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Politik 1/2021

Portrait

„Wir halten Deutschland am Laufen“

Führerstände in Lokomotiven sind überwiegend von Männern besetzt. Dass der Job durchaus für Frauen geeignet ist, zeigt uns Doreen Tesker.

Lokführerin Doreen Tesker ist Angestellte einer Firma, die großen Wert auf Vielfalt legt.

Eigentlich wollte Doreen Tesker Kinderkrankenschwester werden. Aber dann kam es anders. „Heute ist das mein Baby“, sagt sie und zieht sich die steile Leiter ihrer Lok in den Führerstand hoch.

Im Brandenburgischen Wusterhausen am Rand von Berlin formiert sich am 28. September 2020 ein 400 Meter langer Güterzug der besonderen Art: Ein Protest-Zug, zusammenge­koppelt aus 21 Lokomotiven ver­schie­de­ner privater Eisenbahnunternehmen, soll laut tutend durch die Hauptstadt fahren. Das Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) hatte unter dem Motto „Hör das Signal, Berlin!“ zu dieser Demo aufgerufen – und alle sind gekommen.

Lokführerin Tesker ist heute die einzige Frau unter 20 Kollegen. Das ist für die 38-jährige Münsteranerin völlig in Ordnung. „Während meiner Ausbildung war es manchmal schwer allein in der Männerdomäne. Mittlerweile gibt es mehr Frauen, allein zwei weitere Lokführerinnen in meinem Betrieb“, erzählt sie. „Wenn ich meine Arbeit gut mache, bekomme ich den nötigen Respekt der Kollegen, und sie von mir.“

Dass Tesker heute mitdemon­striert ist ein Glücksfall ihres Dienstplans. „Es passte wohl am besten bei mir rein“, freut sie sich über die Abwechslung. Am Vorabend ist sie angereist, hat die E-Lok frisch geputzt übernommen und steht jetzt abfahrbereit am Gleis. Meistens ist die Triebfahrzeugführerin, wie der Beruf mit dreijähriger Ausbildungszeit offiziell heißt, nachts unterwegs. Sie fährt oft von den norddeutschen Häfen zu den Wirtschaftszentren quer durchs Land. „Wir transportieren alles“, sagt Tesker und zählt auf, was sich auf den Waggons und in den Containern befinden kann: „Benzin, Autos, Elektroartikel, Jeans, Klopapier – und alles, was die Leute aus China im Internet bestellen“, sagt sie.

Hupen auf Kommando

Loks zu steuern heißt Schichtdienst zu haben. Es sei aber sehr gut machbar, sagt die junge Frau, die mit einem Lokführer im gleichen Unternehmen verheiratet ist. Auch auf die Kolleginnen und Kollegen mit Kindern werde Rücksicht genommen: „Mit unseren Leuten in der Planungsabteilung kann man gut reden, ich bin sehr zufrieden.“

Für die Protestfahrt hat Tesker eine Liste der Stationen vor sich auf dem Führerpult liegen, an denen sie heute laut das Signal der Lok ertönen lassen soll. Schließlich ist man gekommen, um sich Gehör zu verschaffen: Die Güterbahnen wollen mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene holen, fordern einen fairen Wettbewerb und einen gerechten Anteil an den Corona-Staatshilfen.

„Wir unterstützen diese Forderung und haben gerne eine Lok mit Lokführerin nach Berlin entsandt“, sagt Geschäftsführer Stig Kyster-Hansen von Hector Rail. Seit zehn Jahren ist die schwedische Firma, bei der Tesker angestellt ist, in Deutschland vertreten. „Dass Frauen Güterzüge steuern, passt zu unserer offenen skandinavischen Unternehmenskultur. Vielfalt zu fördern ist eines unserer Unternehmensziele“, sagt er.

Beim Hupen auf Kommando halten sich die Lokführer der Demo nicht an den Plan. Fängt eine an zu tuten, fallen alle anderen Loks direkt ins Hupkonzert mit ein. Den ohrenbetäubenden Lärm sollen schließlich alle hören, vor allem die Politikerinnen und Politiker in den Ministerien, an denen der Zug vorbeifährt. „Wir halten Deutschland am Laufen, auch gerade jetzt in der Corona-Krise“, sagt Doreen Tesker, „das müssen die mal zur Kenntnis nehmen.“

Uta Linnert

fairkehr 1/2021