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Reise 3/2021

Urlaub im Rollstuhl

Ferien für alle

Über viele Jahre ist im südlichen Italien ein Ort entstanden, an dem Menschen mit und ohne Einschränkungen willkommen sind. Auch in diesem Sommer ist er wieder offen für alle.

Ein Mann mit schwarzen Locken zieht einen älteren Mann im Rollstuhl ins flache Wasser. Beide tragen nur Badehosen und lachen.n
Alle träumen von einem Urlaub am Meer: Am Strand vom Centro Salvatore können auch Rollstuhlfahrer baden gehen.

Fred will ins Wasser. Ihm ist heiß. Die Sonne, die unterm Rand des zitronengelben Sonnenschirms durchblitzt, hat ihn geweckt. Er war mit seinem Buch auf der Liege eingedöst. Von der Bar dudeln Fetzen italienischer Schlager zu ihm rüber, es riecht nach Sonnenöl und Espresso. Unten am Wasser toben Mädchen auf der Luftmatratze. Der Strandverkäufer zieht seinen mit Gummitieren und Schwimmhilfen bepackten Wagen klingelnd durch den Sand und preist lautstark eisgekühlte Limo und Kokosnüsse an. Eine Traube Kinder umringt einen jungen Mann mit Rastazopf, der medizinballgroße Seifenblasen in die Luft zaubert. Großes Theater. Fred hebt den rechten Arm und gibt Prince, dem Bademeister, ein Zeichen.

Seit vielen Jahren macht Fred zusammen mit Frau und Tochter Sommerferien in San Felice, Circeo. Im Corona-Jahr 2020 haben sie eine Pause gemacht, diesen Sommer geht es aber wieder in den Süden, alle sind geimpft. Die Familie hat hier Freunde gefunden, junge und ältere – eine eingeschworene Gemeinschaft ist entstanden. Schon bei der Abreise fiebern alle dem nächsten Sommer entgegen. Die Strecke vom Ruhrgebiet in die italienische Region Latium südlich von Rom haben sie oft mit dem Auto gemacht. Das hat sich als das Praktischste erwiesen, weil neben dem Gepäck für drei Wochen auch Freds Rollstuhl und sein Handbike mit müssen. Seit Fred die lange Strecke nicht mehr gerne fährt, fliegen sie bis Rom, lassen sich dort abholen und ein Freund nimmt ihren Krempel mit. Fred ist seit einem Unfall vor 16 Jahren querschnittsgelähmt.

Ein verkäufer schiebt einen Grattachecca-Wagen über den Strand. Auf dem Wagen stehen viele Flaschen mit Sirup, das ganze wird von einem gelben Sonnenschirm beschattet. Im hintergrund sieht man das Meer.
Alle brauchen Erfrischung: Der Strandverkäufer hat die traditionelle Grattachecca im Angebot. Dieser Eisschnee mit Sirup ist eine typisch römische Köstlichkeit an heißen Tagen.

Der Weg ins Wasser ist ein Stück Arbeit – weniger für Fred als für Prince. Der Bagnino – so heißen in Italien die Bademeister – ist ein kräftiger junger Mann mit ansteckend guter Laune und wilden schwarzen Locken. Er kommt mit einem Rollstuhl neben Freds Strandliege, hilft beim Umsetzen und schiebt ihn über den Plattenweg bis in den Sand. Von da aus zieht er Fred im Rollstuhl rückwärts ins Meer. Prince bringt den Rollstuhl so tief ins Wasser bis Fred losschwimmen kann. „Ab hier beginnt die Freiheit, purer Genuss“, ruft Fred und bedankt sich bei dem Bademeister mit dem breitesten Grinsen der Welt.

Badewannenwarmes Wasser

Das Meer vor der Küste Süditaliens ist im Sommer an die 30 Grad warm. „Badewanne, salzhaltig, das Wasser trägt gut und die Muskeln können sich schön entspannen“, sagt Christian aus Bonn, der wie sein Freund Fred festes Mitglied der Sommerferiengruppe ist. Der ehemalige Triathlet ist durch einen Unfall querschnittsgelähmt und hier zum Rückenschwimmer geworden. Er krault immer weit raus bis zur Badeinsel, die an der Boje am Ende des Schwimmerbereichs festgemacht ist. Dort tummeln sich schon seine Söhne, die wie alle Jugendlichen hier gern den Nachmittag abhängen. „Warmes Wasser ist das einzige Element, in dem sich Menschen mit Querschnitt ohne Hilfsmittel fortbewegen können“, sagt Christian und zieht sich auf die Badeplattform. „Hier auf den Wellen schaukeln, allein zurück ins Wasser zu können, weiterschwimmen – das ist das Größte.“

Man sieht viele Hausfassaden in Beige- und Brauntönen
Alle lieben Italien: Ausflüge in die Dörfer und nach San Felice, in den angrenzenden Nationalpark Circeo und Ausflüge aufs Wasser mit Seekajaks oder barrierefreiem Motorboot gehören dazu.

