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Kolumne 3/2021

Klima, Klagen und 36 000 Liter Sprit

Kolumnist Martin Unfried betrachtet das niederländische Klima-Urteil gegen Shell.

Das Bild zeigt einen Tanklastwagen der Firma Shell vor einer Tankstelle desselben Unternehmens.
Mehr als eine Tanklasterfüllung verbrennt die durchschnittliche Autofahrerin oder der Autofahrer in 30 Jahren ganz allein.

Erst die gute Nachricht. Investitionen können sich doch noch lohnen, gerade in Zeiten der Niedrigzinsen. Ich hatte auf eine besondere Art Geld angelegt. Und zwar finanzierte ich zusammen mit 17 000 Bürger*innen in den Niederlanden eine Klage gegen eine Tankstelle. Wir forderten, dass deren CO2-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent gegenüber dem Stand von 2019 reduziert werden müssen. Also im Grunde war es ein Unternehmen mit mehreren Tankstellen. Das heißt übrigens auf Deutsch sehr sympathisch „Muschel“. Vielleicht sagt Ihnen der Name „Royal Dutch Shell“ mehr, es ist ein hübscher Laden, bei dem Sie – jetzt mal ehrlich – schon mal ein leckeres Eis gekauft haben. Noch interessanter: Wenn Sie etwas älter sind, haben Sie bei Shell und Co. so rund 36 000 Liter Sprit erworben. Quasi investiert in fossile Brennstoffe. Leider haben Sie diese nach dem Kauf sofort verbrannt, weshalb der Erwerb von Aktien des Unternehmens schlauer gewesen wäre.

Wie komme ich auf diese verrückte Zahl 36 000? Ich kann rechnen. Denn wer unter uns Klimafreundinnen und -freunden ganz normal in den letzten 30 Jahren Auto gefahren ist, bei dem kommt schon ein kleiner privater Öltanker zusammen. Sagen wir: bescheidene 15 000 Kilometer Fahrleistung im Jahr mit 8 Litern Verbrauch. Und da ist der VW Campingbus noch nicht mitgerechnet! Also nur der Pkw, das sind dann eben 36 000 Liter in einem Zeitraum von 30 Jahren. So haben Sie mit Ihrem Geld treu und fürsorglich die Aktienbesitzer*innen der Firma Shell unterstützt, die wiederum in den letzten Jahren viel getan haben. Beispielsweise dafür, dass Shell weiter kräftig in die Klimaerhitzung investiert hat.

Darum habe ich also gegen Ihre Tankstelle geklagt. Und wenn ich ehrlich bin, auch gegen meine. Ja, auch ich habe dort mal ein Eis gekauft. Jetzt aber kommt’s: Wissen Sie, was Shell gesagt hat zum Vorwurf, verantwortlich zu sein für die katastrophale Klimaerhitzung? Und das hat jetzt wirklich mit Ihnen und mir zu tun. Shell hat nämlich gesagt, nicht das Unternehmen, sondern Sie seien schuld! Ja, Sie persönlich. Weil Sie ja so gerne Eis und so viel Sprit kaufen wollen! Gott sei Dank hat der niederländische Richter das Argument nicht gelten lassen, sondern argumentierte, dass auch Unternehmen die Menschenrechte achten müssten und eine eigenständige Verantwortung hätten für das Pariser Klimaabkommen.

Allerdings, sagte das Gericht ebenso, diese Verantwortung erstrecke sich auch auf Lieferant*innen und Kund*innen. Auch das eine super Nachricht. Auch wir haben den Prozess also verloren. Das Gericht ordnete daher an, dass Shell die CO2-Emissionen ihrer Lieferant*innen und Kund*innen bis Ende 2030 auf netto 45 Prozent unter das Niveau von 2019 zu senken hat. Das heißt, auch Sie und ich, wir müssen uns ändern. Nein, wir können dann nicht einfach zu Aral tanken gehen, wenn bei Shell der Sprit knapp wird. Überhaupt ist 45 Prozent weniger Sprit bis 2030 für Sie als aufrechter Klimakuschelbär natürlich viel zu ambitionslos. Sie schaffen das bis 2024. Und ja, mit ein bisschen weniger Duschen wird das nicht klappen. Das nennt man die Stunde der Wahrheit.

Was ist denn eigentlich persönlicher Klimaschutz im Jahre 2021? Also ich würde schon sagen, dass der Ausstieg aus der fossilen Automobilität im Jahre 2021 zum guten Ton gehört. Stellen Sie sich vor, ein Bekannter fragt, ob er Sie nicht zur nächsten Eisdiele mitnehmen könne. Mit seinem schicken Touran Diesel. „Danke für das Angebot“, sagen Sie höflich, „aber ich bin Erneuerbarier und fahre nicht mit fossilen Brennstoffen.“ Alles klar! Sie werden das mit der Netto-Reduktion schon hinbekommen. Ansonsten: Ich habe gerade so einen guten Lauf vor Gerichten in Sachen Klimaklagen. Haben Sie zufällig eine gute Rechtsschutzversicherung?

Martin Unfried

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