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Klima-Resilienz

Städte im Hitzestress

Grün und Blau statt Grau: Um unsere Städte an den Klimawandel anzupassen müssen wir Asphalt- und Betonflächen reduzieren. Pflanzen und Wasser verschaffen dringend nötige Abkühlung.

Das Bild zeigt ein grün bepflanztes Gebäude, den Kö-Bogen 2, in Düsseldorf, umgeben von den vielen grauen Gebäuden der Stadt.
Der Kö-Bogen II in Düsseldorf: Das begrünte Gebäude sticht deutlich heraus aus dem Weiß und Grau der Fassaden in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt.

Es ist Mitte Juni und Deutschland ächzt unter schweißtreibenden Temperaturen. Dass es sich bei der Hitze nicht nur um eine Wetterlage handelt, sondern um einen langfristigen Trend, bestätigt die gerade veröffentlichte „Klima­wirkungs- und Risikoanalyse“ der Bundesregierung: Seit Beginn der Messungen im Jahr 1881 sind die Temperaturen hierzulande um 1,6 Grad gestiegen. Besonders unangenehm werden die Temperaturen im Sommer in den Städten. Dort können sie bis zu 6 Grad höher liegen als im Umland und erreichen damit deutlich häufiger tropische Dimensionen als in vergangenen Jahrzehnten. Nachts steht die warme Luft in den Häuserschluchten und die Wohnungen kühlen nicht mehr ab. Wir müssen unsere Städte an die Klimaerwärmung anpassen.

Wer glaubt, dass der Klimawandel Deutschland nicht so hart trifft, wie andere Länder, unterschätzt das Problem. Ein Report der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ zeigt, dass im Rekord-Sommer 2018 in Deutschland rund 20 200 Menschen über 65 Jahre an den Folgen der Hitze gestorben sind. Einer der Gründe: Ältere Menschen sind deutlich anfälliger für die Gesundheitsrisiken durch hohe Temperaturen, und das Durchschnittsalter ist hierzulande vergleichsweise hoch.

Dass sich unsere Städten besonders stark aufheizen, haben wir selbst zu verantworten: Wir haben Bäume, die Schatten spenden könnten, für den Ausbau mehrspuriger Straßen gefällt. Wir haben Bäche, deren Wasser beim Verdunsten die unmittelbare Umgebung abgekühlt hätte, in Rohre geleitet und mit Straßen überbaut. Wir haben Gebäudekomplexe errichtet, die Luftströme blockieren, die kühle Luft in die Stadt gebracht hätten. Die verbauten Materialien wie Glas, Metall und dunkle Flächen aus Beton oder Asphalt heizen sich stark auf. Im Sommer erreichen sie Temperaturen von 50 bis 80 Grad und geben die Wärme nur langsam wieder ab. Was also tun?

Die Antwort liefert Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei der Vorstellung der „Klimawirkungs- und Risikoanalyse“: „Deutschland braucht mehr Bäume in den Städten, mehr Grün auf den Dächern, mehr Raum für die Flüsse und vieles mehr. Und es muss schnell gehen, denn die meisten Maßnahmen brauchen Zeit, bis sie wirken. Es dauert, bis ein Stadtbaum gewachsen ist und Schatten spendet in überhitzten Städten.“ Doch Flächen, die die Städte bepflanzen könnten, sind umkämpft. Schließlich mangelt es in den Metropolen an bezahlbarem Wohnraum. Dort wo Kommunen Parkplätze oder Fahrspuren für den Autoverkehr reduzieren, melden Radfahrer*innen und Fußgänger*innen ihren legitimen Anspruch auf sichere Wege an. Viel Raum für Pflanzen bleibt nicht. Der Platzmangel erschwert die Transformation der Städte.

