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Freiburg

Frische Brise für die Stadt

Freiburg hat sich ein Klimaanpassungskonzept für die Stadtplanung verordnet. Auch beim Fuß- und Radverkehr will die Stadt im Breisgau ganz vorn dabei sein.

Das Bild zeigt einen der Freiburger Bächle: ein offener, circa knietiefer Kanal neben einer gepflasterten Straße.
Freiburger Bächle bringen Abkühlung: Im Sommer fließt kühles Dreisam-Wasser durch die Altstadt.

Der Höllentäler ist für die Menschen in Freiburg ein guter Bekannter. Abends, nach Sonnenuntergang, wenn die Luft zwischen den Häusern und in den Straßen steht, kommt er als Kaltluftstrom aus den Höhen des Schwarzwälder Höllentals über das Flüsschen Dreisam hinunter in die Breisgau-Stadt. Der Wind versorgt Freiburg zuverlässig mit kühler, frischer Luft. Mitten im Zentrum, auf dem Münsterplatz oder in den Biergärten am Augustinerplatz, frösteln Erstsemester und Touristen, alteingesessene Freiburger haben einen Pulli dabei.

Es waren diese Kenntnisse über Wasser, Winde und das Mikroklima, die sich unsere Vorfahren zunutze machten, als sie begannen, Städte zu errichten. Im Laufe der Jahrhunderte, insbesonders der letzten Jahrzehnte des immensen Wachstums, der baulichen Verdichtung und massiven Versiegelung, haben Bewohner- und Planer*innen diese natürlichen Gegebenheiten oft aus dem Blick verloren. Eine Folge von vielen: Die Städte heizen sich immer mehr auf.

Dabei ist der Klimawandel bereits heute spürbare Realität. Freiburg liegt im Oberrheingraben, in einer der wärmsten Regionen Deutschlands. Die zunehmenden Hitzeperioden belasten die Menschen besonders. Nach Prognosen des Umweltbundesamtes könnte sich in Freiburg die Zahl der sogenannten Tropennächte, in denen die Temperatur über 20 Grad Celsius liegt, von fünf auf 13 pro Jahr nahezu verdreifachen.

Deshalb hat das Stadtplanungsamt Freiburg zusammen mit dem Umweltschutz- und dem Garten- und Tiefbauamt ein gesamtstädtisches Konzept für den Umgang mit der Hitzebelastung erstellt. 2019 hat der Gemeinderat beschlossen, dieses Klimaanpassungskonzept bei allen Verfahren städtebaulicher Planung zu berücksichtigen.

Klimafunktionskarten zeigen, wo die Hitzebelastung heute und im Zeitrahmen bis 2050 am größten ist. Sie zeigen Orte, an denen besonders viele Menschen leben, es aber keine ausreichenden grünen Räume zur Kühlung und Erholung gibt. Für diese „Hot Spots“ hat die Stadt einen Maßnahmenkatalog entwickelt. Darunter finden sich Trinkwasserspender und Wasserspiele, Begrünungen an Fassaden und auf Dächern, wohnortnahe Parks und ganze Baumalleen. Der Katalog soll Planer*innen als Nachschlagewerk und Baukasten dienen. Für dieses Konzept haben das Bundesumweltministerium und das Deutschen Institut für Urbanistik die Stadt als „Klimaaktive Kommune 2019“ ausgezeichnet.

Klimaschutz gehört dazu

Gleichzeitig zur Klimaanpassung hat Freiburg ein Klimaschutzkonzept (KSK) beschlossen und sich darin sehr ehrgeizige Ziele gesteckt: Um Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, will die Stadt die Pro-Kopf-Emissionen von CO2 um 60 Prozent bis 2030 reduzieren. Auf dem Weg dorthin ist die Mobilität eine der großen Baustellen.

