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„Mit Lego kannst du mehr“

Rollstuhlrampen aus Lego

Dieser Werbeslogan aus den 1980er Jahren gilt auch heute noch – zumindest, wenn man aus den bunten Bausteinen Rampen für Rollis baut, so wie Caroline Mülheims.

Eine Frau fährt im Rollstuhl aus einer Tür heraus und eine Rampe aus Lego herunter.
Foto: Katharina GarusCaroline Mülheims: „Niemand wird sich über vorhandene Barrierefreiheit beschweren, nur über fehlende.“

Als ich zusammen mit Caroline Mülheims vor der Drahtflechterei in Köln-Ehrenfeld auftauche, kommt Ladeninhaber Marko Rettig sofort vor die Tür: „Soll ich euch die Rampen holen?“ – Ja, bitte. „Die Rampen“, das sind zwei Bauwerke aus Legosteinen, dank derer auch Mülheims die Drahtflechterei besuchen und in hübschem Drahthandwerk, Blumen und Dekoartikeln stöbern kann.

Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist Mülheims auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie kennt die täglichen Hürden, die nicht nur Rollstuhlfahrer*innen, sondern zum Beispiel auch Personen mit Rollator oder Kinderwagen überwinden müssen. Umso begeisterter war sie, als sie hörte, dass in Berlin mobile Rampen aus Legosteinen gebaut werden. Mülheims hat die Idee in das Team des Vereins „junge Stadt Köln“ eingebracht, und der Bau der Lego-Rampen nahm auch in Köln Fahrt auf.

So einfach wie genial

Was man den bunten Lego-Rampen nicht auf den ersten Blick ansieht, ist, wie viel Arbeit darin steckt. Allein ein dreiviertel Jahr haben Mülheims und ihre Kolleg*innen getüftelt, bis die Rampen so stabil waren, dass sie nicht direkt wieder auseinandergefallen sind. Doch dann war es endlich so weit: Der Bauplan stand, der Prototyp ebenfalls, und ein Skateshop im Kölner Süden hat die erste Lego-Rampe der Stadt bekommen.

Inzwischen hat die „junge Stadt Köln“ rund 20 weitere mobile Rampen in der Domstadt realisiert. Aufträge liegen noch deutlich mehr vor. Diese abzuarbeiten, dafür sind vor allem zwei Dinge nötig: fleißige Hände, die die Rampen bauen, und vor allem viele, viele Legosteine. Davon braucht man nämlich so einige! Rund 300 Euro Materialwert verstecken sich in nur einer Rampe.

Stellt man den Nutzen der Lego-Rampen gegenüber, ist das dennoch nicht viel. Nicht nur, dass sie eine barrierefreie Mobilität ermöglichen, sie sensibilisieren auch für das Thema. Denn die bunten Rampen sind ein echter Hingucker. Das erleben wir selbst: Kaum hat Rettig die Rampe vor die Drahtflechterei gelegt, bleibt eine Frau stehen: „Mensch, das ist ja eine tolle Idee. Mein Sohn sitzt auch im Rollstuhl, und wir überlegen schon länger, wie er hier und da Stufen überwinden kann.“

Kein Masterplan

Mit „überlegen“ hat sich Mülheims nicht begnügt, sie hat Hand angelegt. Und sie macht sich Gedanken, wie ihre Mobilität in Zukunft aussehen kann. Ihr ist zum Beispiel wichtig, mit den ­Lego-Rampen nicht die Verantwortlichen für eine barrierefreie Mobilität aus der Pflicht zu nehmen. In den mobilen Rampen sieht sie lediglich eine improvisierte Übergangslösung. „Mittelfristig wünsche ich mir, dass die Privatwirtschaft zur Barriere­freiheit verpflichtet wird“, sagt sie, „unser ehrenamtliches Engagement kann nicht die Lösung sein.“

Wütend macht sie vor allem, dass Barrierefreiheit noch immer nicht von Anfang an mitgedacht wird. Deswegen kann sie nie spontan mobil sein. Das aber wäre ihr Traum: Nicht im Vorfeld jeden Weg planen zu müssen und sich zum Beispiel informieren zu müssen, welcher Aufzug gerade funktioniert und welcher nicht.

Katharina Garus 

Für eine barrierefreie Nachbarschaft

Mit der Kampagne #1BarriereWeniger bringt die Aktion Mensch Unternehmen und gemeinnützige Projektpartner zusammen, um den öffentlichen Raum barrierefreier zu machen. Konkrete Projekte werden mit bis zu 5 000 Euro bezuschusst. Auch die „junge Stadt Köln“ hat bereits von der Unterstützung durch Aktion Mensch profitiert. Mehr: #1BarriereWeniger

fairkehr 4/2021