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Interview

„Ohne Verkehrswende überhitzen die Städte“

Wie können sich Städte in Deutschland an den Klimawandel anpassen? Diese Frage erforschen Prof. Antje Stokman und Prof. Wolfgang Dickhaut von der Hafen City Universität Hamburg.

Das Bild zeigt eine stark mit Efeu bewachsene Reihenhausfassade.
Begrünte Fassaden sind an Hitzetagen bis zu 30 Grad Celsius kühler als angrenzende unbegrünte Gebäude. Im Winter tragen sie zur Dämmung und Wärmespeicherung bei.

fairkehr: Frau Stokman, Herr Dickhaut, 99 der 100 vom Klimawandel am stärksten bedrohten Städte liegen in Asien. Können wir uns in Deutschland also zurücklehnen?

Antje Stokman: Sicher nicht. Andere Weltregionen mögen noch stärker betroffen sein, aber die Schäden des Klimawandels sind auch bei uns deutlich spürbar. Während die Temperaturen seit 1881 global im Durchschnitt um etwa 1 Grad gestiegen sind, waren es in Deutschland sogar 1,5 Grad. Die Zahl der Tage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius nehmen zu, ebenso die Starkregenereignisse. Die Regionen sind aber unterschiedlich betroffen. Während Menschen in Städten wie Stuttgart oder Karlsruhe im Sommer unter der Hitze leiden, macht den Bauern in Brandenburg vor allem der Wechsel von Dürre und Starkregen zu schaffen.

Welche Folgen drohen, wenn sich Städte nicht auf den Klimawandel einstellen?

Wolfgang Dickhaut: Die Vegetation in der Stadt leidet zunehmend unter Wasserarmut. Das kann zu einem städtischen Baumsterben führen. In Berlin war das in den letzten Jahren zum Beispiel schon ein gravierendes Problem, weil viele Jungbäume ausgetrocknet und abgestorben sind. Was den Menschen betrifft, beobachten wir in den Hitzeperioden eine klare Übersterblichkeit. Dazu kommen materielle Schäden durch Überflutungen, wie eingerissene Häuser an Bachläufen oder vollgelaufene Keller.

Wie können die Städte sich und ihre Bevölkerung schützen?

Antje Stokman: Wir brauchen mehr Grün in den Städten. Bäume im Straßenraum haben einen Kühleffekt und bieten Schatten. Begrünte Fassaden kühlen Gebäude im Sommer und machen sie im Winter energieeffizienter, weil sie einen Dämmungseffekt haben. Diese Maßnahmen müssen mit einer intelligenteren Regenwasserbewirtschaftung einhergehen. In der Vergangenheit haben wir das Wasser möglichst schnell in die Kanalisation und dann in den nächsten Fluss abgeleitet. Für ein gutes Mikroklima muss das Wasser aber verdunsten oder im Boden versickern und gespeichert werden können. Stadtbegrünung und Wasserbewirtschaftung hängen miteinander zusammen. Wir sprechen deshalb von „blau-grünen In­frastrukturen“.

Hat eine Stadt einen großen Park, spricht man gern von einer „grünen Lunge“. Reicht das nicht für ein gutes Stadtklima?

Antje Stokman: Nein. Die Forschung hat gezeigt, dass die positiven Effekte für das Mikroklima vor allem im Park selbst und in den angrenzenden Straßen wirksam sind. Wir brauchen viele dezentrale blau-grüne Maßnahmen in den Städten.

In Ihrem Projekt „Blue-Green Streets“ erforschen Sie solche dezentralen Begrünungsmaßnahmen, zum Beispiel sogenannte „Baumrigolen“. Was ist das?

Wolfgang Dickhaut: Eine Rigole ist ein meist unterirdischer Speicher, in den man zum Beispiel von einem Dach über eine Regenrinne Wasser einleiten kann. Dort wird das Wasser vorgehalten, bis es versickert oder von einem angrenzenden Baum genutzt wird. Für Trockenzeiten dienen die Rigolen als Reservoir.

