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Reisebuchempfehlung

Als Frau allein um die Welt

„Komm, ich weiß wo das Paradies ist“, schreibt Nellie Bly über Japan.

„Nur neununddreißig Tage, seitdem ich New York verlassen hatte, und ich war in China“, schreibt Nellie Bly, und man hört ihr das Staunen über diese Großtat an.

Nellie Bly war eine US-amerikanische Investigativ-Journalistin, die sich 1889 als allein reisende Frau aufmachte, Jules Vernes' fiktiven Rekord aus „In 80 Tagen um die Welt“ zu brechen. Ihr Gepäck: eine Handtasche voll Unterwäsche und Schreibpapier. Ihre Weltreise, finanziert von ihrem Arbeitgeber, der New York World, hielt die gesamte USA in Atem. Es wurden Wetten über die Dauer der Reise abgeschlossen, teilweise auf die Sekunde genau. Sogar ein Brettspiel, das Nellie Blys Reise nachspielbar machte, erschien.

Nellie Bly startete ihre Reise am 14. November 1889 in New York. Ich stelle mir vor, wie die junge Frau, so alt wie ich heute, an Deck der „Augusta Victoria“ steht und ihre Heimatstadt am Horizont verschwinden sieht. Für sie, die nie zuvor im Ausland war und keine andere Sprache außer Englisch sprach, muss es eine aufregende, aber auch beängstigende Erfahrung gewesen sein. In „Around the World in 72 days“ lässt Nellie Bly uns alle an ihren Erlebnissen der folgenden 72 Tage teilhaben. Aus jedem Satz spricht die Star-Journalistin, denn Blys Erzählstil ist mitreißend, ihre Beschreibungen sind detailliert, aber nie langatmig. Bly verbringt den Großteil ihrer Reise in Zügen und auf Dampfschiffen, nutzt jedoch immer wieder begeistert die Möglichkeit für Tagesausflüge und erlebt dabei viele ihr völlig fremde Kulturen.

Nellie Bly: Around the World in 72 days. Die schnellste Frau des 19. Jahrhunderts. AvivA, 320 Seiten, 22 Euro

Welt voller Wunder

Nellie Blys Reisebericht ist in vielerlei Hinsicht ein Zeugnis einer anderen Zeit. Nicht nur die Reisegeschwindigkeit, die Sitten und das teilweise etwas hochmütige Menschenbild überraschen mich beim Lesen. Es ist Blys fortwährende Faszination angesichts der vielen neuen Dinge, die „Around the world in 72 days“ aus heutiger Sicht zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis macht.

Nellie Blys nicht immer verständliche, aber stets unbedarft staunende Sicht auf die Dinge macht mir eindrücklich klar, dass wir in einer Welt voller Wunder leben; etwas, das man im Zeitalter des Internets und der schnellen Flugverbindungen manchmal vergisst. Nellie Bly erinnert mich wieder daran, dass es auf dieser Welt noch viel zu entdecken gibt, auch für mich, und dass eine TV-Dokumentation oder eine schnelle Google-Bildersuche kein Ersatz sind.

Katharina Baum

fairkehr 1/2021