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Kolumne 4/2021

Fühl die Currywurst!

Kolumnist Martin Unfried ist sich sicher: Der Klimawandel ist für die Deutschen noch bedrohlicher als der Verlust ihrer geliebten Currywurst!

Aus zwei Tunnel führen zwei schwer beschädigte Brücken auf den Fluss Ahr zu.
Foto: picture alliance|euroluftbild.de/Klaus GöhringMit dem Hochwasser im Ahrtal kam das Grauen zum ersten Mal ganz nah.

So vom Feeling her bin ich ja etwas enttäuscht von der Reaktionszeit vieler Zeitgenossen in Sachen Klimaanpassung. Und ich meine hier klitzekleine Anpassungen im eigenen Leben. Nichts Großes. So habe ich versucht, Bekannte und Verwandte zu begeistern für die Idee eines anderen Autos, von Photovoltaik auf dem Dach, von den Freuden der Wärmedämmung, Investitionen in Windparks, vom Charme des Nichtfliegens und des Pflanzenverzehrs. Kleine Anpassungen eben, leider bis heute mit mäßigem Erfolg. Selbst bei denen mit durchaus veritablen finanziellen Spielräumen war es ein weiter Pfad von der Idee zur Tat. Vom RWE-Kohlestrom zur PV-Anlage. Vom Mallorca-Flug zur Naherholung.

Irgendwann ließ ich es sein. Ich hatte begriffen: Die armen Menschen trifft keine Schuld am Nichtstun. Schuld an der Inaktivität sind Verarbeitungsprozesse im Gehirn. Die erfahrungsbasierte Verarbeitung von Information funktioniert prima, weil schnell und emotional. Da bleibt hängen, dass Flügebuchen einfach und besonders billig ist und auf Mallorca das Wetter super. Da stimmt das Gefühl. Andere analytische Verarbeitungsprozesse sind dagegen viel langsamer und eher rational: Mallorca-Flug ungefähr 722 Kilogramm CO2-Emissionen, Wetter am Bodensee nicht immer schlecht, Klimaerhitzung trifft vor allem die Armen als Erste. Merke: Gegen das Gefühl „Geil, auch nach Valencia für 30 Euro“ sind die rationalen Aspekte eben recht rational. Insbesondere wenn die positiven Gegengefühle fehlen – Nachtzugreise cool, Bodensee herrlich, das Richtige tun auch.

Was fehlte, war also nicht Wissen, sondern emotionale Klima­intelligenz. Die Umsetzung der Information in Gefühle, die für das Handeln so wichtig sind. Da können auch negative Gefühle helfen: fühlen, dass die Zerstörung der Lebensbedingungen unserer Kinder und Enkel wehtut. Oder positiv: fühlen, wie gut es sich anfühlt, mit einer PV-Anlage nicht mehr abhängig zu sein von RWE. Erstaunlich ist, dass bis heute die Frage der emotionalen Klimaintelligenz nicht wirklich seriös diskutiert wird. Gerade die Freunde des Klimaschutzes haben sich damit zu wenig beschäftigt. Da herrscht viel Enttäuschung, dass trotz des Wissens kein Ruck durch Politik und Gesellschaft geht. Es gibt interessanterweise keine umfassenden Szenarien aus der Wissenschaft oder der Thinktanks, wie man die Gefühle der Deutschen – jenseits von einzelnen Ideen wie Energiegeld – in den nächsten zehn Jahren positiv beeinflussen könnte.

Lastenfahrräder subventionieren? Löste in jedem Fall auf Twitter jede Menge Anti-Gefühle aus. Und diese wurden im Wahlkampf noch immer gezielt geweckt. Laschet: Mallorca-

Flug verteuern ist Schlag ins Gesicht der sozial Schwachen! Lindner: Ende Verbrennungsmotor ist gleich Freiheitsberaubung! BILD und Schröder: Ende Currywurst ist gleich Ende Kulturnation! Das war natürlich heftiger emotionaler Wahlkampf, mit der Botschaft, dass nicht die Klima­katastrophe, sondern Klimapolitik den Leuten wirklich wehtun wird.

Was tatsächlich wohl noch ein verbreitetes Gefühl ist: Es gibt im Leben nichts Schlimmeres als 120 km/h fahren und Hafermilch zu trinken. Das muss man sehr ernst nehmen, denn das sind tatsächlich echte Gefühle echter Menschen, die einer echten Klimapolitik im Weg stehen. Vielleicht hat der Katastrophensommer 2021 aber auch Gefühle verändert. Mit dem Hochwasser kam das Grauen zum ersten Mal ganz nah ins Ahrtal. Vielleicht fühlen mehr Menschen plötzlich etwas, wenn das Wort Klimawandel fällt. Vielleicht gab es im Sommer 2021 so etwas wie eine erfahrungsbasierte Verarbeitung mit einer entsprechenden Emotion, die positiv auf Klimaschutz-Maßnahmen abstrahlt. Vielleicht fühlen mehr Menschen plötzlich, dass es doch größere Bedrohungen gibt als der Verlust von Parkplätzen in der Innenstadt. Oder billige Currywurst. So vom Feeling her.

Martin Unfried 

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