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VCD aktiv 1/2021

VCD-Aktivenportrait

„Oma Susi kennt alle Wege“

Verkehrsplaner*innen sollten die Welt so betrachten, wie Kinder sie sehen, sagt Susanne Gaus vom VCD Braunschweig.

Susanne Gaus macht es Spaß, gemeinsam mit ihren Enkeln auf dem Fahrrad unterwegs zu sein und sie für ihre Umgebung zu begeistern.

An das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit aus ihrer eigenen Kindheit kann Susanne Gaus sich genau erinnern: Sie empfand es, als sie das erste Mal ohne Stützräder Fahrrad fuhr. Und auch heute fühlt sie es noch: „Ich gehe aus der Haustür, steige aufs Fahrrad und komme damit überall hin“, sagt die 63-Jährige, die als Sozialpädagogin im Jobcenter arbeitet. „Beim Radfahren habe ich die besten Gedanken und Ideen.“ Mit dem E-Bike pendelt Gaus vom Braunschweiger Vorort Rautheim in die Stadt, vorbei am Stau. „Das ist so ein Gefühl der Freiheit! Die Autofahrer müssten doch neidisch werden und den Vorteil erkennen.“

Dafür, dass mehr Menschen ihre Routine ändern und umsteigen, engagiert Gaus sich seit September 2020 im Vorstand des VCD Braunschweig. Mitglied ist sie schon seit mehr als 30 Jahren, Eine VCD-Veranstaltung im März 2020 überzeugte sie davon, aktiv zu werden. Bei „Mobiliät für alle – Frauen Macht Politik“ diskutierten mehr als 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, warum Frauen das Verkehrssystem viel stärker als bisher mitgestalten sollten. Gaus moderierte die Veranstaltung. Als der VCD Braunschweig ein halbes Jahr später beschloss, dass Frauen im Vorstand vertreten sein sollen, stellte sie sich zur Wahl.

Sie sei schon als Jugendliche politisch aktiv gewesen und habe sich für Gleichberechtigung eingesetzt, erzählt Gaus. Unabhängigkeit und Freiheit waren der Mutter von drei Kindern immer wichtig. Als die Kinder größer waren, fing Gaus neben ihrer Arbeit an, sich ehrenamtlich zu engagieren. Bei der SPD setzt sie sich vor allem für Frauenrechte ein, beim ADFC für besseren Radverkehr und beim VCD für Barrierefreiheit und eine gerechte Aufteilung des Straßenraums. Es sei extrem unfair, dass Autos so viel Platz einnähmen. „Das macht es allen anderen Menschen schwer, sicher und ohne Hindernisse durch die Stadt zu kommen.“ So passiert es dann, dass Susanne Gaus mit ihrem eineinhalbjährigen Enkelkind im Fahrradanhänger auf einer viel zu kleinen Verkehrsinsel steht, und die Autos brausen vorbei. Oder sie rumpelt mit Rad und Hänger über einen Weg voller Huckel und Schlaglöcher. „Das Kind muss sich ja fühlen wie auf hoher See!“ Gaus' Herzenswunsch: „Planerinnen und Planer sollten lernen, Verkehrssituationen mit den Augen eines Kindes zu sehen. Zumindest sollten sie alle Strecken, die sie planen, mit dem Fahrrad abfahren. Am besten mit einem Kinderanhänger dran.“ Wenn Kinder sich in einer Stadt gefahrlos bewegen könnten, werde das Unterwegssein für alle Menschen sicherer.

Nicht aufregen, sondern handeln

Gaus achtet darauf, dass der Ärger über das Verkehrssystem sie nicht zu sehr einnimmt. „Wenn man sich damit beschäftigt, nimmt man riskante Situationen verstärkt wahr. Das macht das Leben nicht angenehmer.“ Sie versuche, sich nicht mehr so aufzuregen. Stattdessen handelt sie: Sie spricht mit Menschen aus Stadtrat und Verwaltung, setzt sich für breite, geschützte Radwege ein und organisiert Demonstrationen für mehr Sicherheitsabstand zu Radfahrenden.

Sehr gern ist sie mit ihren beiden Enkelkindern auf dem Fahrrad unterwegs. Der vierjährige Enkelsohn radelt selbstständig, sie unternimmt bereits 15 Kilometer lange Touren mit ihm. Er sei stolz, wenn er vorfahren dürfe – und stolz auf seine Oma. „ ,Meine Oma Susi kennt alle Wege!‘, erzählt er den Leuten“, sagt Gaus und lacht. „Es macht richtig Spaß, wieder mit Kindern unterwegs zu sein, sie ans Radfahren heranzuführen und für ihre Umgebung zu begeistern.“

Kirsten Lange

fairkehr 1/2021