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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Politik 5/2021

Fairfuel-Produktionsanlage von Atmosfair

Sorgenfrei klimaneutral fliegen?

Im Emsland produziert die Anlage einer Klimaschutzorganisation CO2-neutrales Kerosin für den Flugverkehr. Fachwelt, Politik und Forschung sind begeistert.

Foto: 2ndLookGraphics/istockphoto.comAuch mit E-Kerosin produzieren Flugzeuge Kondensstreifen. Klimaneutral werden sie deshalb nicht sein.

Ganz große Bühne für die Inbetriebnahme der Atmosfair-Fairfuel-Produktionsanlage Anfang Oktober: Der renommierte Klimaforscher Mojib Latif führt durch die Veranstaltung, Umweltministerin Svenja Schulze ist da, die Vorstandsvorsitzende der Lufthansa Dorothea von Boxberg, etliche Vertreter von Luftfrachtunternehmen und weitere Vertreter*innen aus Wirtschaft und Politik sind gekommen – selbst Kanzlerin Angela Merkel hat per Video eine Grußbotschaft geschickt. Das besondere Ereignis: Im Emsland will ausgerechnet eine gemeinnützige Klimaschutzorganisation Technikgeschichte schreiben – und nicht ein Energieversorgungsunternehmen oder ein Mineralölkonzern. Die NGO, bekannt für die Kompensation von durch Flug­reisen entstandenen Treibhausgasen, nimmt in Werlte die weltweit erste Anlage zur synthetischen Herstellung von E-Kerosin in Betrieb und betritt damit Neuland. Atmosfair nährt die große Hoffnung der Luftfahrt: den Traum vom grünen Fliegen.

Die Pilotanlage stellt aus Kohlendioxid und Wasserstoff E-Treibstoff her. Das CO2 stammt aus einer Biogasanlage vor Ort, weiteres CO2 zieht ein Filter direkt aus der Luft. Den Wasserstoff produziert das Werk mit Ökostrom aus Windkraft. Aus diesen beiden Komponenten erzeugt die Anlage in mehreren Schritten ein Synthesegas und über eine Power-­to-Liqid-Anlage schließlich den flüssigen Kraftstoff. Diesen verarbeitet eine Raffinerie im norddeutschen Heide zu Treibstoff. Das E-Kerosin können Flugzeuge ohne Umrüstung tanken.  

Immense Nachfrage

Das genau ist es, worauf die Airlines warten und weshalb sie sich bei Atmosfair engagieren. Die Nachfrage ist immens. Damit der Flugverkehr einen Beitrag zum Klimaschutz leistet, muss dem deutschen Kerosin ab 2026 ein halbes Prozent synthetischer Kraftstoff beigefügt werden, 2030 sollen es zwei Prozent sein.

Die Lufthansa erhofft sich, dass das E-Kerosin bald in größeren Mengen bereitsteht als die bisher verfügbaren und umstrittenen Biokraftstoffe. Selbstredend erwartet sich die Vorstandsvorsitzende Dorothea von Box­berg für die Lufthansa Unterstützung von der Politik, weil E-Fuels um ein Vielfaches teurer sind als fossiles Kerosin – das allerdings noch immer steuerbefreit ist.

Kanzlerin Merkel spricht in ihrem Gruß­wort von 200 000 Tonnen grünem Kerosin, das bis 2030 in Deutschland zum Einsatz kommen soll, um die CO2-Bilanz im Luftverkehr zu verbessern. Dafür müssten die Kapazitäten erheblich gesteigert werden. Die Anlage in Werlte schafft etwa 350 Tonnen im Jahr. Das entspricht 400 000 Litern, die komplett an den Flughafen Hamburg geliefert werden. Zum Nachrechnen: Um auch nur zwei Prozent des deutschen Kerosinbedarfs zu decken, wie bis 2030 angestrebt, wären 570 solcher Anlagen notwendig. Und das ist nebenbei auch der Grund, warum E-Fuels als Sprit für Autos bis auf Weiteres nicht infrage kommen.

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif und Atmosfair-Schirmherr sieht in der Produktion der E-Fuels nichts weniger als den Beginn einer neuen Zeit in der Luftfahrt. Die Technik sei wegweisend und es zeige sich, dass Klimaschutz Innovation bedeute und viele neue, gut bezahlte Jobs schaffen könne. Deutschland müsse bei den Zukunftstechnologien vorn dabei sein, wenn es Standards setzen wolle. Mit der Inbetriebnahme der Fairfuels-Anlage verbindet Latif Hoffnung, dass der Flugverkehr Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein könnte. Grünes E-Kerosin hat den großen Vorteil, CO2-neutral zu verbrennen: Die Triebwerke stoßen nur so viel Kohlendioxid aus, wie das Kerosin bei seiner Herstellung der Atmosphäre entzogen hat. Zumindest soll das für den Treibstoff von Atmosfair gelten.

