fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Interview mit Stadtplanerin Cordelia Polinna

Neue Ideen für die Innenstadt

Die Stadtplanerin Cordelia Polinna beobachtet, wie sich Städte verändern. Mit ihrem Büro entwirft sie Entwicklungsmöglichkeiten für Innenstädte, aus denen sich der Handel immer mehr verabschiedet.

Foto: privatCordelia Polinna: Die promovierte Stadtplanerin ist Geschäfts­führerin des Berliner Stadtplanungsbüros Urban Catalyst.

fairkehr: Wenn immer mehr Menschen im Internet einkaufen, werden sich unsere Innenstädte zwangsläufig verändern. Der Einzelhandel gerät in Panik. Zu Recht?

Cordelia Polinna: Einzelhandel, der allein auf Effizienz ausgerichtet ist, wird über kurz oder lang ins Internet abwandern, das beobachten wir immer mehr. Wenn ich genau weiß, was ich haben will – ein bestimmtes Buch, eine Bratpfanne –, dann bestelle ich das und lasse es liefern. Daneben gibt es aber auch den Handel, der auf Erlebnisse ausgerichtet ist. Da gehe ich hin, kaufe etwas, das ich mir vielleicht nicht extra vorgenommen hatte, und danach gehe ich noch mit einer Freundin einen Kaffee trinken oder ins Kino. Hier hat der stationäre Handel einen Vorteil, er muss aber auf diesen Wunsch nach Erlebnissen ausgerichtet sein. Dieser Handel braucht ein anderes Stadterlebnis.

Leerstand gibt es nicht erst seit dem Onlinehandel. Auch die Shopping- und Outletcenter haben der Innenstadt zugesetzt. Was können die Städte dagegensetzen?

Viele Entwicklungen überlagern sich aktuell. Auch Shoppingmalls geraten unter Druck. Auch dort ist das Shopping­erlebnis langweilig geworden, wenn es nur die standardisierten, immer gleichen Läden und Produkte gibt. Aus unseren Forschungsarbeiten wissen wir, dass Handel dort gewinnt, wo er auf Erlebnis ausgerichtet ist, etwa in einer spannenden Altstadt, wo es einzigartige Gebäude und attraktive öffentliche Räume gibt und wo das Einkaufen mit anderen Freizeitbeschäftigungen kombiniert werden kann. Alles, was austauschbar und nur noch effizient ist, wird online erledigt.

Was können Städte tun, die diese besonderen Voraussetzungen nicht mitbringen? Wie und womit können sie Leben in die Stadt bekommen?

Einige Städte beginnen, teilweise sehr engagiert, sich neue Nutzungen auszudenken und Akteur*innen zu finden, die solche experimentellen Projekte starten: Gemeinwohlorientierte Initiativen mit Blick auf lebenslanges Lernen oder soziale Aktivitäten und Sharing-Initiativen, die neue Konzepte anbieten, um den Handel zu ergänzen oder ersetzen. Das funktioniert aber nur zum Teil. Es füllt die Flächen nicht in dem Maße, wie wir früher Handelsflächen hatten. Es wird in Zukunft darum gehen, die Einkaufszonen zu konzentrieren, die zentralen Räume werden kleiner werden, es wird zu neuen Formen der Nutzungsmischung kommen.

Was ist vorstellbar?

Wohnen könnte in der Innenstadt wieder gestärkt werden. Menschen, die in der Innenstadt wohnen, beleben die Stadt 24 Stunden am Tag.

Im Moment haben wir aber noch die ex­trem hohen Mieten in den Innenstädten.

Alles wird nur gehen, wenn die Akteur*innen miteinander sprechen. Ich habe das Gefühl, dass renditeorientierte Immobilienfirmen den neuen Realitäten ins Auge blicken und dass sie ihre Miet­erwartungen reduzieren müssen, sonst werden Leerstände überhand nehmen.

Lebendige Innenstädte können mehr sein als reines Shopping. Was könnten Städte tun, damit Menschen sich dort gerne und länger aufhalten? Wie bekommen wir in tote Innenstädte neuen Schwung?

