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Solingen

Schutz vor Starkregen

Die Stadt Solingen hat sogenannte wassersensible Quartiere geschaffen. Was steckt dahinter?

Hochwasser an der Schleiferei Wipperkotten. Hier fließt der Weinsberger Bach in die Wupper.

Fast nirgendwo in Deutschland regnet es so viel wie in Solingen. Und das ist auch gut so. Denn ihrem Wasserreichtum verdankt die Stadt viel. Von den vielen kleinen Bächen im hügeligen Stadtgebiet ließen im Mittelalter zahlreiche Klingenschleifer ihre Schleifsteine antreiben. Und so kommen noch heute neun von zehn in Deutschland gefertigten Messern aus der Stadt im Bergischen.

Mit der Industrialisierung und dem Siegeszug des Autos begann die Stadt, ihre besondere Beziehung zum Wasser zu verdrängen. Wortwörtlich. Denn um Bauland und Asphaltstraßen zu schaffen, versiegelte und verrohrte die Stadt viele ihrer Bäche. Das Wasser verschwand aus dem Stadtbild und mit ihm das Grün. Die Folge: Bei Starkregen kommt es an Hängen und in Senken zu Überflutungen, weil die Kanalisation das Nass nicht schnell genug aufnehmen kann. Um das System zu entlasten, musste Regenwasser gemeinsam mit Abwasser aus sogenannten Mischwasserkanälen in die Flüsse der Umgebung geleitet werden – eine Notlösung, die das Naturschutzgebiet im stadtnahen Weinsberger Bachtal belastete.

Natur statt Kläranlage

Vor über zehn Jahren machte sich die Stadtverwaltung angesichts steigender Starkregenereignisse daran, das System der Stadtentwässerung nachhaltig zu ändern. Die Grundidee dabei war, das bisher unterirdisch abgeleitete Regenwasser wieder dem Wasserkreislauf an der Oberfläche – sprich Menschen, Pflanzen und Tieren – zur Verfügung zu stellen.

Umgesetzt hat die Stadt die Idee in fünf Siedlungen des „Spar- und Bauvereins Solingen“, einer der größten Wohnungsgenossenschaften Deutschlands. (Jeder achte Solinger wohnt in einer Genossenschaftswohnung.) Über grüne Entwässerungsmulden kann das Regenwasser hier versickern und abfließen, ohne in den Mischwasserkanälen zu landen. Laut Schätzungen der Stadt werden so 100.000 Kubikmeter natürliches Regenwasser der Natur wieder zur Verfügung gestellt und nicht mehr zur Kläranlage geschickt.

Das schont auch den kommunalen Haushalt – ein nicht ganz unwichtiger Aspekt für Solingen. Denn die Stadt ist überschuldet und ist im Rahmen des sogenannten Stärkungspakts in Nordrhein-Westfalen verpflichtet, diszipliniert zu haushalten. Dies ist auch der Grund, warum Solingen bei der Klimaanpassung aus der Not eine Tugend macht und Fördermittel für Modell- und Forschungsprojekte einwirbt. Die Entwässerungsmulden wurden zum Beispiel von der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) des Umweltbundesministeriums mitfinanziert. Aus einem weiteren Förderprogramm stehen den Solinger Bürger*innen 30.000 Euro für Dach- und Fassadenbegrünungen zur Verfügung.

Auch am Projekt „Blue-Green Streets“ der Hamburger Hafen City Universität ist die Stadt beteiligt. Im Rahmen dieses Projekts wird unter anderem getestet, wie Verkehrsberuhigung und Hochwasserschutz zusammengehen können: So könnten kaskadenförmige Schwellen an abschüssigen Straßen bei starkem Regen bis zu 20 Zentimeter hoch Wasser zurückhalten; eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h sorgt im normalen Betrieb für mehr Verkehrssicherheit.

Den Fluss im Weinsberger Bachtal hat Solingen inzwischen renaturiert. Auch Fische können hier wieder frei schwimmen. Zwar stehen hier keine Schleifsteine mehr; aber mit der Wiederentdeckung des Wassers schleift die Klingenstadt im Bergischen an ihrer Zukunft.

Tim Albrecht

fairkehr 3/2021