Ein Siegel für E-Kerosin

Bei so viel Lob für die wegweisende Anlage hat Dietrich Brockhagen, Gründer und Geschäftsführer von Atmosfair, allen Grund zur Freude. Schnörkellos erklärt Brockhagen, wie er mit Fairfuel das Gleiche schaffen will, was seiner NGO bereits bei der CO2-Kompensation gelungen ist: ein Ökosiegel mit Goldstandard, an dem sich die Branche messen lassen muss.

Das Siegel soll garantieren, dass keine fossilen Quellen zum Einsatz kommen oder etwa eine CO2-Abscheidung aus dem Abgas von Kohlekraftwerken angezapft wird. Das Biogas für die Musteranlage stammt aus Abfällen der Nahrungsmittelproduktion. Und der viele Strom? Brockhagen versichert, dass der Stromverbrauch für die Wasserstoff­erzeugung nicht zulasten der Energiewende geht, sich also nicht aus dem Netz der regenerativen Energien speist, die per EEG-Umlage subventioniert werden. Der Strom müsse zusätzlich produziert sein, wenn er eine tatsächliche Klimawende im Luftverkehr bringen soll.

Produktion im globalen Süden

Die Pilotanlage soll vor allem eines demonstrieren: das zuverlässige Funktionieren der Technologie und der Prozesse. Dann seien in Zukunft größere Anlagen möglich, mit Produktionskapazitäten von bis zu einer Million Tonnen, sagt das Unternehmen. Atmosfair möchte künftig auch im globalen Süden Kerosin produzieren, da wo die Sonne öfter scheint als im Emsland und der Strom für die energieaufwändige Wasserstoffproduktion per Photovoltaik erzeugt werden könnte. „Es geht jetzt darum, die Produktion von E-Kerosin in Partnerschaften mit Ländern des globalen Südens aufzubauen. Die Wertschöpfung sollte dort in den Ländern entstehen, zusammen mit den Arbeitsplätzen. Das Know-how und die Technologie können zunächst noch aus den Industrieländern kommen, so profitieren langfristig der Norden und der Süden davon“, sagt Brockhagen. Das ist noch Zukunftsmusik und muss sich erst beweisen. Bisher hat sich Atmosfair mit der Kompensation einen Namen gemacht: Die NGO verwendet das Geld aus freiwilligen Klimaschutzbeiträgen von Flugpassagieren, um erneuerbare Energien in Entwicklungsländern aufzubauen. So werden beispielsweise in Kenia Biogasanlagen auf Bauernhöfen errichtet oder in Mali Solar­anlagen für entlegene Dörfer.

Ein erster Schritt

Heißt das nun, dass wir mit grünem E-Kerosin schon bald sorgenfrei klimaneutral fliegen können? Leider nein, denn es gibt noch viel zu wenig davon. Und dann erzeugt auch E-Kerosin eine Reihe anderer Klimaeffekte, ähnlich wie fossiles Kerosin. Dazu gehören vor allem die Bildung von Kondensstreifen und Ozon in großen Flughöhen, die das Klima sogar doppelt so stark erwärmen wie das CO2 des Kerosins. Auch wenn die Forschung noch keine abschließenden Ergebnisse hat, ließe sich grob schätzen, dass die Verwendung von 100 Prozent grünem E-Kerosin die Gesamtklimawirkung des Flugverkehrs in etwa halbieren könnte, schreibt Atmosfair auf seiner Internetseite. Die verbleibenden Kondensstreifen und die Ozonbildung und damit in Folge die gesamte Klimawirkung des Flugverkehrs könnten schließlich auf nahe null sinken, wenn die Flugrouten und -höhen optimiert würden.

Grünes E-Kerosin ist ein Einstieg in klimaschonendes Fliegen. Flug­reisende sollen bald bei Atmosfair Anteile von CO2-neutralem Flugbenzin für ihre Flug­reise kaufen können. Daneben bleibt die Kompensation. Trotzdem empfehlen auch die Hersteller von Fairfuels: „Weniger fliegen ist besser für das Klima.“

Uta Linnert  

fairkehr 5/2021

Auf dem Cover der fairkehr 5/2021 ist ein Mann in einem roten Overall zu sehen, der ein Lastenfahrrad voller Geschenke fährt.