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Reise 4/2021

Barcelona

Abseits der Touristenpfade

Wer bei Barcelona als Erstes an Palmen, Gaudí und Massentourismus denkt, liegt richtig. Aber die katalanische Hauptstadt hat noch so viel mehr zu bieten.

Ein eiserner Drache bewacht das ehemalige Kutschen-Tor der Finca Güell im Stadtteil Sarrià ‹ gestaltet von Antoni Gaudí höchstpersönlich.
Foto: Lucas Vallecillos/Alamy Stock PhotoEin eiserner Drache bewacht das ehemalige Kutschen-Tor der Finca Güell im Stadtteil Sarrià - gestaltet von Antoni Gaudí höchstpersönlich.

Waren Sie schon mal in Barcelona? Die Metropole am Mittelmeer ist seit Jahren eine der beliebtesten europäischen Großstädte und zieht die Tourist*innen in Strömen an. Massentourismus mögen Sie nicht? Wir auch nicht! Zum Glück hat Barcelona auch abseits der ausgetretenen Touristenpfade viel zu bieten. Noch dazu ist die Stadt für ökologisch Reisende gut mit dem Zug zu erreichen. Worauf warten Sie also noch? Kommen Sie mit uns, wir nehmen Sie mit auf einen Stadtspaziergang, bei dem wir der Sagrada Família und Co. absolut keine Beachtung schenken – versprochen!

Wir starten unsere Tour im Südwesten der Stadt, im Parc de Pedralbes. Studierende der gegenüberliegenden Biologie-Fakultät genießen ihre Mittagspause im Park der ehemaligen königlichen Residenz. Neben dem Schloss gibt es hier auch einen von Barcelonas Star-Architekten Antoní Gaudí gestalteten Brunnen mit Drachenkopf. Wenige Meter vom Park entfernt, liegt die Finca Güell mit dem ebenfalls von Gaudí gestalteten Eingangspavillon. Tourist*innen werden Sie hier – außer uns – keine antreffen.

Sie haben Zeit für einen Abstecher? Dann wenden Sie sich nach Westen, schlendern Sie durch das historische Zentrum des Stadtteils Sarrià, wo Sie in der Bar Tomás die besten Patatas Bravas (scharfe Kartoffel­ecken) der Stadt finden. Gestärkt geht es weiter den Berg hinauf, durch den wunderbaren Parc del Castell de l'Oreneta und immer höher, bis Sie die Carretera de les Aigües erreichen. Genießen Sie die spektakuläre Aussicht von diesem autofreien Spazierweg hoch über der Stadt!

Wer weniger Zeit hat, folgt uns vom Parc de Pedralbes die Avinguda Diagonal entlang. Obwohl auf Barcelonas größter Verkehrsachse die Autos pausenlos vorbeisausen, ist das Flanieren auf den breiten, von Bäumen gesäumten Fußgängerstreifen angenehm. Wir biegen ab in die Gran Via Carles III und später auf die Carrer de Sants. Falls Sie unterwegs müde werden, steigen Sie einfach in die Metro. Wir treffen uns am Plaza de España!

Ein Metroticket für ein Auto

Barcelona hat ein sehr gut ausgebautes und kostengünstiges Metro- und Busnetz. Die 10er-Karte kostet 11,35 Euro, das Monatsticket gerade einmal 40 Euro für das gesamte Stadtgebiet. Kinder zwischen 4 und 16 Jahren können ein kostenloses Jahresticket beantragen. Und Einwohner Barcelonas, die ihr altes Auto ohne Umweltplakette verschrotten lassen, bekommen für drei Jahre ebenfalls ein kostenloses Ticket.

Aber zurück zur Carrer de Sants. Die Straße ist nicht schön, aber ein Erlebnis: Jeder zweite Laden hier ist ein Schuhgeschäft, die andere Hälfte sind Bäckereien. Sie endet am Plaza de España.

Foto: MisterStock/shutterstockPintxos heißen diese kleinen Tapas-Portionen am Spieß. Am besten in der Carrer de Blai probieren und sich von einer Pintxo-Bar zur nächsten schlemmen.

Wir umrunden den gigantischen Kreisverkehr, vorbei an der alten Stierkampf-Arena, die heute ein Einkaufszentrum beherbergt und genau gegenüber von unserem nächsten Stopp liegt: dem Nationalen Kunstmuseum MNAC im alten Königspalast. Majestätisch thront der Palast über endlos scheinenden Treppen, im Vordergrund die „magischen Fontänen von Montjüic“. Sie werden auf viele andere Tourist*innen treffen, während wir uns die Treppenstufen hocharbeiten. Aber wir bleiben nicht lange, versprochen! Wir wollen nur für einen Moment die Aussicht genießen: Von unten hoch zum Palast, von oben über die Stadt.

Das Kunstmuseum erkunden Sie besser an einem anderen Tag. Jeden Samstag von 15 bis 18 Uhr ist hier freier Eintritt, und wer mit Kunst nicht so viel am Hut hat, kann dann zumindest die Gelegenheit nutzen, um die ehemalige königliche Residenz von innen zu bewundern. In einem riesigen, lichtdurchfluteten Saal spielt an diesen Nachmittagen eine Liveband Swingmusik, Paare jeden Alters tanzen – Kunst und Musik vereint unter einem Dach.

