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Wiener Stadtplanerin Eva Kail im Interview

„Eine frauengerechte Stadt ist gut für alle“

Eva Kail spricht im fairkehr-Interview über frauengerechte Stadtplanung im Allgemeinen und in ihrer Heimatstadt Wien im Besonderen.

Eva Kail ist Stadtplanerin und in der Baudirektion Wien für den Bereich Gender Planning verantwortlich. Seit den frühen 90ern hat sie diesen Bereich maßgeblich mitgeprägt.

fairkehr: Frau Kail, Sie sind eine Pionierin auf dem Gebiet der frauengerechten Stadtplanung. Was hat Sie vor über 30 Jahren zu dem Thema gebracht?

Eva Kail: Ich habe als Studentin viel feministische Literatur gelesen, das war zur Zeit der zweiten Frauenbewegung. Ich konnte allerdings lange keine Verbindung zu den fachlichen Inhalten meines Studiums herstellen. Als ich dann ein Heft der „Stadtbauwelt“ las, das sich dem Thema „Frauen planen“ widmete, war das ein Augenöffner.

Was hat Sie an dem Thema fasziniert, dass Sie über einen so langen Zeitraum dabei geblieben sind?

Bei frauengerechter Stadtplanung geht es um Qualitätssicherung in Stadtplanungsprozessen. Ich finde nach wie vor, dass Stadtentwicklung ein faszinierendes Thema ist. Da greifen so
viele Bereiche ineinander, von Mobilität über Städtebau bis zur Gestaltung des öffentlichen Raums. Durch die Leitstelle „Alltags- und frauengerechtes Planen und Bauen“ und die abteilungsübergreifenden Pilotprojekte konnte ich in viele Aufgabenfelder der Stadt Wien reinschauen. Diese Komplexität hat mich immer gereizt.
Außerdem ist meine Erfahrung, dass man mit vielen gescheiten, engagierten und sympathischen Menschen, vorwiegend Frauen, zusammenarbeitet. Man bewegt sich beim Gender Planning wirklich in einem anregenden Milieu.

Brauchen wir denn überhaupt frauengerechte Städte und nicht eher Städte für alle? Oder ist das dasselbe?

Da gibt es zwei Antworten. Wenn man Frauen zu Wort kommen lässt, haben sie aufgrund ihrer klassischen Frauenrolle einen holistischeren Blick. Das heißt, sie denken andere Gruppen wie Kinder oder alte Menschen mit. Insofern kann man schon sagen, dass eine frauengerechte Stadt eine gute Stadt für alle ist.
Wählt man die Herangehensweise menschengerechte Stadt, kann das eine tolle inhaltliche Herausforderung sein, sofern man wirklich alle Gruppen miteinbezieht. Sonst wird es schnell zu einer platten, nichtssagenden Beschwichtigungsformel, die letztendlich dazu führt, dass sich nichts am Status quo ändert.

Ihre Heimatstadt Wien wird oft als Vorreiter der frauengerechten Stadtplanung bezeichnet. Warum ist Wien in dem Bereich so weit vorne?

Schon historisch gesehen hatten soziale Themen in Wien immer einen hohen Stellenwert. Was zum Erfolg geführt hat, war, dass wir unsere Pilotprojekte mit vielen Abteilungen gemeinsam durchgeführt haben und dadurch thematisch sehr breit aufgestellt waren. Die Leitstelle war in der Baudirektion in der Verwaltung sehr hoch angesiedelt, das erleichterte die Koordination. Der größte Unterschied zu anderen Städten ist aber, dass es in Wien den Willen und die personellen und finanziellen Ressourcen gegeben hat, um kontinuierlich an dem Thema dranzubleiben.

Dafür braucht es natürlich auch politische Unterstützung. Wien wurde außer im Faschismus immer sozialdemokratisch regiert, teils in Koalition mit anderen Parteien, und die Wiener SPÖ-Frauen sind ziemlich stark und einflussreich. Das hat das Thema definitiv begünstigt. Ich finde auch, dass in Wien das Zusammenspiel zwischen Politik und Verwaltung immer ganz gut funktioniert hat.

Was hat sich in den letzten dreißig Jahren im Denken von Kolleg*innen und Bürger*innen verändert?