Wie ein Weinberg in der Stadt

Ein Teil der Lösung sind begrünte Dächer und Fassaden. In Düsseldorf ist mit dem Kö-Bogen II 2020 eines der spektakulärsten begrünten Gebäude Europas eröffnet worden. Es ist fast vollständig von einer acht Kilometer langen Hecke aus 35 000 Hainbuchen bedeckt. Mit seiner terrassierten Bepflanzung erinnert das Kaufhaus von weitem an einen Weinberg. Die Hainbuchen wachsen auf dem Dach in Beeten, die an der Nord- und Westfassade in großen Behältern aufgehängt sind und dort augenscheinlich gedeihen.

Die Hecke schützt die Gebäudeoberfläche vor direkter Sonneneinstrahlung. Die Blätter der Hainbuchen verdunsten Wasser und werden nicht wärmer als 35 Grad. Die Verdunstung kühlt die unmittelbare Umgebung. Das gesamte Gebäude bleibt unter seinem grünen Sonnenschirm deutlich kühler als die umliegenden Häuser. Dadurch muss die Klimaanlage weniger arbeiten, verbraucht weniger Strom und Wasser und bläst weniger heiße Luft in die Umgebung. Wenn es regnet, nehmen die Pflanzenbehälter einen Teil des Wassers auf. Das überschüssige Regenwasser fließt in Zisternen und entlastet so die Kanalisation. Die begrünte Fassade hat also viele Vorteile. Sie ist allerdings auch sehr pflegeintensiv. Mehrere Gärtner*innen schneiden die Hecke regelmäßig in Form. In den trockenen Monaten müssen die Hainbuchen über eine computergesteuerte Anlage bewässert werden.

Um Platz für den Bau des Kö-Bogens II und den dazugehörenden Vorplatz zu schaffen, hatte die Stadt eine mehrspurige Straße in den Untergrund verlagert. Die Autos fahren heute in einem Tunnel unter dem Areal durch.

Vorreiterin beim Bau von Hochhäusern im grünen Gewand ist der südostasiatische Stadtstaat Singapur. Die ex­trem dicht besiedelte Metropole liegt auf einer Insel, freie Flächen sind hier besonders knapp. Wohl auch deshalb fördert der Staat das Bepflanzen von Gebäuden mit bis zu 50 Prozent der anfallenden Kosten. Ohne Grün gibt es keine Baugenehmigung: Dachgärten oder bepflanzte Terrassen sollen Grünflächen schaffen, die mindestens so groß sind wie das vom Bauprojekt versiegelte Areal. Die angelegten Gärten sind oft nicht nur für die Menschen reserviert, die im Gebäude wohnen oder arbeiten, sondern für Erholungssuchende frei zugänglich.

Das Bild zeigt eine grün bepflanzte Fassade, fotografiert von der obersten Etage nach unten. Ganz unten ist ein Swimmingpool zu erkennen.
Die südostasiatische Metropole Singapur ist das Labor für Experimente mit nachhaltigen Hochäusern.

Glühende Dächer

Zurück nach Deutschland: Im Modellprojekt „Grün statt Grau – Gewerbegebiete im Wandel“ beraten die teilnehmen Kommunen Unternehmen, die ihr Firmengelände an steigende Temperaturen und Wetterextreme anpassen wollen. In einigen Kommunen wurden 2018 und 2020 im Rahmen dieses Projektes Luftaufnahmen mit einer Wärmebildkamera erstellt, so auch vom Gewerbegebiet Großhülsberg in Remscheid. Das erschreckende Ergebnis: Die Oberflächentemperaturen auf den Firmendächern lagen nachmittags bei bis zu 79 Grad. Verbautes Material wie Teerpappe auf den Dächern, aber auch die großen Asphaltflächen der Parkplätze und Zufahrtsstraßen kühlten über Nacht nur langsam ab. Bei den Messungen in Remscheid und anderen Städten waren sie auch morgens noch bis zu 40 Grad heiß. Für die Gesundheit von Menschen, die in Werkhallen körperlich arbeiten, sind diese hohen Temperaturen bedenklich.