In Modellprojekten testen wir verschiedene technische Lösungen dafür. Das Ganze ist fachlich nicht unumstritten, da man aufpassen muss, dass man die Bäume nicht ertränkt. Es gibt aber schon gute Erfahrungen mit Baumrigolen, zum Beispiel in Stockholm, Melbourne oder New York.

Das Foto zeigt die beiden Professoren neben ihren Fahrräder, im Hintergrund sind die Hamburger Hafen City und viel Wasser zu sehen.n
Wolfgang Dickhaut ist Professor für umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung, Antje Stokman ist Professorin für Architektur und Landschaft.

Eine Fassadenbegrünung mag schön aussehen, aber ist sie auch klimatisch effektiv?

Antje Stokman: Eine begrünte Hausfassade ist an einem Hitzetag bis zu 30 Grad kühler als eine angrenzende unbegrünte Fassade. Im Winter reduziert das Grün den Wärmedurchgang um bis zu 20 Prozent. Zusätzlich filtern Pflanzen Schadstoffe aus der Luft. Aber es gibt auch wirtschaftliche Vorteile. Begrünte Dächer halten länger, weil sie das Haus vor Starkregen schützen. Da die Pflanzen 50 bis 70 Prozent des Regenwassers, das auf das Haus fällt, aufnehmen, fallen geringere Einleitungsgebühren an. Die Investition in Begrünung lohnt sich langfristig also. Diese ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnungen evaluieren wir in unseren Forschungsprojekten immer mit.

In Ihren interdisziplinären Forschungsprojekten arbeiten Sie auch mit Verkehrswissenschaftlern zusammen. Warum?

Wolfgang Dickhaut: Um sich an den Klimawandel anzupassen, müssen die Städte die Begrünung auch in stark verdichteten Vierteln hinbekommen. Dächer und Fassaden reichen dafür nicht aus. Den Raum für eine blau-grüne Infrastruktur haben wir nur, wenn wir den großen Anteil versie­gel­ter Verkehrsflächen in den Städten reduzieren. Wir sehen sie deshalb als Teil einer integrierten Stadtplanung, die das Wohl ihrer Bürger ernst nimmt. Zum Beispiel kann man eine asphaltierte Fahrspur zu einem Grünstreifen und einem Radweg umfunktionieren. Gemeinsam mit den Kolleg*innen aus der Verkehrswissenschaft erarbeiten wir entsprechende Empfehlungen für die Regelwerke der Stadt- und Straßenplanung. Erst wenn die Anpassung an den Klimawandel hier als Ziel aufgenommen wird, haben wir genug Hebelwirkung, um blau-grüne Infrastrukturen zu etablieren.

Das heißt: Ohne Verkehrswende ist die Anpassung an den Klimawandel nicht möglich?

Wolfgang Dickhaut: So ist es. Das Schöne ist: Wenn wir mehr Wasser und Grün in den Städten haben, steigt zugleich die Lebensqualität für alle. Wir schaffen Räume, in denen sich Menschen gerne aufhalten.

Ist dieser Umbau der Städte von grauen zu blau-grünen Infrastrukturen nicht unglaublich aufwendig?

Antje Stokman: Aufwendig ja, aber diese Transformation ist bereits im Gang. In Neubaugebieten wird das Wassermanagement schon entsprechend geplant. Bei der Infrastruktur der Stadtentwässerung gibt es vielerorts hohen Sanierungsbedarf. Da haben wir jetzt die Chance, neu zu denken. Außerdem sollte man nicht vergessen: Auch die autozentrierte Stadt ist noch nicht so alt. Damals nach dem Krieg hat man die Städte ebenfalls völlig umgebaut. Im Städtebau kommt ein solcher Paradigmenwechsel alle 50 bis 100 Jahre vor. Man sollte also nicht unterschätzen, was möglich ist.

Interview: Tim Albrecht

fairkehr 3/2021