Dabei kann sich der Modal Split im bundesweiten Vergleich bereits sehen lassen: 23 Prozent ihrer Wege legen die Freiburgerinnen und Freiburger mit dem Fahrrad auf überwiegend guten Wegen zurück und nochmal 27 Prozent zu Fuß. Zusammen mit dem ÖPNV sind gut zwei Drittel aller Wege der Einwohner*innen klimafreundlich. Die Stadtbahnlinien haben ein vorzeigbares Netz und fahren auf Rasengleisen, um die guten Umwelteigenschaften auszunutzen: Wiese im Gleis reduziert Lärm und lässt das Regenwasser besser versickern.

Trotzdem sei es nicht gelungen, die Motorisierung der Bevölkerung zu re­du­zieren, schreibt Burkhard Horn in seinem kürzlich erschienenen Strategiepapier „Klimaschutz und Mobiliät“, das der Berater im Auftrag der Stadt erarbeitet hat. Horn, der auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des VCD ist, greift auf Daten der Mobilitätsstudie MID – Mobilität für Deutschland, zurück. Soll die CO2-Reduzierung im Alltagsverkehr gelingen, heißt das für Freiburg eine Verdoppelung im öffentlichen Verkehr und ein Plus von 50 Prozent im Radverkehr. „Dafür muss die Stadt auch an die Pendlerverkehre ran“, sagt Verkehrsexperte Horn. Verkehrsplanung brauche einen regionalen Bezug, wenn sie klima­­freundlicher werden wolle, sie müsse den öffentlichen Verkehr in den Mittelpunkt stellen und die Potenziale der Elektrofahrräder für längere Distanzen einbeziehen.

Grünflächen statt Fahrspuren

Bisher habe die Stadt die umweltfreundlichen Verkehrsarten ganz ordentlich ausgebaut, sagt Jörg Dengler, Vorsitzender des VCD-Regionalverbandes Südbaden,„allerdings nie zu Lasten des motorisierten Verkehrs. Doch das könnte sich jetzt ändern“. Der VCD hat zusammen mit zahlreichen Initiativen einen Bürgerentscheid zum Fuß- und Radverkehr auf den Weg gebracht, den mehr als 20 000 Freiburger*innen unterstützt haben. Die darin enthaltenen Forderungen: klarer Vorrang für Menschen zu Fuß und auf dem Rad, Klimaschutz, Sicherheit und Flächengerechtigkeit. Der Gemeinderat schloss sich den Forderungen an und beauftragte das Rathaus, die Ziele der Initiative zu verfolgen und möglichst umzusetzen. Die stabile grün-ökologische Ratsmehrheit hat dafür im April 2021 einen Etat von 10 Millionen Euro pro Jahr in den Haushalt eingestellt. „Das sind etwa

45 Euro pro Kopf, eine Summe, die uns echt überrascht hat“, sagt Dengler. Besonders gefreut hat den örtlichen VCD, dass die Stadtverwaltung verspricht, alle Kräfte zu bündeln, um die Projekte Wirklichkeit werden zu lassen. Ein Erfolg auf ganzer Linie. „Auch im Hinblick auf die Klimaanpassung kommen wir weiter“, sagt VCD-Vorsitzender Dengler. „Unter den Maßnahmen will die Stadt auch Autofahrspuren zurückbauen, um Radwege anzulegen. Auf dem frei werdenden Platz können Grünflächen entstehen und neue Bäume Schatten spenden.“

Und der Höllentäler, Freiburgs frische Brise aus dem Schwarzwald? Darf weiter wehen. Als das Umweltbundesamt ein Bauvorhaben am östlichen Rand der Innenstadt förderte, machte es Auflagen zur Klimaanpassung für das Quartier: Unter anderem mussten die Häuser so angeordnet sein, dass der Wind ungehindert in die Innenstadt gelangen kann. So bleibt der Höllentäler den Freiburgerinnen und Freiburgern als abendliche Abkühlung erhalten. Und die Stadt weiß, dass sie viel tun muss, um die klimatischen Veränderungen aufzufangen. Der Höllentäler allein kann es nicht schaffen.

Uta Linnert

fairkehr 3/2021