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Autofreie Wohngebiete

Kiezblocks für Menschen

Mit der Kiezblocks-Kampagne will der Verein Changing Cities den Berliner*innen ihre Stadt zurückgeben. Autos sollen in Zukunft nicht mehr durch die Wohngebiete fahren können.

Ragnhild Sørensen von der Kiez-Blocks-Initiative sitzt auf einer Kiste und hält ein Mikrofon in der Hand.
Foto: Ana TorresRagnhild Sørensen (re.) spricht beim „1. Berliner Kiezgipfel“, bei dem die Kiezblock-Initiativen am 13. August 2021 gemeinsam ihre Forderungen im Roten Rathaus abgegeben haben.

Im November 2018 hat der Berliner Verein Changing Cities eine erste Veranstaltung zum Thema Kiezblocks – Wohngebiete ohne Durchgangsverkehr – in einem Seniorenheim in Pankow organisiert. 100 Interessierte kamen, diskutierten mit und skizzierten ihre Ideen auf Flipcharts. „Wir waren von der großen Resonanz überrascht – die Menschen hatten viel Spaß am gemeinsamen Austausch“, sagt Ragnhild Sørensen, Pressesprecherin bei Changing Cities. Nach der Veranstaltung entwickelte der Verein eine Kiezblocks-Kampagne. Seither haben die Berliner*innen in knapp zwei Jahren über 50 Initiativen gegründet.

Ragnhild Sørensen lebt im Gleimviertel und engagiert sich privat in der lokalen Kiezblock-Initiative. Durch ihr Viertel läuft eine viel befahrene Straße, die durch einen Tunnel unter einem Park hindurch verläuft. „Wir wünschen uns, dass hier eine Fahrradstraße entsteht und dass künftig nur noch Busse, Radfahrer*innen und Fußgänger*innen den Tunnel nutzen dürfen. Das würde den Durchgangsverkehr aus dem Kiez raushalten. Dafür sammeln wir Unterschriften und bekommen von den Anwohner*innen viel Unterstützung“, so die 57-jährige Deutsch-Dänin.

Vorbild für die Kiezblocks sind die Superblocks (Superinseln, S. 42) in Barcelona. Maßnahmen wie Durchfahrtssperren, Einbahnstraßen oder Tempolimits von 10 km/h verhindern dort, dass Autofahrer*innen durch die Kieze fahren. Das macht die Wohngebiete sicherer, reduziert die Lärm- und Abgasbelastung und bringt das Leben in die Straßen zurück. Anwohner*innen und Lieferant*innen können weiterhin in die Kieze hineinfahren, müssen dafür aber kleine Umwege in Kauf nehmen.

Wer sein Wohngebiet in einen Kiezblock verwandeln will, muss selbst aktiv werden. Das heißt: mit den Nachbarn reden, Mitstreiter*innen finden, gemeinsam Forderungen aufstellen und mindestens 1 000 Unterschriften für einen Bürgerantrag sammeln. Wenn diese Marke erreicht ist, muss sich der Bezirksrat mit den Forderungen befassen.

Kommunikation ist das A und O

Auf dem Weg zum Kiezblock ist Kommunikation das A und O. „Menschen, die gegen Veränderungen sind, haben oft das Gefühl, dass ihnen von außen etwas aufgezwungen wird. Hier hilft das persönliche Gespräch. Oft kann man sie davon überzeugen, dass gerade die Schwächeren von den Kiezblocks profitieren“, weiß Sørensen.

Changing Cities berät und unterstützt die Kiezblock-Initiativen. Zum kostenfreien Angebot gehören ein „How-­to-Kiezblock“-Leitfaden, Vorlagen für Flyer und ein Faktenblatt, das häufige Argumente der Kiezblock-Gegner entkräftet. Changing Cities setzt sich bei Politik und Verwaltung dafür ein, dass die Berliner Bezirke je zwei Wohngebiete pro Jahr zu Kiezblocks umwandeln. Insgesamt sollen so 180 Kiezblocks entstehen.

Im Gleimviertel entsteht viel vermeidbarer Kfz-Verkehr, weil Eltern ihre Kinder mit dem Auto direkt vor die Tore der Kitas und Schulen bringen. Zudem befindet sich der Jahn-Sportpark im Kiez, ein Stadion mit 20 000 Plätzen. Dort finden regelmäßig Fußball- und American-Football-Spiele statt. „Wir müssen wichtige lokale Akteure wie Schulen, Kitas, Gewerbetreibende und Sportveranstalter*innen von unseren Ideen überzeugen und dafür sorgen, dass in Zukunft deutlich mehr Kinder und Sportfans zu Fuß gehen, mit dem Rad fahren oder Bus und Bahn nutzen“, sagt Sørensen. „Wenn das gelingt, wird unsere Kiezblock-Initiative zum Erfolg.“

Benjamin Kühne 

Der VCD unterstützt die Kiezblocks-Kampagne von Changing Cities.

fairkehr 4/2021