Damals sagte man noch frauengerechtes Planen und Bauen, jetzt heißt es Gender Planning. Insgesamt gibt es heute eine größere Akzeptanz für verschiedene Ideen. Die ersten feministischen Stadtplanerinnen waren wie Trüffelschweine, sie haben sehr früh Themen aufgegriffen: Vor 30 Jahren hat noch kein Mensch über den öffentlichen Raum oder über Fußgängerinnen gesprochen. Damals sind gerade erst die Radfahrer am Horizont der Verkehrsplanung aufgetaucht. Heute ist der öffentliche Raum DAS Thema, wenn man sich den Planungsdiskurs anschaut. Auch das Leitbild der Stadt der kurzen Wege, das inzwischen international anerkannt ist, haben als Erste die feministischen Planerinnen der 70er Jahre in Berlin formuliert.

Stark verändert hat sich die Bedeutung von Beteiligungsprozessen. Es ist jetzt ein anerkannter Gedanke, dass es verschiedene Gruppen mit verschiedenen Bedürfnissen gibt, deren Meinungen und Perspektiven man einholen sollte.

Können Sie uns ein Beispiel aus Wien geben?

Wir hatten 2018 die Chance, den Reumannplatz umzugestalten. Der Platz liegt in einem dicht bebauten Viertel mit hohem Migrantenanteil. Er hat als Freifläche eine wichtige Funktion für die Nachbarschaft, ist aber gleichzeitig ein bedeutender Umsteigepunkt für den öffentlichen Verkehr. Den Beteiligungsprozess hat das feministische Planungsbüro tilia durchgeführt. Sie haben sehr niedrigschwellig und auch mehrsprachig gearbeitet. Mit Fotos und Illustrationen haben sie das Potenzial des Platzes vor Ort verdeutlicht. Passanten wurden aufgefordert, mit Klebepunkten zu bewerten, was sie sich für den Platz wünschen. Wir haben dabei Männer und Frauen anhand von roten und blauen Klebepunkten unterschieden, und es gab verschiedene Punktgrößen für Erwachsene und Kinder beziehungsweise Jugendliche.

Dabei war auffällig, dass zwar viele Burschen Punkte geklebt haben, aber kaum Mädchen. Ich bin da dann wirklich den Mädchen, die den Platz überquert haben, vor die Füße gesprungen, um sie zu bitten, sich zu beteiligen. So haben wir ein gutes Meinungsbild bekommen. Auffällig war auch, dass die Frauen sich viel stärker für Grünelemente auf dem Platz interessierten und auch das Sicherheitsthema immer wieder vorkam. Der Reumannplatz war vor der Umgestaltung sehr verwinkelt. Dank der Beteiligung konnten wir darauf reagieren, breite, übersichtliche Wege anlegen und über 60 neue Bäume pflanzen.

Wenn Frauen andere Ansprüche an die Gestaltung des öffentlichen Raums stellen, planen sie dann auch von vornherein anders?

Das zeigt meine Erfahrung nicht unbedingt. Die Lehre an den Universitäten und Hochschulen war für dieses Themengebiet lange in Männerhand, das ändert sich zum Glück langsam. Insofern war die Lehre oft von klassischen männlichen Alltagszusammenhängen geprägt, in denen Care-Arbeit und Begleitwege keine Rolle spielen. Das beeinflusste natürlich auch die Frauen. Es kommt vor allem auf die persönliche Grundhaltung an, die Sensitivität für die Bedürfnisse verschiedener Gruppen. Im Durchschnitt kann man schon sagen, dass dieser soziale Blickwinkel bei Frauen höher ausgeprägt ist. Es kann im Einzelfall aber auch genau umgekehrt sein, es gibt auch sehr sozial sensible Männer.

Die soziale Perspektive ist in der Stadtplanung besonders wichtig, denn die meisten Planenden sind akademisch gebildete Mittelschichtler. Wie es beispielsweise Obdachlosen geht, kann ich mir auch mit viel Fantasie nicht vorstellen. Es ist wichtig, dass wir diese Gruppen nicht aus dem Blick verlieren. Und ich glaube, dass die Stärke von Gender Planning darin liegt, soziale Themen in eine technische Sprache zu übersetzen. Man muss nicht nur fähig sein, moralische Grundsätze aufzustellen, sondern man muss diese dann auch in die Planungssprache übertragen und anwenden können. In Wien haben wir deshalb Arbeitshilfen publiziert, zum Beispiel das Handbuch „Gender Mainstreaming in der Stadtplanung und Stadtentwicklung“ oder eine Verkehrsbroschüre für den Bezirk Mariahilf. Und unsere Pilotprojekte wirken als Ermutigung für andere Städte, so, wie wir auch von anderen Städten gelernt haben.

Interview: Katharina Baum

fairkehr 1/2021