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Gender Planning

Vorreiter Wien

Frauengerechte Stadtplanung hat in der österreichischen Hauptstadt Tradition.

Sitzgelegenheiten, viel Grün, übersichtliche Wege – das wünschten sich Frauen und Mädchen für die Neugestaltung des Reumann-Platzes im Wiener Bezirk Favoriten.

September 1991. Im Wiener Messepalast eröffnet eine Ausstellung mit dem Titel „Wem gehört der öffentliche Raum? Frauenalltag in der Stadt“. Die Ausstellung zeigt den Alltag und die Wege von acht völlig verschiedenen Frauen. Die Resonanz auf die Ausstellung ist groß und das Thema „Frauen im öffentlichen Raum“ rückt zum ersten Mal auf die Agenda der Wiener Stadtpolitik. Das ungewöhnliche daran: Das Thema bleibt.

Im Anschluss an die Ausstellung gründete die Stadt Wien das Frauenbüro, das sich zukünftig um die Belange der Frauen kümmern sollte. Zur Leiterin wurde die junge Stadtplanerin Eva Kail ernannt, die als Mitarbeiterin der Stadtbaudirektion die Ausstellung über den Frauenalltag initiiert hatte. Kail und ihr Team führten in den folgenden Jahren viele wegweisende Pilotprojekte durch, die Wien zum Vorreiter auf dem Gebiet der frauengerechten Stadtplanung machten. Diese Aufgabe führten sie ab 1998 in der Leitstelle „Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen“ in der Stadtbaudirektion fort.

Das erste Pilotprojekt war der Wohnkomplex Frauen-Werk-Stadt I. Vier Architektinnen und eine Landschaftsplanerin entwarfen auf 2,3 Hektar eine Wohnanlage, die speziell auf die Alltagsbedürfnisse von Frauen zugeschnitten war. Mit 357 Wohnungen ist die Frauen-Werk-Stadt I bis heute das größte frauenspezifische Neubauprojekt in Europa.

Maßstab für Projekte

Weitere Wohnbauprojekte für Frauen folgten, doch nicht nur das: Seit 1995 werden Wohnbauvorhaben, die die Stadt mit öffentlichen Geldern fördert, nach alltags- und gendersensiblen Kriterien geprüft.

Auch in der Stadtentwicklung setzte Wien dank der Arbeit des Frauenbüros/der Leitstelle neue Maßstäbe. Sei es der fußgängerfreundliche Umbau des Bezirks Mariahilf oder die Umgestaltung von Parks, sodass sich auch jugendliche Mädchen in ihnen wohlfühlen: Aus einer Vielzahl an Projekten entstanden Leitfäden und Handbücher mit Erfahrungen und Empfehlungen für zukünftige Projekte.

Ein aktuelles Beispiel für frauengerechte Planung in Wien ist das Neubaugebiet Seestadt Aspern. Hier wurde besonders darauf geachtet, sichere Freiräume für verschiedene Interessen zu schaffen. Außerdem sind fast alle Straßen der Seestadt nach Frauen benannt – ein kleiner Ausgleich für das restliche Wiener Stadtgebiet, in dem nur circa fünf Prozent aller Straßen den Namen einer Frau tragen.

Die Leitstelle „Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen“ wurde 2010 aufgelöst und auf verschiedene Bereiche verteilt. Eva Kail ist heute für den Bereich Gendergerechte Stadtplanung im Kompetenzzentrum übergeordnete Stadtplanung in der Wiener Baudirektion zuständig. Warum sie das Thema auch nach 30 Jahren noch nicht loslässt, erzählt sie im Interview.

Katharina Baum

fairkehr 1/2021