Dr. Anke Valentin, Projektleiterin und Geschäftsführerin beim Wissenschaftsladen (WILA) Bonn, begleitet Kommunen und Firmen im Projekt „Grün statt Grau“ und rät zu pragmatischem Vorgehen: „Gerade in bestehenden Gewerbegebieten muss man mit den Bedingungen arbeiten, die man vorfindet, und viele kleine Maßnahmen umsetzen. Gewerblich genutzte Gebäude haben beispielsweise oft Flachdächer, die mit Kies bedeckt sind. Da diese tragfähig sind, kann man sie leicht begrünen. Also kurz gesagt: Kies runter, Pflanzen drauf“, sagt Anke Valentin. Ein ganzheitlicheres Vorgehen mit wissenschaftlicher Begeleitung eigne sich hingegen dort, wo neue Gebiete erschlossen würden oder genügend Geld zur Verfügung stehe, sagt die Expertin.

Verkehrsflächen entsiegeln

Wassermanagement ist die zweite große Herausforderung, vor die der Klimawandel Kommunen stellt. Weil Regenwasser in versiegelten Böden nicht versickern kann, vertrocknen Pflanzen und Bäume. Bei Starkregen fehlen die Böden als Wasserspeicher und die Kanalisation kann die Wassermassen nicht fassen. Sie überfluten Straßen, Keller und Erdgeschosse. Das kann zu Schäden im dreistelligen Millionenbereich führen, wie im Juni 2014 in Münster (140 Millionen Euro) oder im Sommer 2017 bei einer Serie von Starkregenereignissen in Berlin, Potsdam und Städten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen (600 Millionen Euro). „Große Parkplätze in Gewebegebieten eignen sich für Teilentsiegelungen“, sagt Anke Valentin. „Wo statt Asphalt Schotter liegt oder Rasengittersteine verlegt sind, kann Wasser langsam versickern, statt die Kanalisation zu überfluten.“

Kommunen stehen für Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel Fördermittel zur Verfügung. Oft handelt es sich dabei um EU-Regionalfördermittel, die die Bundesländer in eigenen Programmen weiterverteilen, wie beispielsweise das Sonderprogramm „Klimaresilienz in Kommunen“ des Landes Nordrhein-Westfalen. Unternehmer*innen und Privatpersonen stehen kommunale Fördertöpfe zur Verfügung. Der Bund überarbeitet derzeit sein Förderangebot im Rahmen der „Deutschen Anpassungsstrategie“.

Viele Kommunen bereiten sich auf den Klimawandel vor. Sie stellen Personal ein, erarbeiten Klimaanalysekarten, Klimagutachten und Anpassungsstrategien. Eine bundeseinheitliche Regelung zur Begrünung von Gebäuden gibt es nicht. Das regelt jede Kommune individuell über Bebauungspläne, Festsetzungen und Förderungen. Anke Valentin rät: „Die Kommunen müssen öffentliche und private Flächen in ihren Strategien zur Klimaanpassung zusammen denken und Anreize setzen, damit auch Unternehmen tätig werden. Nur wenn die Städte auf öffentlichen wie auf privaten Flächen Klimaanpassungsmaßnahmen umsetzen, wird das Mikroklima verbessert und es enstehen weniger Hitze­inseln.“

Die Hochhäuser in Singapur und der Kö-Bogen II in Düsseldorf sind Prestigeprojekte, die die Städte zusammen mit Investor*innen und Architekt*innen mit hohem finanziellen Aufwand umgesetzt haben. Sie können als Vorbild dienen für künftige Großprojekte, aber sie sind keine Schablone für die Klimaanpassung in Städten. Dort gilt es Fördermittel zu akquirieren und viele kleinere Maßnahmen umzusetzen, die zusammenwirken. Und wie Bundesumweltministerin Svenja Schulze anmerkte: „Es muss schnell gehen.“

Benjamin Kühne

fairkehr 3/2021