Den Strandabschnitt mit Rollstuhlservice bewirtschaftet Sabina Avagliano. Der 48-jährigen Italienerin gehört im Dorf auch das Ferienzentrum für Gäste im Rollstuhl. Sie lässt im Frühjahr die Liegen rutschfest auf erhöhte Steinblöcke stellen, damit Rollstuhlfahrer*innen bequem darauf umsteigen können. Auch die Plattenwege zum Strand und zwischen den Liegen sorgen für Barrierefreiheit, denn: „Sand ist der natürliche Feind des Rollstuhlfahrers“, sagt Christian. Oft genug hat er an anderen Stränden von der Promenade aus seiner Familie beim Baden zugeschaut. Das ist hier anders.

„Wir sammeln ausgemusterte Aktivrollstühle für den Weg ins Meer. Denen setzen Sand und Salzwasser natürlich auch zu, aber sie tun noch einen Sommer lang ihren Dienst“, sagt Sabina. Ganz pragmatisch geht es hier zu, ohne viel Tamtam. Die warmherzige Italienerin, die in Deutschland Tourismus studiert hat, kennt alle Gäste persönlich und kümmert sich. „Wir bringen jeden ins Wasser, der will“, sagt sie. „Wir bieten Ferien für alle. Unsere Bagninos sind zuverlässig und geschult. Viele Menschen kommen bei uns das erste Mal ins Meer und in die Wellen.“

Und tatsächlich scheinen sich alle mit großer Freude im Wasser zu vergnügen. Im Flachen plantscht ein Kind im Rollstuhl, eine junge Frau mit Down-Syndrom schwimmt mit einem aufblasbaren Delfin, ein Opa hängt mit den Armen über einer Poolnudel. Ihre Familien, Geschwister oder Betreuer*innen haben sie um sich. Egal mit welcher Beeinträchtigung, jeder darf hier sein, niemand macht dumme Bemerkungen. Alle genießen, so unbeschwert es geht, die Sonne und das glitzernde Wasser.

Aufmerksamer Service

Zwei Bademeister haben immer gleichzeitig Dienst. Wer von den Gästen an Land will und Hilfe braucht, kommt in die Hol- und Bringzone, die Prince und sein Kollege stets im Blick haben. Fred schwimmt rückwärts auf den bereitgehaltenen Rolli zu, zieht sich rein, und der Bademeister wuchtet den Rolli samt Passagier zurück an Land. Das letzte Stück rückwärts den Strand hinauf ist Knochenarbeit, gehört aber zum selbstverständlichen Service. Leichter wird’s, wenn Fred wieder festen Boden unter den Reifen hat. Dann geht es unter die Dusche. „Warmes oder kaltes Wasser?“, fragt Prince höflich und überlässt den Rollifahrer dem frischen Nass.

Motorjacht für Rollis

Zur Bar kommen Fred und Christian ohne Hilfe. Eine Seite des Tresens ist für die Rollifahrer abgesenkt, auch die Tische passen. Hier gibt es Cappuccino und eiskalte Melone, es werden Snacks bestellt, Karten gespielt, Pläne geschmiedet und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Viele Gäste am Strand – einige deutsche, viele italienische Familien – wohnen in Sabinas Ferienzentrum Salvatore, zu dem ein regelmäßiger Shuttlebus fährt. Manche der Strandbesucher*innen kommen aus den umliegenden Ferienhäusern und Wohnungen. Der Strandabschnitt mit dem einzigartigen Service am langen Sandstrand des Tyrrhenischen Meers ist bekannt zwischen Rom und Neapel.

Die zwei Kilometer zurück zum Hotel fahren Fred und Christian mit den Handbikes. Für morgen haben sie mit ihren Familien einen Bootsausflug entlang der zerklüfteten Felsenküste geplant. Auch der Skipper der kleinen Yacht ist auf Rollstuhlfahrer eingestellt. Alle schaffen es, vom Boot aus zum Schwimmen ins offene Meer zu kommen: Wer kann, klettert die Badeleiter runter, wer sich traut, springt über die Reling, und wer Hilfe braucht, den hängt der Bootsführer in Gurte und lässt ihn per Kran ins azurblaue Wasser eintauchen. Diesmal will auch Sabina den Törn mitmachen. „Wir sind eine große Familie“, sagt sie, „wir passen aufeinander auf.“ Man muss keine Einschränkung haben, um sich hier wohl zu fühlen, aber man kann.

Uta Linnert

Bikinis hängen an einem Ständer, im Hintergrund sieht man leicht verschowmmen das Mittelmeer.
Alle gehen baden: Die passende Ausrüstung, egal ob Baderollstuhl, Luftmatratze oder Bikini, gibt es direkt am Strand.

fairkehr 3/2021