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Potsdam-Drewitz

Umbau zur Gartenstadt

Der Potsdamer Stadtteil Drewitz will emissionsfrei werden. Auf dem Weg dorthin ist in den letzten Jahren ein Stadtteil entstanden, den man anderswo Utopie nennen würde.

Das Bild zeigt eine große Straße von oben. rechts ist eine Straßenbahntrasse, daneben ein breiter Grünstreifen mit Bäumen und Gras, daneben eine schmale Straße, ganz links eine Reihe Mehrfamilienhäuser.
Die Konrad-Wolf-Allee in Potsdam-Drewitz nach dem Umbau. „Im Park ist jetzt immer viel los, hier trifft sich Drewitz. Es ist mir ein Rätsel, wo die Leute vorher alle waren“, sagt Anwohner Benjamin Karl.

Die Konrad-Wolf-Allee in Potsdam-Drewitz hat einen Park. Einen langen, breiten Park mit vielen Grünflächen, breiten Wegen, Spielplätzen und Bänken. Kaum zu glauben, dass die Allee noch vor wenigen Jahren eine vierspurige Durchfahrtsstraße mit zwei Reihen Parkplätzen links und rechts war.

Mit einem Plan zur energetischen Sanierung des Plattenbau-Viertels fing es 2009 an. 2011 folgte ein Masterplan für den Umbau des gesamten Viertels zum ersten emissionsfreien Stadtteil Potsdams. Seitdem verändert sich Drewitz Stück für Stück, wird grüner, leiser, sozialer. Straßen und Parkplätze werden zugunsten von Fußwegen, Grünflächen und Begegnungszonen zurückgebaut.

Für die verbleibenden Parkplätze führte die Gartenstadt 2017 eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung ein, mit persönlichen, Wohngebiets- und Besucherparkplätzen. Und das funktioniert gut. „Ein geplantes Parkdeck am Stadtteilrand wurde gar nicht erst gebaut, weil es keinen Bedarf gibt. Die neuen überdachten Fahrradabstellanlagen vor den Häusern sind dagegen immer voll“, erzählt Verkehrsingenieur Benjamin Karl, der seit Ende der 80er Jahre in Drewitz lebt.

„Wenn man aus der Haustür tritt, sieht man die Tram-Linie und die Fahrräder. Nur die Parkplätze, die sieht man nicht, sondern da muss man erst hinlaufen.“ Das wirkt sich positiv auf das Mobilitätsverhalten der Drewitzer*innen aus. „Die Kinder hier wachsen damit auf, dass Fahrradfahren ganz normal zum Alltag gehört.“ Seinen siebenjährigen Sohn lässt Benjamin Karl auch allein durch den Stadtteil radeln, dank Tempo 30 in allen Straßen und gut einsehbaren Kreuzungen, an denen die Autos zum Langsamfahren gezwungen sind.

Das Foto zeigt dieselbe Perspektive wie das obere Foto, allerdings ohne den großen Grünstreifen, stattdessen gibt es nur viele Fahrbahnen und Parkplatzreihen, alles ist grau.
So sah die Konrad-Wolf-Allee vor dem Umbau aus: Mehrere Fahrspuren pro Richtung und kaum Grün.

Auch in den Park darf Karls Sohn allein gehen. „Dort ist immer viel los, man kennt sich untereinander. Das schafft eine soziale Kontrolle, sodass ich mir keine Sorgen um meinen Sohn mache“, erklärt Karl, der sich auch in der Bürgervertretung Drewitz engagiert. Der soziale Zusammenhalt der Drewitzer*innen wird auch im neu entstandenen Nachbarschaftsgarten oder im Begegnungszentrum oskar gestärkt. Die soziale Dimension wurde beim klimafreundlichen Umbau des Stadtteils von Anfang an mitgedacht.

Im Zuge des Umbaus zur Gartenstadt wurden auch einige Innenhöfe der Wohngebäude neu oder stärker begrünt. Hier kann Regenwasser versickern, die Biodiversität wird gestärkt, und Bewohner*innen haben einen weiteren Aufenthaltsort für heiße Tage. Im Rahmen des Forschungsprojekts ExTRass der Universität Potsdam untersuchten Forscher*innen die Temperaturunterschiede zwischen stark und kaum begrünten Drewitzer Innenhöfen. Ergebnis: Die gefühlte Temperatur ist an heißen Tagen auf kaum begrünten Höfen rund 10 Grad höher als auf solchen mit starker Begrünung.

Am Springbrunnen im Nachbarschaftspark ist an heißen Tagen besonders viel los. „Manche Anwohner beschweren sich über den Lärm der spielenden Kinder. Die haben vergessen, wie laut es hier früher mit den vorbeifahrenden Autos war“, sagt Benjamin Karl, der sich in seinem Stadtteil Drewitz rundherum wohlfühlt. 

Katharina Baum

Mehr zum Drewitzer Verkehrskonzept und viele weitere gute Beispiele finden Sie im VCD-Projekt „Bundesweites Netzwerk Wohnen und Mobilität

fairkehr 3/2021