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VCD aktiv 1/2021

VCD-Aktivenwettbewerb

Bäume auf Rädern

Mit der Wanderbaumallee hat der VCD Regionalverband Köln den bundesweiten VCD-Aktivenwettbewerb gewonnen.

Ein Teil der Alleebäume wandert über die Straßen Kölns in ihre neue Nachbarschaft.

Kinder hängen selbstgemalte Bilder in die Äste, Handwerker packen Kaffee und Butterbrot fürs Frühstück aus, Mitarbeiter eines Bürgerzentrums treffen sich zur Teamsitzung: Das alles an den Bäumen auf Rädern, die einen Monat auf Parkplätzen im Kölner Stadtteil Ehrenfeld stehen und im nächsten im Agnesviertel oder in Raderberg. Je nachdem, welche Nachbarschaft die Wanderbaum­allee Köln in ihre Straße einlädt.

Die Wanderbaumallee besteht aus zehn insektenfreundlichen Bäumen in großen Holzkisten mit Sitzbank. Zwölf weitere Module werden gerade gebaut oder geplant. Die Module lassen sich wie Handkarren schieben, auch Kinder können anpacken. Wer vor der Haustür für ein paar Wochen mehr Grün und weniger parkende Autos sehen will, kann die Bäume zu sich holen. Gemeinsam mit Aktiven aus dem Wanderbaum-Team schieben die Nachbarn die Bäume zum neuen Standort. „Im Sommer waren die Wanderungen oft ein kleines Volksfest – natürlich mit Hygieneregeln“, erzählt die Wanderbaum-Aktive Melani Lauven vom VCD Köln. „In der Straße haben die Nachbarn uns mit Kaffee und Kuchen empfangen, manche haben am Fenster musiziert.“

Wegen der strengeren Pandemie-Regeln wandern die Bäume zurzeit mit nur wenigen Begleitern von einer Nachbarschaft zur nächsten. Die Allee steht für vier bis acht Wochen in einer Straße. Anwohnerinnen und Anwohner gießen, sammeln auch mal Müll ein – und nutzen die Bäume und Bänke vor allem zum Kaffeetrinken, Spielen, für Lesungen oder zum Musikmachen. Langfristig, so der Wunsch der Wanderbaum-Aktiven, sollen die Bäume festen Boden finden: in einer Straße oder auf dem Gelände von Schulen, Kitas und anderen öffentlichen Einrichtungen. Dafür arbeitet das Team mit dem Grünflächenamt zusammen.

Straße zurückerobern

Die Idee zu dem Projekt hatte der Kölner Dirk Frölich im Frühjahr 2019. Bei der Online-Suche nach Aktionen für lebenswerte Städte war er auf die Aktion Wanderbaumallee Stuttgart gestoßen. Frölich suchte Mitstreiterinnen und Mitstreiter beim VCD Köln, weitere Initiativen schlossen sich an. Der VCD übernahm die Trägerschaft: Er stellt Förderanträge, organisiert Spenden und Versicherungen, hält den Kontakt zur Stadtverwaltung.

Im September 2019 standen die ersten Bäume auf Parkplätzen – und erhielten prompt Bußgeldbescheide: Das Ordnungsamt teilte mit, die geparkten Bäume gefährdeten die öffentliche Sicherheit. 1 000 Euro pro Baum – wenn sie nicht unverzüglich entfernt würden. Es dauerte mehr als ein Dreivierteljahr, bis Aktive und Stadt eine offizielle Lösung fanden: Die Allee darf nun in allen Bezirken stehen, in denen die Bezirksvertretung das befürwortet. Sechs Stadtbezirke machen mit, noch fehlen drei.

Für die Wanderbaumallee gewann der VCD Köln den ersten Preis und den Publikumspreis im VCD-Aktivenwettbewerb. Sie sei ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Menschen sich Platz auf der Straße zurückerobern können, so die Jury. Gerade in diesen Zeiten sei das extrem wichtig, sagt Melani Lauven. „Die Pandemie mit all ihren Regeln zeigt: Wir brauchen mehr öffentlichen Raum! Auf den Bürgersteigen ist ja gar kein Platz, sich mal entspannt zu unterhalten.“ Die Wanderbäume sind dafür ein guter Ort.

Kirsten Lange

fairkehr 1/2021