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Editorial 1/2021

Gleichberechtigung von Frauen

Das Maß aller Dinge

In Bonn führt die erste grüne Oberbürgermeisterin Katja Dörner eine bunte Koalition aus Grünen, SPD, Linken und Volt. Jetzt hat das Viererbündnis einen ambitionierten Koalitionsvertrag vorgelegt: Es geht um nichts Geringeres als den sozialen und klima­gerechten Umbau der ganzen Stadt.

„Drastische Einschränkungen werden Autofahrer hinnehmen müssen“, schreibt der Bonner General-Anzeiger. Prima, ist mein erster Gedanke, dann dürfen wir Frauen also weiter mit dem Auto in der Stadt herumfahren. Sprache formt das Denken: Wer von Autofahrern spricht, muss sich nicht wundern, dass sich die Hälfte der Bevölkerung nicht angesprochen fühlt, auch wenn Frauen – wir kennen das Argument – selbstverständlich mitgemeint sind.

In dieser Ausgabe soll es aber nicht um das generische Maskulinum gehen. Überall im öffentlichen Raum – vom Verkehrsschild über die Mobilitätsforschung bis zur Politik – bleiben Frauen immer noch weitgehend unsichtbar. Doch die Lebenswirklichkeit von Frauen muss repräsentiert sein. Dafür gibt es viele Gründe.

Wenn Stadtplaner das Thema Gender nicht berücksichtigen, werden männliche Wegemuster zum Maß aller Dinge. Männer können keine geschlechtsneutrale Perspektive einnehmen, selbst wenn sie davon überzeugt sind, es zu tun. Sie haben keinen weiblichen Körper und müssen sich nicht täglich mit sexualisierter Bedrohung auseinandersetzen. Schon deshalb müssen planende Teams gemischt besetzt sein.

Weiter sind es überwiegend Frauen, die Fürsorgearbeit leisten. Sie bringen die Kinder in die Kita, besuchen die Tante, fahren mit der Oma zum Impfen und gehen für den kranken Nachbarn einkaufen. Diese Fürsorge hält die Gesellschaft zusammen und die dafür zurückgelegten Wege sind systemrelevant. Nur eine gendergerechte Stadtplanung erleichtert es Frauen, ebenso am bezahlten Arbeitsleben teilzunehmen oder Führungspositionen zu erklimmen, wie Männer es tun.

Die Geschlechterlücke existiert auch bei den Daten. Selbst die größte repräsentative Erhebung, Mobilität in Deutschland (MID),  fragt die Mobilitätsbedürfnisse von Frauen nicht wirklich ab. Der beauftragende Bundesverkehrsminister legt einen starken Fokus auf die Arbeitswege. In deren Ausbau fließt auch das meiste Geld: Autoschneisen über Land und in die Zentren werden mit Unsummen ausgebaut, damit sie dem Berufsverkehr irgendwie stand­hal­ten. Fußwege sind für die Infrastrukturpolitik dagegen nicht von Bedeutung, kurze Wege zur Haltestelle Nebensache und schöne, fußläufige Verbindungen von der Wohnung zur Arbeit, zum Einkaufen oder zur Schule im Autoland Deutschland nichts als Mangelware. 

Je nach Lebenssituation können Frauen häufig nicht auf ein Auto verzichten, wenn sie Beruf und Familie unter Zeitdruck in Einklang bringen wollen. Gute Beispiele, wie es gelingen kann, Alternativen attraktiver zu
machen und die Lebensrealität von Frauen mitzudenken, lesen Sie in dieser Ausgabe.
Wie die weiblich geführte Stadt Bonn mit der Verkehrswende vorankommt, wird die gendergemischte fairkehr-Redaktion zu Fuß und auf dem Fahrrad kritisch verfolgen – und bei Gelegenheit berichten.

Uta Linnert

fairkehr 1/2021