Hoch wandern, runter rutschen

Heute aber führt unser Weg weiter, rechts am Palast vorbei und den Berg hoch, jetzt ohne Treppen. Wir kommen am Gelände der Olympischen Spiele 1992 vorbei und schlendern durch den olympischen Park, der meist verwaist daliegt. Weiter geht es, immer bergauf, an wenig befahrenen Straßen und kleinen Parks entlang, bis wir auf der Kuppe ankommen. Hier steht das altehrwürdige Castell de Montjüic, ein Fort zur Stadtverteidigung aus dem 17. Jahrhundert. Und der endlos scheinende Blick über das strahlend blaue Mittelmeer entschädigt uns für die Mühen des Aufstiegs.

Der Abstieg geht dann auch bedeutend schneller: Unterwegs gibt es ein paar Rutschen, auf denen wir Teile des Wegs hinuntersausen, bevor wir ins Funicular, die Zahnradbahn, steigen – nutzbar mit dem ganz normalen Metroticket. Vom Funicular steigen wir in die Metro-Linie 3 Richtung Trinitat Nova um und fahren unter den Füßen Tausender Tourist*innen hindurch bis zur Haltestelle Fontana. Über uns ziehen die Kolumbus-Statue, die berühmte Rambla und die Prachtstraße Passeig de Gràcia mit den Gaudí-Häusern vorbei. Natürlich lohnt sich auch der Besuch dieser Stadtteile mit dem anliegenden historischen Stadtkern und dem Born-Viertel, sie sind nicht ohne Grund bei Besucher*innen so beliebt. Aber wir wollten Ihnen heute ja das andere Barcelona zeigen.

Foto: dconvertini/flickr (li.)Die „Wände“ des Labyrinths von Horta bestehen aus zweieinhalb Meter hohen Zypressen. In der Mitte grüßt die Statue des griechischen Liebesgotts Eros, rundherum finden Besucher*innen weitere Tempel und Statuen antiker Gottheiten.

Die Haltestelle Fontana liegt mitten im Stadtviertel Gràcia. Hier pulsiert das Leben: schmale Straßen, für den städtischen Durchschnitt niedrige Häuser, knallige Farben, immer wieder versteckte Plätze. Das ganze gesäumt von Cafés, Bars, Restaurants und vielen kleinen, unabhängigen Läden. Schlagworte wie „bio“ und „nachhaltig“ springen einen aus den Schaufenstern an. Wir lassen Sie hier allein, um dieses wunderbare, verwinkelte Viertel ganz für sich und in Ihrem eigenen Tempo zu entdecken.

Nur eines noch: Wenn Sie durch Gràcia spazieren, bewegen Sie sich in sogenannten Superblocks. Das sind Häuserblocks, zwischen denen jeglicher Durchgangsverkehr verboten ist, lediglich Anwohner*innen und Lieferverkehr dürfen durchfahren – im Schritttempo. Zufußgehende und Radfahrende haben Vorrang und sind in Gràcia deshalb auch gerne mal mitten auf den schmalen Fahrbahnen anzutreffen.

Den ersten Superblock richtete die Stadt bereits 1993 ein, die Blocks in Gràcia folgten 2006. In der letzten Zeit hat das Thema in der Stadt an Fahrt aufgenommen: In den nächsten Jahren sollen insgesamt 503 Superblocks entstehen und so soll ein Großteil des Stadtgebiets in verkehrsberuhigte Zonen verwandelt werden. Viele Superblocks werden durch Grünelemente und Sitzgelegenheiten aufgewertet. Damit erreicht die Stadt gleich mehreres: Sie reduziert Lärm und Luftverschmutzung, kühlt herunter und schafft Begegnungs- und Freizeitzonen für ihre Bewohner*innen.

Ein Stück Antike

Haben Sie den Bummel durch Gràcia genossen? Dann steigen Sie mit uns noch ein letztes Mal in die Metrolinie 3 und fahren Sie zur Haltestelle Mundet. Vorbei am Velòdrom erreichen wir die letzte Station unserer Stadttour: den Parc del Laberint d'Horta. Der klassizistisch-romantische Garten ist der älteste erhaltene Park Barcelonas und als öffentlicher Park samt Labyrinth allen frei zugänglich. Statuen mystischer Kreaturen, verschiedene Gärten, ein Tempel, Grotten und eben das Labyrinth prägen diesen ganz speziellen Park, der am Wochenende viele einheimische Familien anzieht. Wir wollen von hier oben den unverstellten Blick auf den Sonnenuntergang genießen und uns, während die Sonne langsam im Mittelmeer versinkt, von Ihnen verabschieden.

Katharina Baum

Insidertipps

Lieblingscafé der Autorin für Süßes, Herzhaftes und tolles Ambiente in Gràcia: Nabucco Tiramisu

Mit Kindern geht man am besten ins Café Pudding und fühlt sich wie bei Alice im Wunderland.

Live-Musik: Im winzig kleinen Club JazzSí spielen jeden Abend Musikgruppen verschiedenster Stilrichtungen, von Flamenco über Salsa bis zu Jazz.

An den Strand: mit dem Zug ab Bahnhof Sants in einer halben Stunde nach „Platja de Castelldefels“; riesiger, goldener Sandstrand und deutlich sauberer als die Stadtstrände Barcelonas.

fairkehr 4/2021