Es wird stärker um sozialen Austausch gehen, um gemeinsame Erlebnisse, um Kulturerlebnisse. Es könnten sich Musikschulen dort ansiedeln, Sport- und Wellnessangebote, Eisdielen oder Cafés. Selbst Büros, die heute oft in den Innenstädten zu finden sind, werden dort zukünftig nicht mehr im gewohnten Ausmaß sein, denn viel Büroarbeit wird im Homeoffice oder „remote“ – also in Co-Working-Spaces im Quartier oder auf dem Land – bleiben.  Auch Ladenbesitzer*innen sollten auf die Wünsche der Kundschaft nach Erlebnissen reagieren. Aber auch jeder einzelne Kunde, jede Kundin, muss sich fragen: In welcher Stadt möchte ich leben? Trage ich mit meinem Konsumverhalten dazu bei, dass kleine Läden weiter existieren können, oder bestelle ich alles im Internet?

Als Voraussetzung für die lebendigen Innenstädte wird immer noch die Erreichbarkeit mit dem Auto an erster Stelle genannt.

Jeder weiß, wie viele Fahrräder auf einen Autoparkplatz passen. Das ist dann nicht ein einziges Portemonnaie, das ankommt, sondern vielleicht direkt fünf. Es macht totalen Sinn, einen fahrrad- und fußgängerfreundlichen Umbau zu forcieren. Natürlich muss es noch einzelne Autoparkplätze geben, aber Parkraumbewirtschaftung sollte selbstverständlich sein, um das Parken zeitlich zu begrenzen. Die Stadt lebt nicht von Plätzen, auf denen den ganzen Tag Autos parken. Parken im öffentlichen Raum der Innenstadt muss teuer sein. Und wenn die Aufenthaltsqualität steigt, etwa weil es weniger Gefahren und Emissionen durch Autoverkehr gibt und weil es gut gestaltete Plätze und Straßen gibt, dann kommen auch die Kund*innen.

Wie bekommen Sie Händler dazu, sich auf weniger Autos und mehr Platz für Menschen einzulassen?

Wir zeigen mit Vorträgen und Bildern gute Beispiele von Städten, in denen es anders aussieht und neue Ideen für den Handel und das Erlebnis Innenstadt umgesetzt werden, zum Beispiel in einer Stadt wie Kopenhagen. Dort hat sich die Fahrradfreundlichkeit schon zu einer Touristen­attraktion an sich entwickelt. Am besten sind natürlich Besuche in solchen Städten, denn das persönliche Erleben ist das allerbeste. Aber auch das temporäre Erleben in der eigenen Stadt ist ein sehr gutes Mittel. Wir betreuen zurzeit die Projekte des Projektaufrufs zur Post-Corona-Stadt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. Viele der ausgezeichneten Kommunen arbeiten mit Pop-up-Maßnahmen. Dabei schlagen sie beispielsweise vor, mal einige Tage Teile einer Innenstadt autofrei zu halten. Oder einen Parkplatz temporär freizuräumen und mit Sitzgelegenheiten zu möblieren oder mit Rollrasen und Pflanzkübeln zu verschönen. Das probiert Ludwigsburg in Baden-Württemberg gerade ganz intensiv. Diese sogenannten Reallabore sind ein wichtiges In­strument, mit dem wir Menschen bei einem emotionalen Thema wie der Verkehrswende mit positiven Emotionen abholen können. Wenn die Menschen erleben, wie schön es vielleicht zwei Wochen an ihrem Ort ohne Auto war, wie gut man den Platz anderweitig nutzen konnte und wie positiv sich die Atmosphäre entwickelt hat, dann können sie es besser nachvollziehen, als wenn man das Anwohner*innen oder Gewerbetreibenden in einer frontalen Bürgerbeteiligungsveranstaltung sagt.

Haben die Städte das Problem erkannt? Wie gestalten wir die Stadt der Zukunft um?

Ich glaube, die Probleme wurden erkannt. Wir haben gar keine andere Wahl. Wir brauchen lebendige Innenstädte als Identifikationsorte für die Menschen. Wir brauchen die Stadt der kurzen Wege, die nachhaltig ist, in der sich Kinder und ältere Menschen sicher und frei bewegen können. Wir brauchen Städte, die Teilhabe am Leben ermöglichen. Tote Innenstädte, die vom Lieferverkehr und der Logistik des Onlinehandels dominiert werden, sind eine Horrorvorstellung; das will eigentlich niemand. Deshalb müssen wir mit aller Kraft daran arbeiten, dass unsere Städte vielfältig bleiben und neue Nutzungen bekommen, die über den Handel hinausgehen.

Interview: Uta Linnert 

fairkehr 5/2021

Auf dem Cover der fairkehr 5/2021 ist ein Mann in einem roten Overall zu sehen, der ein Lastenfahrrad voller Geschenke fährt.