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Kolumne 1/2021

Tempolimit und die Rettung der Bauindustrie

Das Framing eines Themas kann Welten bewegen. Eine Kolumne von Martin Unfried über die richtige Argumentation.

Die Niederlande bekommen die Stickstoffemissionen nicht in den Griff. Autofahrer*innen sollen es jetzt rausreißen.

Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, die Ansteckung mit dem Corona-Virus wäre für Pkw-Insassen auf der Autobahn möglich, und zwar bei höheren Geschwindigkeiten. Das Virus spränge nämlich von Auto zu Auto. Sagen wir, wegen des exponentiell steigenden Luftwiderstandes. Die Infektionsrate erhöhte sich also bei einer Geschwindigkeit über 100 km/h auf der Autobahn nicht nur signifikant, sondern exponentiell. Würde die Regierung sofort geeignete Tempolimits einführen? Nach den Erfahrungen der letzten Monate heißt die Antwort eindeutig ja. Immerhin haben Bundes- und Landesregierungen in der Pandemie-Bekämpfung einen mehr oder weniger wissenschaftsorientierten Kurs gefahren. Weihnachtslieder mit zu vielen Verwandten schmettern? Aus wissenschaftlicher Sicht nicht schlau, also polizeilich verboten und weitestgehend akzeptiert. Frage: Würde nun das autokratische Corona-Tempolimit ebenfalls akzeptiert werden? Ich vermute auch hier hieße die Antwort ja.

Merke: Es kommt bei der Akzeptanz von Tempolimits auf den Grund an. Die Deutschen würden nicht langsamer fahren, um das Klima zu schützen, sondern sich selbst. Der empirische Beweis: Wir Niederländer*innen cruisen seit März 2020 mit Tempo 100 über unsere Autobahnen. Ich wiederhole: hundert. Nur nachts darf man rasen: also 120 km/h oder manchmal gar 130! Staunen bei teutonischen Bekannten.

Manchmal ist es gut, wenn das Unvorstellbare vorstellbar wird. Auch in NL gibt es natürlich Leute, die es gerne mit ihren dicken Volvos, Audis oder BMWs krachen lassen. Um die zu verwöhnen, hatte die Regierungspartei VVD erst vor wenigen Jahren die Höchstgeschwindigkeit von 120 auf 130 km/h erhöht. Nun also plötzlich 100 km/h. Verrückt: Es kam zu keinem Volksaufstand und nicht zu Selbstmorden verzweifelter Porschefahrer. Die verantwortlichen Liberalen (sic!) stehen in den Umfragen glänzend da. Die Regierungspartei hatte geschickt argumentiert, dass wir natürlich nicht wegen der Unfalltoten und schon gar nicht wegen des Klimaschutzes langsamer fahren. Wir tun es zur Rettung der Bauindus­trie, also für unser aller Wohlergehen.

Nun fragen Sie sich, wie durch ein Tempolimit die Bauindustrie gerettet werden kann? Das ist eine lange Geschichte. Nur so viel: Die Emissionspolitik der Regierung ist gescheitert, es gibt nämlich zu viel Stickstoff in der Natur. Das höchste niederländische Verwaltungsgericht fällte folgendes Urteil: entweder weniger Stickstoff oder keine neuen Bauprojekte. Weniger Massentierhaltung ging nicht, weil die Bauern mit ihren Traktoren die Autobahn besetzten. Weniger Bauprojekte ging nicht, weil wir Wohnungen, Gewerbegebiete und Wachstum brauchen. Da blieb also nur noch: langsamer fahren. Und eben nicht wegen bescheuerter Ökos. Sondern für einen guten Grund, den Baugrund. 

Mein Tipp: Versuchen Sie es in Deutschland doch auch einmal mit einem neuen „Framing“. Tempo 100, damit die Braunkohle bis 2038 laufen kann! Tempo 100, damit der Dannenröder Forst nicht der letzte Wald war, der gerodet wurde! Und natürlich Tempo 100, damit die bayerischen BMWs und Audis wieder mit den brandenburgischen Teslas mithalten können. Oder, noch besser: Tempo 100, um die Holländer zu ärgern.

Ehrlich gesagt, wäre ein Tempolimit in Deutschland für mich tatsächlich nicht so toll. Ich bin Vorsitzender des „Maastrichter Clubs langsam fahrender Männer“. Wir pflegen seit Jahren unser außergewöhnliches Hobby „Slow Driving“. Aber in NL macht das keinen Spaß mehr, wo plötzlich alle hundert fahren. Jetzt bleibt uns nur noch der Nervenkitzel auf der deutschen Autobahn. Mit 110 km/h einen Lkw überholen! Daimler mit Lichthupe und 220 km/h von hinten! Was gibt es Aufregenderes. Das wäre dann natürlich vorbei.

Martin Unfried

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