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Editorial 2/2021

Zu Fuß unterwegs

Wohin soll es gehen?

„Wir können alles – außer Corona” titelte der Spiegel kürzlich angesichts des schwachen und ziellosen Agierens der Politik und der nicht enden wollenden, lähmenden Pandemie. Der Autor mahnt eine Veränderung des Mindsets an: Mit positiven Werten und Normen müsse die Gesellschaft aus der Lethargie finden. 

Wie aber kommen wir raus dem mentalen Krisenmodus? Gegen meine eigene Lethargie im Homeoffice hilft es mir, rauszugehen, einfach im Viertel einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und wenn ich zurück bin von meinem Hindernislauf über die Bürgersteige schreibt sich das Intro dieser Fußverkehrsausgabe wie von selbst.

Wer mit offenen Augen durch die Städte läuft, sieht, dass sich einiges verändern muss: Fußgänger*innen sind eingezwängt zwischen Hauswänden und parkenden Autos. Angekettete Fahrräder stehen im Weg, Baustellenschilder, Blumenkübel, Parkscheinautomaten und Stromkästen. Es gibt eigentlich nichts, wofür die Gehwege nicht herhalten müssen. Nur für die eigentliche Bestimmung bleibt immer weniger Platz. Zu zweit nebeneinander laufen, mit Kindern spazieren, die Nachbarin treffen, dabei Corona-Abstände einhalten? So gut wie unmöglich. Uns Fußgänger*innen bleibt von der Straße nur der Rest, der übrig ist.

Für eine Veränderung zum Besseren braucht es neues, positives Denken und Handeln in der Verkehrs­politik. Dafür setzt der VCD sich ein und leistet derzeit Vorarbeit. Gemeinsam mit Verkehrsexpert*innen und Wissenschaftler*innen erarbeitet der VCD den Entwurf für ein Bundesmobilitätsgesetz, das die nächste Bundesregierung, die wir im September wählen, in ihr Regierungsprogramm aufnehmen kann. Das Gesetz formuliert ein Leitbild, das einer nachhaltigen Verkehrs­politik eine übergeordnete, verbindliche Zielsetzung gibt und mehr Platz für Menschen, sichere Straßen, saubere Luft und Klimaneutralität für die Mobilität festschreibt. Alle zukünftigen Entscheidungen und Investitionen im Verkehrssektor sollen sich daran orientieren.

Denn: Veränderung kann nur gelingen, wenn man weiß, wo es hingehen soll. Politik braucht eine Strategie, die sie entschlossen verfolgt, ohne es jedem recht machen zu wollen. Mit klarer Kommunikation kann sie die Bürgerinnen und Bürger dann auf ihrem Weg mitnehmen.

In den zurückliegenden Wochen und Monaten hat die Regierung gezeigt, dass sie nicht nur Corona nicht kann, auch viele Ziele ihre Nachhaltigkeitsstrategie hat sie verfehlt. An Warnungen und exakten Modellierungen der Forscherinnen und Forscher mangelt es nicht: Bei Corona lagen sie immer richtig, bei der Klimakrise sieht es nicht anders aus. Diese dringenden Appelle der Wissenschaftler*innen – in denen es um unser Überleben geht – lässt die Politik an sich abprallen und setzt lieber auf das Prinzip Hoffnung oder eine günstige Wetterlage. Ist sie noch in der Lage, aus dem Corona-Desaster für andere Krisen zu lernen? Das ist das Mindeste, das wir verlangen können – oder eben eine neue Regierung.

Bleiben Sie zuversichtlich und gesund!

Uta Linnert

fairkehr 2/2021