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Kolumne 2/2021

Flanieren, spazieren, segregieren

Eine humorvoll-kritische Analyse des Zufußgehens - oder des Flanierens? - von Kolumnist Martin Unfried.

Die Fußgängerzone: eingerichtet für den Massenkonsum

Heute mal eine kritische Analyse des Zufußgehens. Kurz gesagt, geht es um semantische (a), kulturgeschichtliche (b), sozioökonomische (c), demokratietheore­tische (d) und verkehrs­planerische Aspekte (e)  im ausgehenden Spätkapitalismus.

Fangen wir (a) beim Begriff an. Unattraktiver als im Deutschen geht es nicht: Das Substantiv „Fußgänger“ ist so unglaublich öde. Und das genderneutrale „zu Fuß Gehende“ – seit 2013 in der StVO – eine linguistische Katastrophe. Besonders das Verb „zu Fuß gehen“ passt nicht zur kosmischen Magie des Gehens. Warum eigentlich nicht ein schickes „spazieren“ als offizielles Verb? Da steckt viel Raum drin (spatium) und „Spazierquartier“ klänge doch erotischer als „Fußgängerzone“. Die Kombination Fußgänger und Zone ist sowieso ein sprachlicher Super-Gau. Klingt so nach „Ostzone“, „Atomwaffenfreie Zone“, „Knautschzone“, in jedem Fall spaßfrei. Ich verwende übrigens im Alltag statt „gehen“ das Wort „flanieren“, stammt vom französischen „flâner“ und meint eigentlich das unbestimmte, ziellose Umherschlendern.

Ziellos? Und schon sind wir bei der Kulturkritik (b) und warum es in Deutschland in der StVO keine „Flaneure“ gibt. Verkehr bedeutet dort eben von A nach B, vorrangig mit Motor. So heißt es in Paragraf 25: „Wer zu Fuß geht, hat Fahrbahnen unter Beachtung des Fahrzeugverkehrs zügig auf
dem kürzesten Weg quer zur Fahrtrichtung zu überschreiten.“ Gemein! Dabei ist das Reizvolle am Spazieren und Flanieren, dass die Überbrückung des Raumes zwar möglich ist, aber nicht unbedingtes Ziel. Eher geht es um die Überbrückung der Zeit im Sinne einer philosophischen Übung. Leider in Germanien keine historisch gewachsene Kulturtechnik. Das ziellose Umherfahren im Porsche Cabrio dagegen wohl. Aber es heißt ja auch „Autodeutschland“ und nicht  „Fußgängerdeutschland“.

Kommen wir zum sozio­ökonomischem Problem (c) des Gehens. Stellen Sie sich vor, die idiotischen städtischen Autofahrten unter fünf Kilometern würden mit Fahrrad oder per Pedes zurückgelegt. Das wäre eine Katastrophe. Jeder eingesparte Kilometer Autoverkehr schmälert bekanntlich das Wirtschaftswachstum, denken Sie nur an die vermiedenen Unfälle und die armen Kfz-Betriebe. Spazieren und Flanieren ist eben gleich „totale Arbeitsplatzvernichtung“, weil komplett Equipment-frei. Die Freunde des Spazierens stehen also vor dem Dilemma all jener, die gesellschaftliche Probleme mit nichttechnischen Lösungen angehen wollen: Womit bezahlen wir später die Renten, wenn das Wachstum wegbricht? Wenn alle nur noch zu Fuß gehen, kein Benzin verbrennen und nicht mal eine neue Fahrradkette brauchen?

Womit wir vom Kapitalismus zur Demokratietheorie gelangen (d). Die deutsche Fußgängerzone darf keinesfalls mit einem Ort der freien Citoyens im Sinne der französischen Revolution verwechselt werden. Danton hatte den „Bürgersteig“ erfunden in Abgrenzung zum Kutsche fahrenden Adel. Doch nicht der Bürger bekam in den 70er Jahren in Deutschland einen Raum zur egalitären Kommunikation, sondern der Konsument als Aufforderung zum Massenkonsum. Beweis: Der Niedergang des Einzelhandels in den Innenstädten wird auch als Krise der Fußgängerzone beschrieben, weil deren Existenzberechtigung in erster Linie mit kapitalistischen Verwertungsinteressen verbunden ist.

Bleibt zuletzt das Problem Verkehrsplanung (e): Die Zone, die als Gnadenakt und Reservat eingerichtet wurde, ist bis heute Ausdruck der Segregation im Sinne der Charta von Athen. Wobei der Raum bekanntlich absurd verteilt ist. Die Stadt gehört dem Auto bis auf wenige, winzige Ausnahmen im Dienste des Mammons. Wenn es anders wäre, gäbe es ja in unseren Städten an ganz wenigen Orten klitzekleine Auto­zonen. Und da, wo die Leute leben, atmen, schlafen, die Kinder spielen, da herrschten die Füße. Unvorstellbar.

Martin Unfried

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