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Editorial 3/2021

Deutschland ist Weltmeister

In der Ankündigungsrepublik

Tim Albrecht, Redakteur

Als Redakteur werde ich oft Ziel einer ganz besonderen Spezies von Wurfsendung: der Pressemitteilung. Was mir da aus Ämtern und Ministerien auf den Schreibtisch flattert, lässt mich zum Höhenflug ansetzen. Staunend fliege ich über ein Deutschland voller Leuchttürme, Modellstädte, Innovationsparks und Lead Cities – und das schon früh morgens beim ersten Filterkaffee! Diese kurzen Märchentexte aus den Presseabteilungen beschreiben mir eine Republik der Zukunft, die so wunderbar ist, dass sie mehr Namen hat als der Hindu-Gott Vishnu (und der hat 108, falls Sie sich das gerade gefragt haben): mal heißt sie Fahrradland, mal Wasserstoffland und manchmal sogar ganz bescheiden Klimaland. Göttlich!

Aus meinen Reisen in diese wunderbare Welt bringe ich Ihnen frohe Kunde. Denn in der Zukunft sind wir in allem mindestens Vorreiter, meistens aber Weltmeister: Digitalisierungs-Weltmeister, Synthetische-Kraftstoffe-Weltmeister, Flugtaxi-Weltmeister. Weltmeister aller Klassen. Darunter machen wir's nicht. Als Fußball- und Klimafan beruhigt mich das außerordentlich.

Nun ja, nicht wirklich. Denn wenn der erste Filterkaffee erstmal ausgetrunken ist und das Koffein die journalistische Skepsis befeuert – was im Gegensatz zu synthetischen Kraftstoffen für Autos schon mit maximaler Effizienz funktioniert – denke ich: Wer so große Ankündigungen macht, der halluziniert oder versucht, die eigenen Unzulänglichkeiten zu kaschieren.

Im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur unter Andreas Scheuer ist die Diskrepanz zwischen Realität und Verlautbarung besonders groß. Je weniger vorangeht, etwa bei der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene, beim Ausbau der digitalen Infrastruktur oder der Reduktion der CO2-Emissionen im Verkehrssektor, desto grandioser werden die Konzepte, Stategien und Ziele für eine ferne Zukunft jenseits der Legislaturperiode. Hätte Scheuer mehr zu vermelden, müsste er weniger ankündigen. Es bleibt zu hoffen, dass sich das unter der nächsten Regierung umkehrt.
Gegen das Ankündigungsvirus kann ich Ihnen die Lektüre der fairkehr empfehlen. Denn in unserer Titelstrecke geht es darum, wie sich resiliente Städte gegen die Folgen des Klimawandels wappnen, die nicht in ferner Zukunft liegen, sondern die die Menschen vor Ort schon längst zu spüren bekommen. Hier geht es um konkrete Lösungen für dringende Probleme. Und Städte wie Turku, Freiburg oder Solingen gehen diese auf ihre eigene Weise an.

Unser Kolumnist Martin Unfried fragt sich, was das Shell-Urteil des Bezirksgerichts in Den Haag konkret mit unserem Alltag zu tun hat – das vorerst auch eine große Ankündigung bleibt, bis klar ist, ob es juristisch Bestand hat und wie es konkret umgesetzt werden kann. Und das mit gewohnt spitzer Feder und einem Augenzwinkern.

In eigener Sache möchte ich noch sagen: Falls Sie diesen Einstieg ins Heft eher mittelmäßig fanden, seien Sie beruhigt. 2025 wird an dieser Stelle ein grandioser Text stehen. Dann bin ich Editorial-Weltmeister!

Tim Albrecht

fairkehr 3/2021