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Radentscheid Rostock

Aktivismus macht nicht nur glücklich

Marie Heidenreich kämpft mit ihren Kolleg*innen der Initiative „Radentscheid Rostock“ für eine bessere Radinfrastruktur in Rostock. Eine zuweilen zermürbende Aufgabe.

Marie Heidenreich vom Radentscheid Rostock spricht in ein Megafon. Neben ihr steht ein Lastenrad voller Ordner mit gesammelten Stimmen.
Foto: Björn SchmidtSie sorgt dafür, dass die Forderungen gehört werden. Marie Heidenreich (mit Megafon) ist Sprecherin des Radentscheids Rostock.

Es sind die kleinen und die großen Erfolge, die Marie Heidenreich immer wieder motivieren weiterzumachen. Einer der kleinen Erfolge war zum Beispiel, als im März eine ältere Dame mit ihrem Rollator in ihr Haus in der Dethardingstraße ging und kurz und knapp sagte: „Gar nicht mal so übel.“

Ein Gar-nicht-mal-so-übel aus dem Munde einer – typisch rostockerisch – eher unterkühlten älteren Dame, das sei ein Ritterschlag, erzählt Heidenreich stolz. Was die ältere Dame so zufrieden gemacht hatte: Im Rahmen einer Aktion hatte die Aktivistengruppe „Radentscheid Rostock“ einen Pop-up-Radweg installiert, die Parkplätze auf der Dethardingstraße aufgelöst und so jede Menge Platz auf dem Bürgersteig geschaffen.

Seit 2018 setzen sich die Aktiven des Radentscheids Rostock für eine fahrradfreundliche Stadt ein. 2019 waren binnen weniger Monate die benötigten Unterschriften für ein potenzielles Bürgerbegehren gesammelt. Im Herbst 2019 hat die Rostocker Bürgerschaft den gerade frisch gewählten Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen damit beauftragt, die zehn Ziele des Radentscheids umzusetzen – mit einem breiten Konsens über fast alle Parteien hinweg. „Als das Ergebnis der Abstimmung in der Bürgerschaft verkündet wurde, hatte ich Tränen in den Augen“, erzählt Heidenreich, gefragt nach den schönsten Momenten ihres Aktivistinnendaseins. Einer der großen Erfolge.

Verwaltung blockiert

Solche Erfolge sind auch dringend nötig, denn Heidenreich macht keinen Hehl daraus, dass Aktivismus nicht nur Spaß macht. „Aktivismus macht unglücklich, weil man so viele Probleme sieht“, sagt sie, um dann schnell zu ergänzen: „Aber er macht auch glücklich, weil man Erfolge erzielt.“ Und das ist ihr wichtig zu betonen: Durch Aktivismus könne man etwas bewegen, man könne Dinge verändern. Auch wenn das manchmal länger dauert und zäher ist, als es anfangs den Anschein macht.

Diese Erfahrung haben auch Heidenreich und ihre Kolleg*innen vom Radentscheid Rostock gemacht. Denn obwohl die Zustimmung in Politik und Gesellschaft nach wie vor groß ist und der klare politische Auftrag zur Umsetzung vorliegt, lässt die von Madsen versprochene „Fahrradstadt Rostock“ auf sich warten.

Woran das liegt? „An der Schattenmacht Verwaltung“, sagt Heidenreich. Die blockiere und verzögere wo nur möglich, fahre eine regelrechte Zermürbungstaktik und konterkariere die Weisungen der Politik systematisch. Hilft also nur ein langer Atem? „Nein“, widerspricht Heidenreich, „zu viel Geduld ist nicht gut.“ Es müsse nicht immer alles ewig dauern, aber Veränderungen forderten sehr viel persönliches Engagement, sagt sie.

Und so werden die Aktivist*innen des Radentscheids Rostock weiterkämpfen (müssen). Auch wenn Heidenreich manchmal wünschte, es sei anders, denn „in meinem nächsten Leben werde ich nicht Aktivistin, sondern lebe ganz entspannt in einer schönen, grünen, auto‑ freien Stadt“, sagt sie.

Katharina Garus 

fairkehr 4/2021