städtischen Lieferverkehr wohl auch in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen. Trotzdem wächst die Branche. Denn in anderen Bereichen ist die Anwendung von Drohnen vielversprechender, zum Beispiel für Kurierdienste zu abgelegenen Orten wie Bohrinseln oder Bergdörfern. Innerhalb eines Unternehmens­areals oder eines Flughafens werden Flugroboter bereits für Lieferdienste eingesetzt. Der amerikanische Präsident Biden will Drohnen dazu einsetzen, die marode Infrastruktur in den USA zu inspizieren. In der Landwirtschaft könnten sie Setzlinge oder Düngemittel ausbringen. Sogar Feuerwerke können durch die Flug­roboter ersetzt werden: Dabei malen mit Leuchtdioden bestückte Drohnenschwärme alle denkbaren Formationen an den Nachthimmel – und zwar ohne dabei Lärm, Feinstaub oder Müll zu produzieren.

Tim Albrecht 

fairkehr 5/2021

Auf dem Cover der fairkehr 5/2021 ist ein Mann in einem roten Overall zu sehen, der ein Lastenfahrrad voller Geschenke fährt.